Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

B) Rahmenhandlung und Außenpolitik einschließlich der Verwaltung der Provinzen

III.) Die Außenbesitzungen

a) Die Kyrenaia

5.) Das Verfassungsdiagramm

In bezug auf Kyrene blieb auch eine wohl von Ptolemaios I. initiierte Verfassung in Form einer Inschrift erhalten,393 wobei es sich um die einzige bekannte der griechischen Antike handelt, die systematisch in einer Inschrift überliefert wurde.394 Der Text dieser Inschrift kann jedoch an vielen Stellen nicht mehr und an anderen nur sehr vage entziffert werden, so daß bei einigen Passagen höchstens der allgemeine Sinn verstanden werden kann,395 wobei aber z.B. die Institutionen der Verfassung als solche an einer halbwegs lesbaren Stelle erwähnt werden. Von seinem Aufbau her läßt sich der Text in zwei Abschnitte unterteilen, nämlich in einen mit politischen und juristischen Anordnungen (Ferri (1925), ll. 1-73 ≈ SEG IX,1,1-72; s.a. SEG XVIII,726,46-72) und in einen mit den Namenslisten der ersten Besetzungen der verschiedenen Ämter (Ferri (1925), ll. 73-88 = SEG IX,1,72-87).396

Gemäß den Regelungen dieser Verfassung betrug das Mindestalter für die politische Partizipation 30 Jahre (Ferri (1925), l. 13 = SEG IX,1,12), während die Mindestqualifikation zur Gruppe der „10.000“, d.h. der Aktivbürger, im Sinne des Zensus 20 Minen bzw. 2.000 Drachmen freien und „unsterblichen“ (?, lacuna) Vermögens betrug (ἀθάνατα χρήματα), wobei das Vermögen der Frau mit angerechnet werden konnte und die τιμητῆρες es als schuldenfrei klassifizieren mußten (Ferri (1925), p. 6 = SEG IX,1,7-9). Anderes Vermögen, das z.B. verliehen oder bei Unternehmungen anderer angelegt worden war, mußte nicht nur durch die τιμητῆρες festgestellt, sondern auch durch den Schuldner bzw. im Falle der Ableugnung der Schulden durch die Nachbarn des Betroffenen, die in diesem Falle nicht zu den 10.000 zu zählen brauchten, als Zeugen der Transaktion im Sinne der Publizität von Besitzverhältnissen bestätigt werden (Ferri (1925), ll. 8-10 = SEG IX,1,9-12). Die τιμητῆρες, 60 an der Zahl, wurden von der Gerusia ausgewählt und mußten mindestens 30 Jahre alt sein (Ferri (1925), ll. 13-16 = SEG IX,1,12-15).397 Bestimmte Berufsgruppen wie „Steinarbeiter, Lastträger und sonstige Handarbeiter“ wurden hierbei anscheinend a priori von der Aktivbürgerschaft ausgeschlossen.398 Auch die Fixierung auf ἀθάνατα χρήματα brachte eine weitere Einschränkung mit sich, wobei die genaue inhaltliche Bedeutung des Begriffes nicht geklärt werden kann, indem nach einer Interpretation im Sinne einer traditionellen Oligarchie v.a. der Immobilienbesitz gemeint gewesen sei, so daß Händler diverser Waren und u.U. Spekulanten wie Teilhaber von Schiffsladungen und Beteiligte an Wechselgeschäften ausgeschlossen gewesen wären,399 während andere davon ausgehen, daß hierunter im Gegensatz z.B. zu Herden, die zwar in der klassischen antiken Gesellschaft einen gewissen Wert besaßen, zugleich aber auch leicht vergehen konnten, v.a. nicht verderbliche und nicht konsumierbare Güter fielen.400 Was die Anzahl von 10.000 Aktivbürgern betrifft, so erscheint diese, auch wenn sie eher als symbolischer Wert betrachtet werden muß, angesichts der Größe von Kyrene, das mutmaßlich eine äußerst große Polis war, sehr bescheiden.401

Der Rat von Kyrene bestand gemäß dieser Verfassung aus 500 gelosten Mitgliedern, die normalerweise mindestens 50 Jahre alt sein mußten, aber im Falle, daß sonst die notwendige Zahl nicht erreicht werden konnte, auch nur die 40 erreicht haben mußten. Hierbei wurde das Gremium in der ersten Periode für zwei Jahre besetzt und danach immer nur die Hälfte, je nach Interpretation des Textes, jährlich bzw. zweijährlich erneuert (Ferri (1925), ll. 17-20 = SEG IX,1,16-19), was wohl als eine Maßnahme zur Wahrung der Kontinuität gewertet werden muß.402 Hinzu kam eine Gerusia aus 101 lebenslänglichen Mitgliedern von mindestens 50 Jahren, die in ihrer Urbesetzung von Ptolemaios persönlich ernannt wurden, danach aber wohl von den 10.000 gewählt wurden. Diese durften außer dem Strategenamt im Kriegsfalle und dem eponymen Apollon-Priestertum keine anderen Ämter übernehmen (Ferri (1925), ll. 21-24 = SEG IX,1,20-23). In bestimmten Fällen konnten sie mutmaßlich auch abgesetzt werden (Ferri (1925), l. 22: ἀποσταθένταSEG IX,1,21).403 Diese beiden Institutionen ließen zusammen eine immense Zahl von politisch aktiven Bürgern höheren Alters notwendig werden. Denn zu den 101 Mitgliedern der Gerusia kamen noch die 500 amtierenden Ratsmitglieder und mindestens 250 weitere Personen hinzu, die die jeweils ausscheidende Hälfte des Rates ersetzten, da diese nicht direkt wiedergewählt werden konnten. Nach manchen Interpretationen dauerte hierbei die Nichtwählbarkeit u.U. sogar zwei Jahre an, so daß dann sogar 500 zusätzliche Kandidaten notwendig gewesen wären und eine Gesamtzahl von mindestens 1101 politisch aktiven „Senioren“ das Minimum gewesen wäre.404

Aus den Reihen der Gerusia mußte der jährlich wechselnde und von den 10.000 gewählte Apollon-Priester stammen, dessen Amt jeder nur einmal in seinem Leben bekleiden durfte (Ferri (1925), ll. 25-26 = SEG IX,1,24-25).405 Dieses Amt wird in diesem Text zwar im Plural erwähnt, aber spätestens seit Ptolemaios VIII. Euergetes II. handelte es sich hierbei um ein eponymes Amt, was eher für einen einzigen spricht (s. Athen. 549f).406 Der Plural könnte dann als die Reihe der Amtsinhaber über die Jahre hinweg interpretiert werden.407 Offen bleibt aber auch, daß einer von mehreren Apollon-Priestern eine besondere Position im Kollegium innegehabt haben könnte. Eine besondere Rolle der Amtsträger im politischen Zusammenspiel der Institutionen der Stadt läßt sich nicht erkennen.408

Ferner gab es ein Strategenkollegium von sechs Personen, unter denen Ptolemaios diese Stellung auf Lebenszeit innehatte (Ferri (1925), l. 27 = SEG IX,1,26). Hierbei ließ er sich aber mutmaßlich durch eine Person seiner Wahl, die faktisch dieses Amt übernahm, vertreten, da in der Liste der Amtsträger der ersten Jahre zwölf Strategen genannt werden (Ferri (1925), ll. 74b-78 = SEG IX,1,73b-78). Für die anderen fünf wurde in Friedenszeiten ein Minimalalter von 50 Jahren festgelegt und die Wiederwahl verboten (Ferri (1925), ll. 27-29 = SEG IX,1,26-28), während im Falle eines Krieges außerhalb Libyens sofortige Neuwahlen unter allen Vollbürgern möglich waren, indem den 10.000 freigestellt wurde, darüber zu befinden, wie auch bei den folgenden regulären Wahlen die Wahl jedes Vollbürgers freistand (Ferri (1925), ll. 29-32 = SEG IX,1,28-31).409 Hierdurch wurde einerseits gesichert, daß sich normalerweise niemand in dieser Position mit gewissem Prestige etablieren konnte, zugleich aber im Kriegsfalle die Möglichkeit bestand, eventuell inkompetente Amtsträger durch für diese Position geeignetere zu ersetzen. Außerdem kamen noch neun Nomophylakes und fünf Ephoren hinzu, die jeweils nur einmal im Leben dieses Amt bekleiden durften und zumindest für das zweite Amt mindestens 50 Jahre alt sein mußten.410

Schließlich wird noch ein Gericht von 1.501 erlosten Aktivbürgern erwähnt, das zusammen mit dem Rat und der Gerusia in Kapitalprozessen urteilte (Ferri (1925), ll. 36-38 = SEG IX,1,35-38), wobei nach einer Interpretation Rat und Gerusia ein Vorurteil und die 1.501 bzw. ein Teil von ihnen im Falle eines vorläufigen Schuldspruches das endgültige Urteil gefällt haben könnten.411 Hierbei wurde ausdrücklich festgelegt, daß die alten Gesetze und Rechtsnormen weiterhin als Maßstab zu gelten hatten, solange sie nicht den Bestimmungen der neuen Verfassung widersprachen, und daß die Gerusia, der Rat und die 10.000 abgesehen von den explizit angeführten Bestimmungen die alten Funktionen ihrer Vorgängerinstitutionen beibehalten sollten, wobei die 10.000 die ehemaligen „1.000“ ersetzen sollten.412 Im gleichen Abschnitt wurde außerdem bestimmt, daß die Beamten im Sinne der aktuell gültigen Gesetze rechenschaftspflichtig waren (Ferri (1925), ll. 39-40 = SEG IX,1, ll. 38-39). Für den heutigen Historiker bringen diese Regelungen den Nachteil mit sich, daß in diesem Verfassungstext zwar die einzelnen Institutionen aufgeführt werden, weil es technische Änderungen gab, aber ihre Kompetenzen nicht explizit erwähnt werden, da sie nahezu alle von der alten Verfassung übernommen und deswegen nicht explizit aufgeführt wurden.413

Diese Verfassung trägt zugleich den Charakter eines versuchten Ausgleiches zwischen der Freiheit einer autonomen Polis und der Autorität des monarchischen Flächenstaates, zu dessen Gebiet auch eben das Gebiet der Polis gehörte, um somit den Mitgliedern dieser das Gefühl von Autonomie und Freiheit, dem Herrscher aber zugleich eine Gewähr für seine Kontrolle über diese Stadt zu geben, indem er neben seiner Position als ewiger Stratege sich auch gewisse Sonderbefugnisse vorbehielt.414 Manche dieser Klauseln besaßen aber auch den Charakter von Sonderlösungen für eine Übergangszeit nach einer Periode innerer Wirren, um somit v.a. durch die Unterdrückung von Lynchjustiz und die Wiederherstellung von alten Verhältnissen die Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen. So behielt sich Ptolemaios das Recht vor, Personen, die während der Wirren aus Kyrene geflohen waren und nun zurückkehrten, wieder unter die stimmberechtigten Bürger einzureihen (Ferri (1925), ll. 7-8 = SEG IX,1,6-7), wobei es sich hierbei um Vertreter der oligarchischen Fraktion gehandelt haben dürfte, die in der Regel zumindest vor ihrer Flucht ein dementsprechendes Vermögen besessen haben dürften.415 Auch wurde festgelegt, daß die erste Einschätzung durch die τιμητῆρες noch nach den alten Listen zu erfolgen habe (Ferri (1925), l. 16 = SEG IX,1,15), so daß bei der ersten Schätzung die „Zensusklassen“ nach dem Stand von vor den Wirren festgesetzt wurden und etwaige Enteignungen, deren Annullierung u.U. noch bei weitem nicht erledigt war, nicht ins Gewicht fielen, während die vorläufigen Gewinner der Wirren durch ihre Gewinne nicht in die Klasse der 10.000 gelangen konnten. Für die folgenden drei Jahre konnten die Angeklagten in Kapitalprozessen außerdem zwischen einem Prozeß vor einem städtischen oder einem satrapischen Gericht wählen,416 was wohl zur Absicherung gegen eine eventuelle Lynchjustiz und damit gegen ein Wiederaufflammen der Unruhen gedient haben dürfte. In diesem Sinne behielt Ptolemaios sich in Prozessen mit Verbannung als Strafe das letzte Votum vor.417

Eine weitere Klausel beinhaltete, daß die Söhne eines Kyrenaiers und einer Libyerin, die aus dem Gebiet der Kyrenaia stammte, das Bürgerrecht erhalten sollten.418 Diese Verfahrensweise wurde normalerweise bei Kolonien angewandt, die aus Sicht der griechischen Welt weit abgelegen lagen. In diesem Falle könnte auch noch ein Versuch des Ptolemaios vorgelegen haben, sich die Sympathie der Libyer und damit verbunden eine Stärkung seines Einflusses in der Kyrenaia zu sichern.419 Schließlich wurde die Verfassung noch durch die Klausel abgesichert, daß alle, die den Entscheidungen des Ptolemaios bezüglich der Kyrenaia Widerstand leisten würden, mit dem Tod bestraft würden.420 In keiner Weise wird unter den Verfassungsinstitutionen oder unter den Amtsinhabern ein Statthalter der Provinz erwähnt, so daß er anscheinend als Garnisonskommandant nur realpolitische, aber keine formale Macht besaß, indem Ptolemaios seine Vertreter im Strategenamt wohl regelmäßig mit Kyrenaiern besetzte, wie auch Kassandros Demetrios von Phaleron als formalen Leiter des Staatswesens ausgewählt hatte.

Bezüglich der Datierung dieses Dokumentes bestehen wesentliche Unklarheiten. Da der Name Ptolemaios ohne weitere Bestimmung angeführt wird, wurde es gelegentlich Ptolemaios III. Euergetes anläßlich der Wiedereinverleibung der Kyrenaia zugeordnet.421 Hierzu wurde angeführt, daß diese Verfassung die eines die gesamte Kyrenaia umfassenden κοινόν gewesen sei, das erst unter diesem Herrscher belegt werden könne, und außerdem dem Arkadischen Bund dieser Zeit entspreche, mit dem personale Verbindungen bestanden hätten.422 Jedoch besitzt diese Verfassung nicht die Eigenschaften einer eines Bundes mehrerer autonomer Poleis.423 Denn auch wenn die Söhne von Frauen aus der gesamten Kyrenaia in die Bürgerschaft einbezogen wurden,424 so bildete immer noch die Abstammung von einem Kyrenaier als Vater eine notwendige Voraussetzung zur Anerkennung der Bürgerschaft, weswegen die Libyerinnen, wie erwähnt, eher zur Auffüllung der Bürgerschaft gedient haben dürften. Nach den Befürwortern der Spätdatierung trägt dieser Vertrag auch den Charakter einer Vereinbarung, in der die Stadt ihre Autonomie eindeutig wahren konnte, während die Gegenseite dieses Diagramm als einen Erlaß sieht, in dem einer kriegerisch unterworfenen Stadt eine neue Verfassung aufoktroyiert wurde.425 Gegen die Spätdatierung wurde eingewendet, daß es unwahrscheinlich sei, daß in einem Dokument über Kyrene nur der Name des Ptolemaios III. Euergetes, aber nicht der seiner Gattin erwähnt worden sei, obwohl der Lagide diese Besitzung durch die Heirat mit eben dieser zurückerhalten habe.426 Als Gegenargument wird hingegen wieder angeführt, daß allein Ptolemaios genannt worden sei, weil er ein Amt im Rahmen dieser Verfassung übernommen habe, während seine Frau kein Amt innegehabt habe, wie auch deswegen der Königstitel von ihm nicht erwähnt worden sei, da er seine Herrscherposition gegenüber dem betreffenden Gemeinwesen nicht habe herausstreichen wollen, so daß das Fehlen des Königstitels nicht unbedingt für die Satrapenzeit des Ptolemaios I. spreche.427 Jedoch wurde das τίμημα in μναῖ Ἀλεξάνδρειοι (SEG IX,1,8-9) und damit offensichtlich in Form von Alexandergeld nach attischem Münzfuß festgesetzt, was auf Ptolemaios I. hindeuten würde.428 Von den Anhängern der Spätdatierung wird das Geld jedoch schlichtweg als in Alexandreia geprägtes Geld verstanden bzw. gemutmaßt, daß trotz der Gewichtsreduzierungen der Drachmen im ptolemaiischen Wirtschaftsraum die Mine attischen Standards weiterhin unter dem Namen der Alexandersmine als Maßstab üblich geblieben sei.429 Hierdurch wäre aber innerhalb des eigenen Geldsystems der Ptolemaier ein Tohuwabohu entstanden, indem eine Mine nicht mehr 60 Drachmen, sondern etwas mehr als 70 Drachmen wert gewesen wäre, wodurch das ptolemaiische Umlaufgeld mit Nominalwerten in Drachmen und Obolen als offensichtlich geringwertiger deklariert worden wäre, was wiederum den mutmaßlichen Umtauschintentionen der Ptolemaier widersprochen haben dürfte (s. in D) III.) b) Münz- und Währungspolitik). Schließlich besaßen die Sonderregelungen ihren Sinn v.a. in der Situation unter Ptolemaios I., als innere Wirren das politische Leben und das soziale Zusammensein in Kyrene schwer belastet hatten, während im Rahmen der Geschehnisse zwischen dem Tod des Magas und der Übernahme durch Ptolemaios III. keinerlei Flüchtlingswellen erwähnt werden.430

Somit dürfte als gesichert gelten, daß die Verfassung unter Ptolemaios I. vor 306, also vor der Annahme des Königstitels und der Abwendung vom attischen Standard, nach der Beilegung eines Konfliktes erfolgt ist, wofür die Jahre 322/21, 312 oder 308 in Frage kämen. Gegen 322/21 wird gern eingewendet, daß in der Verfassung die „1.000“ erwähnt wurden, die durch die „10.000“ ersetzt werden sollten (Ferri (1925), l. 7), so daß diese Version ein Kompromiß nach erneuten Unruhen nach 322/21 gewesen sei, nachdem Ptolemaios zuerst eine streng oligarchische Verfassung erlassen habe. Abgesehen davon, daß es sich mutmaßlich nicht um absolute, sondern eher symbolische Zahlen handelte, so daß der Unterschied geringer gewesen sein könnte, könnte der Lagide schon 322/21 nicht allein auf die Wünsche der von ihm unterstützten Oligarchen eingegangen sein, sondern im Sinne eines Ausgleiches zum allgemeinen inneren Frieden auch die Interessen der Demokraten zu einem gewissen Teil berücksichtigt haben, indem er aus einer zu strengen Oligarchie eine gemäßigtere werden ließ.431

Des weiteren wird gelegentlich auf Basis der Numismatik argumentiert. So weisen einige Münzen auf der Vorderseite einen Athena-Kopf und auf der Rückseite eine Nike und die Aufschriften ΚΥΡΑΝΑΙΩΝ und ΠΤΟΛΕΜΑΙΩ auf (170 & 170a-d). Danach wurden jedoch Münzen geprägt, von denen eine mit Karneios vorne und Hermes hinten verziert und mit ΔΑΜΩ ΚΥΡΕΝΑΙΩΝ beschriftet ist, zwei mit der Legende ΚΥΡΕΝΑΙΩΝ vorne einen Jünglingskopf und hinten Silphion und Palme zeigen (173 & 173a) und schließlich zwei weitere mit der Aufschrift ΔΑΜΩ ΚΥΡΕΝΑΙΩΝ versehen sind, von denen eine einen Jünglingskopf vorne und einen Eros hinten (173b) und die andere eine Artemis vorne und eine Nike hinten (188a) aufweist. Nun würden die Münzen mit Silphion und Palme auf eine „gewollte oder geschehene Verbindung“432 von Kyrene und Karthago hindeuten, da es die Symbole beider Staaten seien. Diese dürfe aufgrund der vorangegangen Münzen mit der Legende ΠΤΟΛΕΜΑΙΩ nicht mit der karthagischen Unterstützung gegen den Thibron-Aufstand verbunden werden, sondern müsse auf die Karthagopläne des Ophellas bezogen werden, was wiederum bedeuten würde, daß dieser zu dieser Zeit praktisch vollkommen unabhängig gewesen sei. Die nahezu zeitgleichen Münzen mit der Aufschrift ΔΑΜΩ ΚΥΡΕΝΑΙΩΝ legten dann nahe, daß er diese Position dadurch erlangt habe, daß er die demokratischen Schichten von Kyrene und ihre Bestrebungen gegen die Intentionen des Ptolemaios unterstützt und so Einfluß gewonnen habe. Zugleich sei die Aufschrift der letztgenannten Münzen auch eine Replik auf die ΠΤΟΛΕΜΑΙΩ ΚΥΡΕΝΑΙΩΝ gewesen, die aus numismatischer Sicht mit den anderen zusammenhängen und demnach kurz vorher, also 312/11 geprägt worden seien. Zugleich lieferten diese Münzen einen nachdrücklichen Hinweis auf die von Ptolemaios I. aufoktroyierte Verfassung, so daß das Diagramm von 312/11 stammen müsse.433 Ein anderer Ansatz besteht hingegen darin, daß die Münzen mit der Aufschrift ΠΤΟΛΕΜΑΙΩ ΚΥΡΕΝΑΙΩΝ schon kurz vor dem Aufstand von 312/11 geprägt wurden, indem Ptolemaios nun seine Vormachtstellung demonstrierte, wobei diese Serie auch mit der aus Alexandreia mit der Legende ΑΛΕΞΑΝΔΡΕΙΩΝ ΠΤΟΛΕΜΑΙΟΥ in Verbindung gesetzt werden kann. Die Münzen im Namen des Volkes der Kyrenaier gehören dann schon in die Phase der Rebellion und stellten u.U. eine Reaktion auf die vorherigen Serien dar, während eine Verlegung in die Zeit der Rebellion des Ophellas auch daran krankt, daß diese nicht besonders wahrscheinlich ist. Schließlich würden die Serien mit dem Palmbaum an die Volksserien anschließen und auf das Vorhaben des Ophellas verweisen.434 Auch muß die an Ptolemaios erinnernde Münzlegende nicht in direkter Verbindung mit dem Akt der Verfassungsgebung stehen, sondern kann lediglich einen normalen Akt der Anerkennung der Oberherrschaft des Ptolemaios bzw. formal gesehen der Dankbarkeit der Stadt diesem gegenüber darstellen.

Sprachliche Indizien helfen hingegen kaum weiter, da einerseits der dorisch geprägte Lokaldialekt von Kyrene bis in christlicher Zeit in Gebrauch war und es sich andererseits um eine zumindest faktisch aufoktroyierte Verfassung handelte, so daß die Tatsache der Abfassung des Textes im Dialekt der Koine keinen Anhaltspunkt zur Datierung liefert.435 Zugleich muß auch ein Datierungsversuch auf Basis eines Vergleiches mit einer anderen historisch zu datierenden Verfassung von sehr zweifelhaftem Charakter bleiben. Denn abgesehen davon, daß nur ein äußerst geringer Bruchteil der griechischen Verfassungen überhaupt überliefert ist, konnten die Institutionen der verschiedenen Verfassungen miteinander sehr ähnlich sein, so daß manche Einrichtungen, die Ähnlichkeiten mit der Verfassung des Arkadischen Bundes aufweisen, zugleich auch Parallelen in der athenischen Verfassung unter Antipatros aufweisen können wie z.B. der Zensus von 2.000 Drachmen.436

Ein anderer Ansatz besteht in der Erwähnung von Flüchtlingen in dieser Verfassung, für die es nur 321 überhaupt einen Beleg gibt (Diod. 18,21,6), wie auch gerade bei der Eroberung die Stadt unter starken inneren Spannungen litt, durch die es ja schließlich zu dieser Intervention gekommen war, so daß sämtliche Schutzklauseln dort einen besonderen Sinn hatten.437 Hinzu kommt noch, daß Ptolemaios somit bei der Eroberung dieser Provinz die Verwaltung der Neuerwerbung so organisierte, ohne einen allzu großen eigenen Verwaltungsapparat einrichten zu müssen, indem er die vorhandenen Ressourcen nutzte, zumal da er zu diesem Zeitpunkt am Anfang der eigenen Regierungstätigkeit wohl noch nicht die Erfahrung zur effektiven Errichtung einer Verwaltungsstruktur in neu eroberten Gebieten besaß.438 Auch weiß Arrian zu berichten, daß Ptolemaios sich 322/21 nach Beruhigung der Lage persönlich nach Kyrene begab.439 Schließlich ergibt der Vergleich einer Liste von Personen, die ein entsprechendes Amt innehatten, mit den Namen von Stiftern datierbarer Stiftungen, daß zwei dieser Personen aufgrund ihrer um 345 belegten Aktivitäten um 375 geboren sein und somit kurz nach 321 den Gipfel ihrer politischen Karriere erreicht haben dürften.440 Hierbei bleibt jedoch immer noch die Möglichkeit bestehen, daß Ptolemaios auf der traditionellen Verfassung von Kyrene aufgebaut und v.a. alte Amtsbezeichnungen übernommen haben könnte, so daß einzelne Ämter oder gar ihre reinen Bezeichnungen nicht unbedingt einen schlagkräftigen Beweis darstellen. Besser sieht es hingegen mit der Tatsache aus, daß im Pronaos des großen Zeus-Tempels in einer Inschrift fünf Namen auftauchen, die im Diagramm erwähnt werden und teilweise nicht sehr häufig sind.441

Der Text der Verfassung läßt schließlich noch offen, ob Ptolemaios die Verfassung selber per Edikt in Kraft setzte oder ob diese formal von der Bürgerschaft der Stadt verabschiedet wurde, indem die Regelungen dieses Dokumentes an einer Stelle als νόμοι (SEG IX,1,6) bezeichnet werden, während der Begriff des διάγραμμα (SEG IX,1,38) trotz seiner gängigen Verwendung für königliche Erlasse in manchen Fällen auch in diesem Sinn verstanden werden kann.442 Die in der Inschrift vorkommenden Archaismen und dialektalen Formen sprechen hierbei eher für eine Ausformulierung des Textes außerhalb der ptolemaiischen Kanzlei.443 Auch werden in der Verfassung Nomotheten erwähnt, was dafür zu sprechen scheint, daß diese zur Schaffung dieser Verfassung bestimmt worden seien, da sie wohl kaum mit den legislativen Details bei der Umsetzung der Verfassung beschäftigt gewesen sein dürften, indem die alten Gesetze weiterhin galten und im Falle des Widerspruchs zur neuen Verfassung durch die Organe der neuen Verfassung regulär hatten angepaßt werden können.444 Jedoch könnte ihre Aufgabe bei einem Ausgleich zwischen den oligarchischen und demokratischen Strömungen durch diese Verfassung, die typische Elemente beider Formen enthielt, darin bestanden haben, die verschiedenen Gesetze diesem Ausgleichscharakter der Verfassung anzupassen. Zugleich könnte es sich hierbei auch u.U. um eine reguläre Institution der Verfassung handeln, die schon vorher in dieser Form existiert und durch die Neuformulierung keine Abänderung erfahren hatte, weswegen keine weiteren Details erwähnt wurden.445 Insbesondere bestand ja die Aufgabe von Nomotheten in den griechischen Poleis in der Regel nicht in der Erstellung von Verfassungen, sondern in der Bewahrung der Gesetze vor unnötigen Änderungen im Sinne einer Kontinuität.

 

 

Anmerkungen:

393 Ferri (1925), pp. 4-8 ≈ SEG IX,1; s.a. SEG XVII,793 & XVIII,726.

394 Reinach (1927), p. 6.

395 Fraser (1956-58), pp. 120 & 124-125; s.a. Ferri (1925), pp. 3-4; de Sanctis (1930), pp. 262-263.

396 Taeger (1929), p. 438; s.a. de Sanctis (1926), p. 146; Reinach (1927), pp. 1-6.

397 Reinach (1927), pp. 2-3; s.a. Ferri (1925), pp. 13-14; Gitti (1932), pp. 146-156 passim; Pagliaro (1956), pp. 103-104.

398 s. Oliviero (1928), ll. 46-50 (kaum lesbar) ≈ SEG IX,1,46-50 (stark ergänzt); s.a. SEG XVIII,726,46-50 (kaum lesbar); s.a. Taeger (1929), p. 440.

399 s. Gitti (1932), p. 150.

400 s. Pagliaro (1956), pp. 104-105.

401 Taeger (1929), p. 440; s.a. Segré (1928), p. 13.

402 Cary (1928), pp. 227-228; s.a. Reinach (1927), p. 3; Larsen (1929), pp. 363 & 367; Taeger (1929), pp. 443-444.

403 Cary (1928), pp. 229-230; s.a. Segré (1928), pp. 20-21; Larsen (1929), pp. 363-364; Taeger (1929), pp. 444-446.

404 de Sanctis (1926), pp. 159-160.

405 Taeger (1929), p. 447; s.a. Reinach (1927), p. 4; Larsen (1929), p. 364.

406 Reinach (1927), p. 4 n. 1.

407 Ferri (1925), p. 14.

408 Taeger (1929), p. 447; s.a. Larsen (1929), p. 364.

409 Reinach (1927), p. 4; s.a. Oliviero (1928), p. 195.

410 Ferri (1925), ll. 33-34 = SEG IX,1,32-33; s.a. Cary (1928), pp. 231-233; s.a. Taeger (1929), p. 448.

411 Larsen (1929), p. 365; s.a. Ferri (1925), p. 16.

412 Ferri (1925), ll. 35-39 = SEG IX,1,34-38; s.a. de Sanctis (1926), p. 149.

413 Laronde (1987), p. 251.

414 Ellis (1994)c, p. 34; s.a. Bengtson (1975), p. 21.

415 Taeger (1929), p. 441; s.a. Reinach (1927), pp. 2-3; Gitti (1932), p. 146.

416 Ferri (1925), ll. 40-43 = SEG IX,1,39-42; s.a. Huß (2001), p. 101; s.a. Taeger (1929), p. 451; Bengtson (1987), p. 29.

417 Ferri (1925), ll. 42-43 = SEG IX,1,41-42; s.a. Huß (2001), p. 101; Rostovtzeff (1928)a, p. 127; Larsen (1929), p. 367.

418 Oliviero (1928), ll. 2-3 = SEG IX,1,2-3; s.a. Fraser (1956-58), p. 123. Nach einer anderen Rekonstruktion dieses Textes, und zwar der seiner ersten Publikation, habe sich diese Klausel auf die freien Söhne eines Libyers und einer Frau aus der Kyrenaia und die Söhne von Libyerinnen aus dem Gebiet der Kyrenaia zwischen Katabathmos und Automalax bezogen (Ferri (1925), ll. 3-4). Hierbei handelt es sich aber um eine stark erweiternde Ergänzung. Außerdem brächte diese Version mit sich, daß eine kyrenaiische Mutter mehr gezählt hätte als ein kyrenaiischer Vater, was wohl eindeutig dem antiken Bürgerrechtsdenken widersprochen haben dürfte. Schließlich wäre das Bürgerrecht potentiell auch auf Personen ausgedehnt worden, die u.U. noch nicht einmal hellenisiert, sondern „Barbaren“ waren (de Sanctis (1926), p. 152).

419 Fraser (1972), Bd. I, p. 787 c. Bd. II, p. 1095 nn. 498-499; s.a. Segré (1928), pp. 14-15; Huß (2001), p. 101 n. 33.

420 Ferri (1925), ll. 52-53 (lacunae); s.a. Oliviero (1928), ll. 51-52; s.a. SEG IX,1,51-52; s.a. SEG XVIII,51-52 (lacunae); s.a. Huß (2001), p. 101 n. 34; Ferri (1925), p. 17; Taeger (1929), p. 452.

421 Helck (1975)e, pp. 8-9; s.a. Pagliaro (1956), pp. 101-102.

422 Ferri (1925), p. 9; de Sanctis (1928)a, pp. 243-244; Ferri (1929), pp. 386-387.

423 Larsen (1929), pp. 354-355; s.a. Reinach (1927), p. 16.

424 de Sanctis (1928)a, p. 243.

425 s. de Sanctis (1930), p. 262.

426 Reinach (1927), p. 13; s.a. Heichelheim (1926/27), p. 176.

427 de Sanctis (1928)a, p. 245.

428 Huß (2001), pp. 100-101 n. 31; s.a. in D) III.) b) Münz- und Währungspolitik.

429 de Sanctis (1928)a, pp. 246-248.

430 Reinach (1927), pp. 13-14.

431 Larsen (1929), p. 359; s.a. Reinach (1927), p. 20. Criscuolo (2001), pp. 145-153 passim geht hierbei davon aus, daß Ptolemaios erst nach der Abwehr des Perdikkas sich in die Kyrenaia begeben habe, so daß die Verfassung erst aus dem Jahre 320 stamme. Allerdings wäre hierbei der Kontext grundsätzlich immer noch derselbe, außer daß seine Position zwischendurch durch den Krieg gegen den Reichsverweser Perdikkas geschwächt gewesen wäre, was wiederum danach durch den glorreichen Triumph des Lagiden ausgeglichen worden wäre.

432 Ehrenberg (1930), p. 334.

433 Ehrenberg (1930), pp. 333-335; s.a. Laronde (1987), pp. 359-360.

434 Mørkholm (1980), pp. 148-151; s.a. Mørkholm (1991), p. 68.

435 Reinach (1927), p. 24.

436 s. Heichelheim (1926/27), pp. 178-180; s.a. Gitti (1932), p. 146.

437 Reinach (1927), pp. 17-18; s.a. Taeger (1929), pp. 453-455.

438 Bagnall (1976), p. 29.

439 Arr. diad. 1,19 Roos: ἔτι δὲ τῶν περὶ Κυρήνην στασιαζόντων Πτολεμαῖος ἐπελθὼν καὶ πάντα καταστησάμενος ὀπίσω ἀπέπλευσε.; s.a. Reinach (1927), p. 19; Laronde (1987), p. 85.

440 Laronde (1972), p. XIII; s.a. Laronde (1987), pp. 103-113 passim & 253-254. Bei der einen Person handelt es sich um den Strategen Aristophanes, Sohn des Parabaitas (Smith / Porcher (1864), no. 6,16), der als einer der Stifter bei der Errichtung eines Strategeion erwähnt wird (s. Carratelli (1961/62), pp. 294-295, no. 132(b); s.a. Laronde (1987), p. 104), dessen Errichtung wiederum in Zusammenhang mit der Ersetzung des alten Apollonion durch ein neues Mitte des 4. Jh. steht. Die andere Person ist Philon, Sohn des Annikeris (Smith / Porcher (1864), no. 6,17), der zur gleichen Zeit den großen Altar des Apollon erneuern ließ (s. Laronde (1987), p. 111; s.a. SEG IX,147).

441 Laronde (1987), pp. 101-102 & 254. Hierbei handelt es sich um: Ἀριστοφῶν Εὔφριος (Smith / Porcher (1864), no. 6,56 – SEG 9,1,79), Ἀνδροκλῆς Καλλιμάχω (Smith / Porcher (1864), no. 6,53 – SEG 9,1,84 & 87), Εὐκλῆς Θευχρήστω (Smith / Porcher (1864), no. 6,39 – SEG 9,1,74), Πολυκλῆς Μελανίππω τῶ Ἀριστάνδρου (Smith / Porcher (1864), no. 6,15 – SEG 9,1,83) und Πρατομήδης Φιλίππω (Smith / Porcher (1864), no. 6,13 – SEG 9,1,83 & 86).

442 Cary (1928), p. 223; s.a. de Sanctis (1926), p. 147; Ehrenberg (1930), pp. 337-338.

443 de Sanctis (1926), p. 147.

444 Ehrenberg (1930), pp. 350-351.

445 Larsen (1929), pp. 360-361.

 

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