Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

D) Die Verwaltung Ägyptens

II.) Grundlagen und Notwendigkeiten der ptolemaiischen Verwaltung

Aufgrund der Struktur des Landes war jeder Herrscher Ägyptens auf eine effektive Landesverwaltung angewiesen, die bis in die entferntesten Teile des Landes funktionierte und diese an die Zentralregierung band. Denn der fruchtbare Teil Ägyptens besteht im wesentlichen aus dem Niltal und dehnt sich an seiner breitesten Stelle auf ca. 250 km in der Breite aus. Im übrigen ist allerdings das Niltal südlich von Memphis mit höchstens 30 km und im Durchschnitt 11 km wesentlich enger. Dafür erstreckt sich das Fruchtland von Alexandreia bis nach Elephantine knappe 1.100 km, und die Länge des Niltales von Memphis bis Elephantine beträgt 880 km. Dies bedeutet auch, daß bei einem Aufstand oder bei sonstigen Machtkrisen in einer oberägyptischen Region die Verbindungen mit den südlich von dieser gelegenen stark behindert wurden.76 Zugleich waren in diesem Gebiet mehrere mächtige Tempel und Priesterschaften, v.a. der Amun-Tempel von Theben mitsamt seiner Priesterschaft und ihren traditionellen Verselbständigungstendenzen, angesiedelt, die über einen starken Einfluß in dieser Region verfügten, so daß hier einerseits eine gewisse Kontrolle notwendig war, andererseits aber auch ihre gewachsenen Strukturen für die Zwecke der zentralen Verwaltung ohne größeren Aufwand eingesetzt werden konnten. Denn gerade beim am weitesten von Memphis entfernten Abschnitt, nämlich dem von Theben bis Elephantine, handelte es sich um den dichtbesiedeltesten des gesamten Niltals und die Thebais war als Endpunkt der gängigen Handelswege zum Roten Meer zudem von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung.77 Schließlich mußte noch v.a. in Anbetracht der großen Distanzen zwecks einer effektiven Verwaltung noch ein gut ausgebautes Nachrichtensystem eingerichtet werden.78

Doch andererseits stand mit dem Nil auch ein Wasserweg zur Verfügung, der bis nach Assuan sehr gut schiffbar ist. Daher begünstigten die Wasserwege zwischen Nilmündung und Elephantine, der klassischen Südgrenze des Reiches, aber auch die Verbindung zum Fayum, sämtliche Fortbewegung und damit auch Handel und Kommunikation, so daß praktisch alle Punkte des Niltales und des Deltas einschließlich des Fayum erreicht werden konnten. Von Elephantine nach Süden hin wurde dagegen die Schiffahrt durch die Katarakte erheblich beeinträchtigt. Dementsprechend spielten die Nilschiffahrt und auch eine Nilflotte eine bedeutende Rolle in der ägyptischen Wirtschaft, doch konnte diese Infrastruktur auch im Krisenfall für Truppentransporte eingesetzt werden.79 Allerdings ließ die Tierwelt des Nils, zu dieser Zeit v.a. noch die Krokodile, diesen Wasserweg zu einem nicht ganz ungefährlichen Gewässer werden.80

Den wichtigsten Faktor in der gesamten Landwirtschaft des Niltales stellte die alljährliche Nilflut dar, mit deren Wassermassen ein Großteil der Bewässerung und Düngung des Fruchtlandes erfolgte. Ihr Rhythmus erlaubte lediglich eine einzige Ernte pro Jahr und legte recht genaue Zeitfenster für Aussaat und Ernte fest, die kaum variiert werden konnten.81 Dabei wurden bis in die Neuzeit hinein zur ausreichenden Bewässerung des Fruchtlandes vor allem mittels Deichen Wasserbecken größeren Ausmaßes angelegt, die die zu bewässernden Felder umfaßten. In diesen Becken wurde das Wasser der Nilflut mehrere Wochen lang gespeichert, so daß der Grundwasserspiegel sich erhöhte, während die Be- und Entwässerung über dafür angelegte Kanäle verlief.82 Die optimale Ausnutzung der Nilflut erforderte also die Anlage von Deichen und Bewässerungsanlagen größeren Ausmaßes, die zugleich regelmäßig instand gehalten werden mußten, da Erddeiche nicht ewig halten und Kanäle immer wieder freigegraben werden müssen.83 Außerdem pflegte die Nilflut verschieden auszufallen, so daß jährlich auch verschiedene organisatorische Reaktionen zur Ausnutzung dieser und gelegentlich zum Schutz vor dieser getroffen werden mußten, da sich sowohl eine zu niedere als auch eine zu hohe Flut katastrophal auswirken konnte.84 Die optimale Ausnutzung der Nilflut konnte aufgrund der damit verbundenen Anforderungen also nicht von den einzelnen Bauern, sondern nur mittels zentraler Koordination der Arbeiten pro Verwaltungseinheit gewährleistet werden. Zugleich war diese optimale Ausnutzung überlebenswichtig, da Ägypten durch die Fruchtbarkeit des Landes eines der dicht besiedeltsten Länder der Oikumene war.85 In diesem Sinne bestand auch ein großes allgemeines Interesse daran, möglichst viel Fruchtland zu gewinnen und dieses in diesem Zustand zu halten.86 Die Aufgabe der zentralen Organisation übernahm in Ägypten traditionellerweise der König mit Hilfe seines Verwaltungsapparates, wofür er aber auch die Erbringung von Gegenleistungen von seiten seiner Untertanen erwarten konnte.87 Die faktische Organisation erfolgte dabei in vielen Gebieten auf lokaler Ebene, während die Zentrale in der Regel höchstens die Koordination und die Aufstellung der Rahmenbedingungen der lokalen Bewässerungsmaßnahmen wie z.B. Maßgaben zur Gewinnung von zusätzlichem Fruchtland durchführte.88 Bei einem derartigen System der optimalen Ausbeute mußte natürlich auch eine gut funktionierende Registrierung von Personen und Besitz vorhanden sein.89 Zusätzlich mußten Streitigkeiten unter den Untertanen durch ein etabliertes Schlichtungssystem behoben und die innere Ordnung und das königliche Recht mittels eines effektiven Polizeisystems durchgesetzt werden, so daß die innere Stabilität gewahrt werden und dieses System funktionieren konnte.90

Elementar überlebenswichtig war v.a. auch die Errichtung eines gut funktionierenden Wirtschaftssystems mit ausreichend hohen Exportüberschüssen. Denn Ägypten war arm an Holz, Pferden, Elephanten, Silber, Gold, Kupfer und Eisen, so daß diese importiert werden mußten. Dabei konnten teilweise noch in vielen Fällen die Kyrenaia, Zypern und zeitweise Koilesyrien Abhilfe schaffen, wenn sie sich nicht gerade der ptolemaiischen Kontrolle entledigt hatten, so daß hauptsächlich Gold und Elephanten noch ein größeres Problem bildeten.91 Doch erforderte die Unterhaltung der Söldnerheere und der Flotte schon unter Ptolemaios I. gewaltige Summen.92 So war dieser v.a. sehr rege im Aufbau einer schlagkräftigen Flotte, die zeitweise den höchsten Standard im Mittelmeerraum erreichte, während er bei seinem Antritt eine von lediglich 30 Kriegsschiffen übernommen hatte (s. in B) II.) a) 2.) α) Die militärische und wirtschaftliche Bedeutung Ägyptens), wobei er nach der Seeschlacht von Salamis 306 im Jahre 295 schon wieder in der Lage war, eine große Flotte von 150 Schiffen nach Athen zu entsenden (B) II.) d) 2.) Die Ausschaltung des Demetrios Poliorketes).93 Hinzu kamen die Kosten für den immensen Verwaltungsapparat des ptolemaiischen Reiches, die für den kulturellen und den religiösen Bereich mitsamt den profanen und sakralen Bauprojekten und schließlich auch die Hofhaltung, die allesamt jeweils ein äußerst bedeutendes Budget erforderten, das eine volle Staatskasse zur Voraussetzung hatte.94 Ob allerdings die makedonischen Fremdherrscher dabei noch mit dem Problem konfrontiert waren, daß das Wirtschaftssystem nach dem Ende der Perserherrschaft vor dem Ruin gestanden habe,95 kann nicht beantwortet werden, wobei hier allerdings in dieser Formulierung auch eine Schwarz-Weiß-Malerei vorliegen dürfte, zumal da das Verwaltungssystem auf provinzieller Ebene eine gewisse Eigendynamik entwickeln konnte (D) I.) a) 2.) Heuristische Probleme und konzeptionelle Schwächen) und Kleomenes schon in den ersten zehn Jahren makedonischer Fremdherrschaft in der Lage war, größere Summen aus dem Land zu erwirtschaften (s. in B) II.) a) 2.) β) Die innenpolitische Machtfestigung und die Beseitigung des Kleomenes).

So entwickelte sich unter den Ptolemaiern dann v.a. im 3. Jh. ein perfekter „Staatsmerkantilismus“, indem die Könige versuchten zwecks einer schnelleren und größeren Vermehrung der Staatsfinanzen an allen Handelsgeschäften mit guten Gewinnmöglichkeiten möglichst viel mitzuverdienen. Dementsprechend kann auch die Errichtung des Leuchtturmes zu Pharos interpretiert werden, der neben den eigenen Kriegsschiffen auch Handelsschiffen jeglicher Herkunft ein sicheres Erreichen des Hafens in Alexandreia ermöglichen sollte (s. in E) I.) e) 3.) Bauliche Anlagen der Stadt). Außenpolitisch wäre hiergegen v.a. die Unterstützung von Rhodos durch Ptolemaios I. gegen Demetrios Poliorketes zu erwähnen, da es sich hierbei um einen für das ptolemaiische Reich überlebenswichtigen Warenumschlagsplatz handelte, der nicht in gegnerische Hände fallen sollte.96 Hinzu kamen noch weitere Einnahmequellen. So ergab sich in der Gesetzgebung noch eine weitere Geldquelle durch die Verhängung von Geldstrafen und durch die Sanktionierung in Form von Konfiskationen bei gewissen Vergehen.97 In dem an Kriegen nicht armen Zeitalter kam aber auch noch eine weitere gängige Einkommensquelle der Antike, nämlich die Beute aus Feldzügen,98 zur vollen Geltung. So hatte v.a. schon Alexander der Große auf seinem Zug angeblich etwa 180.000 Talente an Persischem Gold erbeutet und sie zum größten Teil zu Münzen verarbeitet, während später Ptolemaios III. Euergetes bei der Eroberung von Seleukia 1.500 Talente Silber, also etwa 10% seines normalen Jahreseinkommens, raubte und Antiochos IV. Epiphanes den Tempel von Jerusalem um 1.800 Talente erleichterte.99 Zur Kriegsbeute kamen schließlich noch die Abgaben der Poleis in Form von Tributen und Hilfskontingenten bei Feldzügen hinzu.100

Schließlich bestand eine weitere Grundlage der ptolemaiischen Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik darin, daß sich die Zeit des frühen Hellenismus durch eine erhöhte Mobilität und Zerstreuung im Griechentum und bei den Makedonen auszeichnete. Denn einerseits wurden viele Griechen von den diversen Mächten als Söldner angeworben und nahmen dabei oft ihre Frauen und anderen Angehörigen mit, andererseits wurden auch viele Menschen zwangsumgesiedelt bzw. mußten bei politischen Wenden aufgrund von Veränderungen in der Vorherrschaft vor dem neuen Potentaten fliehen bzw. konnten bei solchen Machtwechseln auch Teile der Bevölkerung verbannt werden. Gelegentlich wurden bei gewaltsamen Eroberungen z.T. auch ganze Stadtbevölkerungen in die Sklaverei verkauft. Außerdem lockte auch der Reichtum Ägyptens und seiner Äcker wohl nicht wenige griechische Kolonisten an, zumal da im Bereich der klassischen griechischen Welt traditionell ein Bevölkerungsdruck von nicht unbeträchtlichen Ausmaßen existierte.101

 

 

Anmerkungen:

76 Bengtson (1975), p. 17; s.a. Turner (1984), pp. 129-130.

77 Manning (2003)b, pp. 33-35.

78 Bengtson (1975), p. 17.

79 van’t Dack / Hauben (1978), p. 60; s.a. Butzer (1982), p. 481; Turner (1984), p. 129.

80 Turner (1984), p. 129.

81 Manning (2003)b, p. 72.

82 Manning (2003)b, pp. 72-73; s.a. Butzer (1982), p. 481; Turner (1984), pp. 777-778; Thompson (1988), p. 38.

83 Bowman (1986), pp. 19-20 & 103; s.a. Schenkel (1975), p. 780; Gehrke (2003), p. 58.

84 Plin. nat. 5,58: iustum incrementum est cubitorum XVI. minores aquae non omnia rigant, ampliores detinent tardius recedendo; hae serendi tempora absumunt solo madente, allae non dant sitiente. utrumque reputat provincia; in XII cubitis famem sentit, in XIII etiamnum esurit, XIV cubita hilaritatem adferunt, XV securitatem, XVI delicias.; s.a. Manning (2003)b, pp. 29-30; Schenkel (1975), p. 777; Bowman (1986), p. 13; Mojsov (2005), p. 2.

85 Manning (2003)b, pp. 27-28.

86 Bowman (1986), p. 13.

87 Gehrke (2003), p. 58; s.a. Schenkel (1975), p. 780.

88 Manning (2003)b, pp. 183-184.

89 Bouché-Leclercq (1903-1907), Bd. III, p. 290; s.a. Clarysse / Thompson (2002), pp. 203-204.

90 della Monica (1993), p. 48; s.a. Schneider (1967/69), Bd. I, p. 455; Thompson (1997), p. 961; Homoth-Kuhs (2005), pp. 9-13.

91 Rostovtzeff (1953), Bd. I, p. 381.

92 Hölbl (1994), p. 31; s.a. Turner (1984), p. 134; Bengtson (1987), p. 62; Green (1990), pp. 188 & 192.

93 van’t Dack / Hauben (1978), pp. 71-72; s.a. Préaux (1939), p. 38.

94 Huß (2001), p. 218; s.a. Bouché-Leclercq (1903-1907), Bd. III, pp. 285-287; Préaux (1939), pp. 29-62 passim.

95 della Monica (1993), p. 27.

96 Huß (2001), pp. 218-219; s.a. Hölbl (1994), p. 31.

97 Préaux (1939), pp. 405-409.

98 Aristot. pol. 1,8,8: Διὸ καὶ ἡ πολεμικὴ φύσει κτητική πως ἔσται. Ἡ γὰρ θηρευτικὴ μέρος αὐτῆς, ᾗ δεῖ χρῆσθαι πρός τε τὰ θηρία, καὶ τῶν ἀνθρώπων ὅσοι πεφυκότες ἄρχεσθαι μὴ θέλουσιν, ὡς φύσει δίκαιον τοῦτον ὄντα τὸν πόλεμον.; die homerischen Epen zogen sogar den gewaltsamen Beutezug dem friedlichen Handel für Profit vor, indem der Händler als ein verachtenswerter Mann angesehen wird (Hom. Od. 8,159-164).

99 Green (1990), p. 362.

100 Rostovtzeff (1953), Bd. I, p. 138.

101 Bengtson (1987), pp. 179-180; s.a. Jouguet (1923), p. 429; Ferguson (1928), p. 1.

 

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