Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

D) Die Verwaltung Ägyptens

I.) Heuristische Probleme einer Rekonstruktion der Verwaltung Ägyptens unter Ptolemaios I.

a) Die Quellenlage und mit dieser verbundene heuristische Probleme

2.) Heuristische Probleme und konzeptionelle Schwächen

Zeitgenössische Dokumente aus dem Alltag stellen außerdem nahezu grundsätzlich nur fragmentarische Funde dar, die äußerst wenig über die allgemeine Bedeutung des in ihnen Erwähnten im Rahmen der Gesamtstruktur aussagen und erst recht nicht diese als solche behandeln. Vielmehr bedürfen die meisten aus diesen Dokumenten gezogenen Interpretationen einiger struktureller Vorannahmen wie z.B. eines Konzeptes des Bürokratisierungsprozesses, damit auf dieser Basis überhaupt ein Verwaltungssystem oder gar eine Geschichte von diesem rekonstruiert werden kann.26

Hierbei muß jedoch immer die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß die Verwaltungsstrukturen zumindest auf bestimmten Ebenen und in bestimmten Bereichen eine gewisse Eigendynamik entwickelten. So können auch gewachsene Systeme bzw. Subsysteme ohne zentral und schriftlich fixierte Regeln bis zu einem gewissen Niveau Effektivität entwickeln und v.a. funktionieren, wobei einmal aufgestellte Handlungsweisen weitergegeben werden und nachfolgende Generationen in diesen „Selbstverständlichkeiten“ aufwachsen und sich an diese gewöhnen, so daß sich die gesamte Angelegenheit selbst verwaltet.27 In diesem Sinne gibt es auch für die Zeit des Ptolemaios II. Philadelphos Indizien, daß nicht alle Amts- und Verwaltungsakte nach einem strikt durchorganisierten System abliefen, sondern daß es des öfteren zu „ad hoc arrangements“ kam. Denn die meisten erhaltenen Dokumente zur Verwaltungsstruktur sind persönliche Briefe informellen Charakters, in denen eine Person des Verwaltungsapparates einer anderen bezüglich eines bestimmten Vorganges Ratschläge bzw. Unterweisungen erteilt, bzw. an einzelne Personen gerichtete Ausformulierungen der in der Verwaltungspraxis u.U. nur implizit geltenden Regeln, ohne sie aber selber aufzustellen. So stellt z.B. der Papyrus P. Tebt. 703 (cum commentario) im wesentlichen eine Sammlung von Instruktionen eines Vorgesetzten an seinen Untergebenen v.a. bezüglich der königlichen Einkünfte dar, die von ihrem Charakter her an die Instruktionen des Königs oder eines hohen Beamten an einen Untergeordneten aus der Pharaonenzeit erinnern. Selbst in den erhaltenen προστάγματα der ptolemaiischen Könige läßt sich nirgendwo eine allgemeingültige Regelung von systematischem Charakter bezüglich der Landesverwaltung oder zumindest ein Verweis auf eine solche erkennen, sondern bei allen erhaltenen Erlässen im Bereiche der Landesverwaltung handelt es sich um Regelungen begrenzter Reichweite. Auch kann hierbei kein System erkannt werden, sondern die verschiedenen Anordnungen können sich zumindest aus heutiger Sicht sogar einander widersprechen. Zugleich fällt die hohe Anzahl an Petitionen und Beschwerden an Verwaltungsbeamte auf, die, wie teilweise ihr Inhalt selber, in einem gewissen Umfang darauf hinweist, daß vieles ad hoc gelöst zu werden pflegte. Schließlich können auch nirgendwo wirklich klare Abgrenzungen der Zuständigkeiten und Kompetenzen der einzelnen Instanzen der Verwaltungshierarchie erkannt werden.28

Wahrscheinlich muß im Gegensatz zu den Zeiten des Mohamed Aly (1805-1849 n. Chr.) davon ausgegangen werden, daß der ptolemaiische König auf dem Lande auch nicht über direkte Durchsetzungsmittel verfügte, sondern auf gewachsene lokale Strukturen und lokale Eliten angewiesen war, die über ihr eigenes soziales Netzwerk mit gewissen traditionellen Normen verfügten.29 In Ägypten spielten hierbei v.a. die Familienbande, aber auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von bestimmtem Status wie z.B. zum Stand der Priester, die in jedem ägyptischen Dorf die lokale Elite bildeten, aber auch mit denen anderer Dörfer in Verbindung standen, eine wesentliche Rolle.30 Überhaupt läßt sich für keine Zeit der ägyptischen Geschichte bestimmen, wie weit die Kontrolle der Zentralregierung über ihre eigenen Bedürfnisse wie Steuererhebung und Verpflichtung zur Arbeit an gewissen Gemeinschaftsprojekten hinausreichte oder die königliche Zentralwirtschaft die wirtschaftlichen Strukturen des Landes wirklich durchdrang und in welchem Ausmaße im Gegensatz zu ihr privatwirtschaftliche Methoden existierten.31

Gerade die Ptolemaier verfügten aufgrund ihres Status als Herrscher über ein fremdes Land und Volk mit Hilfe einer Oberschicht in absoluter Minderheit niemals über das notwendige „Menschenmaterial“, um ihr System bis in die unterste Ebene aufzubauen, mit eigenen Kräften durchzuorganisieren und ohne Anpassungen an gegebene Verhältnisse durchzusetzen. Vor allem in Oberägypten und hier besonders in der Thebais waren auch des öfteren wenige Beamte für äußerst weite Landstriche verantwortlich. Hinzu kam noch, daß die makedonischen Fremdherrscher bei der Übernahme der Herrschaft zuerst einmal in einem gewissen Maße auf die bestehenden bürokratischen und verwaltungstechnischen Strukturen angewiesen waren, um überhaupt das Land unter ihre Kontrolle zu bekommen, was wiederum letztere stärkte. Außerdem bestand ein wesentlicher Bestandteil ihrer Legitimationspraxis als Herrscher über das Land den Ägyptern gegenüber in einer möglichst weitgehenden Beibehaltung alter Institutionen. Deswegen befanden sich die neuen Herren v.a. anfangs mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln im wesentlichen nur in der Lage, den alten Strukturen ihre eigenen Leute zwecks Überwachung zur Seite zu stellen. Deshalb hingen die Möglichkeiten jeglichen Wandels in der Verwaltungsstruktur und jeglicher Abänderung am System von der Bereitschaft und Fähigkeit der in diesem System involvierten Personen zur Umsetzung dieser Änderungen ab.32 Dies bedeutet aber auch, daß das Argument, daß Ptolemaios II. Philadelphos das System wesentlich verändert habe, indem er es auf griechische Weise mittels Gesetzen und Anordnungen stringent durchorganisiert habe,33 zumindest nicht in dieser Absolutheit greifen kann. Dementsprechend dürfte auch eine angenommene Verbesserung der Wirtschaftsabläufe34 im Sinne der Gesamtwirtschaft eher marginal gewesen sein.

 

 

Anmerkungen:

26 Manning (2003)b, pp. 17-18; s.a. Davies (1984), p. 260.

27 Man denke hier z.B. nur an den Straßenverkehr in Kairo, der dafür berüchtigt ist, nach seinen eigenen Regeln zu funktionieren, die niemals offiziell verkündet oder niedergeschrieben wurden.

28 Samuel (1989), pp. 54-55; s.a. Rostovtzeff (1928)a, p. 123; Rupprecht / Wolff (2002), Bd. I, p. 53.

29 Manning (2003)b, pp. 5-6 & 184-187; Jouguet (1930/31), p. 518; Crawford (1978), pp. 199-201; Préaux (1978)b, Bd. I, p. 360; s.a. ‎C) III.) b) Inschriften (mutmaßlich) zeitgenössischer Ägypter autobiographischen Charakters.

30 P. Berl. dem. 13538 & 13544 & 13587 & 15527 & P. Pad. dem.; s.a. Manning (2003)b, pp. 184-188; Crawford (1978), pp. 199-201.

31 O’Connor / Silverman (1995), p. XVII.

32 Manning (2003)b, pp. 6 & 67-68 & 193.

33 s. Rostovtzeff (1953), Bd. I, p. 273.

34 s. Rostovtzeff (1953), Bd. I, pp. 272-274.

 

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