Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

B) Rahmenhandlung und Außenpolitik einschließlich der Verwaltung der Provinzen

III.) Die Außenbesitzungen

c) Koilesyrien

3.) Durch besondere Quellen überlieferte Ereignisse ungewissen Datums
α) Ptolemaios und die Juden

Die jüdische Tradition weiß zu berichten, daß Ptolemaios I. bei einem seiner Feldzüge in Koilesyrien auch nach Jerusalem gekommen sei. Dort habe er zumindest ausgenutzt, daß die gläubigen Juden glaubten, am Sabbat nicht kämpfen zu dürfen (Ios. c. Ap.1,209-211 = FGrH 86 (Agatharchides von Knidos) F20a), wenn er nicht zusätzlich sogar noch vorgab, daß er gekommen sei, um יהוה im Tempel ein Opfer darzubringen (Ios. ant. 12,4 = FGrH 86 (Agatharchides von Knidos) F20b).503 Daraufhin habe er eine nicht unbedeutende Zahl von jüdischen Einwanderern nach Ägypten mitgenommen und zu einem großen Teil in seine Armee eingegliedert, indem er sie in militärischen Garnisonen angesiedelt habe ([Aristeas] 12-14 & Ios. ant. 12,8), während er den Rest der verschleppten Personen versklavt habe, bis sie unter seinem Nachfolger wieder freigelassen worden seien ([Aristeas] 21-25; s.a. Ios. ant. 12,7).504 Von der Verschleppung dürften hierbei v.a. die Gegner des Lagiden betroffen gewesen sein, während er den Rest gezwungen habe, die Stadt zu verlassen, und die Mauern habe schleifen lassen (s. App. Syr. 50,252), so daß die Stadt nicht mehr Antigonos als Stützpunkt dienen konnte. Jedoch seien gemäß Josephus auch viele Juden durch die Güte des Landes in Ägypten und die Herrschaftsweise des Lagiden in das Niltal angezogen worden (Ios. ant. 12,9), wie auch Ptolemaios die Juden in Alexandreia den dortigen Makedonen gleichgestellt habe (Ios. ant. 12,8), was sonst aber nirgendwo erwähnt wird und deswegen eine Schutzbehauptung der Juden dieser Stadt im Rahmen der innerstädtischen Auseinandersetzungen der späten Ptolemaierzeit und der Kaiserzeit darstellen dürfte.505 Genauso zweifelhaft erscheint auch die aus dem Ptolemaios II. Philadelphos wohlgewogenen Aristeas-Brief stammende Behauptung, daß die Juden gegen den Willen des Königs von den Soldaten versklavt worden seien ([Aristeas] 14 & 23), da dies entgegen anderer Belege bedeuten würde, daß Ptolemaios sein Heer sehr schlecht unter Kontrolle gehabt hätte, während die Zypernpolitik eindeutig zeigte, daß die Verschleppung von Einwohnern unbotmäßiger Städte bzw. ihr Verkauf in die Sklaverei zum politischen Repertoire des Lagiden gehörte.506

Der Bericht über diese Ereignisse trägt einen äußerst anekdotenhaften Charakter, so daß eine Datierung, falls diese Ereignisse nicht vollkommen in ihrer Historizität bezweifelt werden sollen, äußerst schwerfällt, wie auch alle Züge des Ptolemaios I. nach Koilesyrien hierfür vorgeschlagen wurden.507 Josephus selber baut in seinem Bericht mutmaßlich auf drei verschiedenen Quellen auf, nämlich Hekataios von Abdera, dem zur Zeit des Ptolemaios IV. Philopator wirkenden Agatharchides von Knidos und dem Aristeas-Brief. Hierbei ist letzter von seinem Charakter her ein apologetisches Werk, während der Charakter der anderen Werke in bezug auf das Judentum aufgrund der schlechten Überlieferungslage nicht rekonstruiert werden kann. Außerdem zeichnen sich die von Josephus angeführten Passagen durch ihre Kürze aus und stehen vollkommen außerhalb ihres ursprünglichen Kontextes. Daher basieren die Berichte über diese Ereignisse quellenkritisch auf einem recht wackligen Fundament, wie auch die Umstände der angeführten Ereignisse nicht immer einwandfrei geklärt werden können.508 So gibt es auch die These, daß die jüdische Tradition hier an die verbürgte Tatsache anknüpfe, daß Ptolemaios etwa 8.000 Kriegsgefangene aus der Schlacht zu Gaza nach Ägypten mitnahm (Diod. 19,85,3-4), und daraus die Verschleppung der Juden „erschloß“.509

Eine weitere bei Josephus unter dem Namen des Hekataios überlieferte Geschichte, die explizit auf die Folgezeit der Schlacht bei Gaza und damit auf 312/11 datiert wird, weiß zu berichten, daß in der Reaktion auf dieses Ereignis viele Juden den Wunsch ausdrückten, Ptolemaios nach Ägypten zu folgen, wozu auch der amtierende Hohepriester Hezekiah gehörte (Ios. c. Ap.1,186-189).510 Fraglich bleibt allerdings, ob diese Ereignisse mit den vorhergenannten in einer direkten Verbindung stehen. Denn zwar mag Ptolemaios kaum zweimal diese damals relativ bedeutungslose Binnenstadt besucht haben, jedoch konnten die Willensbekundungen auch durch Boten zum Lagiden gesandt worden sein.

Juden können nun seit dem 3. Jh. in dem Sinne dieser Berichte als Soldaten in der ptolemaiischen Armee belegt werden, was dadurch motiviert sein könnte, daß sie aufgrund ihres Glaubens und der mit diesem verbundenen Lebensweise eine Gruppierung darstellten, die nur sehr schwer engeren Kontakt mit anderen Bevölkerungsgruppen fand.511 Auch lebte in Alexandreia im 3. Jh. eine nicht unbedeutende jüdische Gemeinde, die sich auf die Zeit Alexanders des Großen zurückbezog (Ios. bell. 487-488), deren Anfang jedoch manche Forscher in einigen der Kriegsgefangenen des Ptolemaios I. vermuten.512 Allerdings wird die Präsenz von Juden in Ägypten schon seit Jesaja (Is 11,11) und Jeremia (Ier 44,1 & 15) um 580 erwähnt, während eine Petition eines Juden von Elephantine aus dem Jahre 407 (20. מרחשון des 17. Jahres des Dareios II.) anläßlich der Zerstörung des Jahu-Tempels durch persische Beamten und Ägypter die Existenz der dortigen jüdischen Militärkolonie schon für die Zeit vor der Perserherrschaft datiert, indem behauptet wird, daß schon Kambyses den Tempel vollendet vorgefunden habe und dieser von den Wirren der Eroberung verschont worden sei.513

 

 

Anmerkungen:

503 Winnicki (1991), pp. 148-150 passim; s.a. Abel (1935), p. 576; Avi-Yonah (1973), p. 350; Hölbl (1994), p. 166.

504 Hölbl (1994), p. 166; s.a. Wellhausen (1895), p. 947; Abel (1935), pp. 576-577; Kasher (1992), p. 101.

505 Winnicki (1991), pp. 148 & 150 & 155; s.a. Wellhausen (1895), p. 947; Green (1990), p. 499.

506 Winnicki (1991), pp. 150-152; s.a. in B) III.) b) 2.) Zypern während des Dritten Diadochenkrieges.

507 Huß (2001), p. 124 n. 216. 320/19 schlägt Volkmann (1959)e, p. 1612, 312/11 Hölbl (1994), p. 166, Avi-Yonah (1973), p. 350 und Ellis (1994)c, p. 44 und 302/01 Green (1990), p. 499 vor.

508 Winnicki (1991), pp. 148-149.

509 Wellhausen (1895), pp. 947-948.

510 Winnicki (1991), pp. 155-160; s.a. Olmstead (1936), pp. 243-244. Manche Forscher sehen die wahre Motivation in der Furcht vor Grausamkeiten durch Antigonos, als Ptolemaios sich aus dieser Provinz zurückzog (Green (1990), p. 499; Wellhausen (1895), p. 947), während es sich aber auch lediglich um rhetorische Floskeln der Höflichkeit gehandelt haben könnte, wie auch die Berichte der Schlacht von Raphia ähnliche euphorische Reaktionen vorweisen (Pol. 5,86,8-11 & Raphiadekret dem. 15-17; s.a. Winnicki (1991), pp. 156-160). Der Name des Hohenpriesters kann zusammen mit dem von Jehohanan = Onias I. auf einer philisto-arabischen Münze in hebräischen Buchstaben belegt werden, so daß er zum Zeitpunkt der Prägung dann der „Schatzmeister“ unter dem Hohenpriester Onias gewesen sein muß (Olmstead (1936), p. 244). Allerdings dürfte Hezekiah (= Ezechias) als der Name eines der kanonischen Propheten nicht ein besonders seltener gewesen sein.

511 Bouché-Leclercq (1903-1907), Bd. I, p. 112; s.a. Hölbl (1994), p. 166; Honigmann (2003), p. 78.

512 Green (1990), p. 317; s.a. Fraser (1972), I, p. 57; Ellis (1994)c, p. 44.

513 TAD A4.7,13-14 = Cowley (1923), No. 30,13-14: ומן יומי מלך מצרין אבהין בנו אגורא זך ביב בירתא וכזי כנבוזי על למצרין | אגורא זך בנה השכח ואגורי אלהי מצרין כל מגרו ואיש מנדעם באנורא זך לא חבל.; s.a. TAD A4.8,12-13 = Cowley (1923), No. 31,12-13; s.a. Vittmann (2003), p. 88; Hall (1927), p. 143; Thompson (1988), p. 85; Winnicki (1991), p. 154.

 

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