Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

E) Ptolemaios I. und das Griechentum

I.) Alexandreia als Polis, Königsresidenz und Handelszentrum

a) Topographie, Mythologie und Vorgeschichte des Ortes

Alexandreia wurde auf einem 30 m hohen und 1-3 km breiten Hügelrücken zwischen dem Mittelmeer und dem Mareotis-See angelegt und war somit in ihren Breitseiten durch größere Wasserflächen geschützt.1 Zusätzlichen Schutz, aber auch die Grundlage für ein größeres Hafensystem bot die nahe vor der Küste gelegene Insel Pharos, wobei diese Konstellation zugleich an die Anlage von Tyros erinnerte, bei dem die eigentliche Festung auf einer Insel lag, während ein nicht unbedeutender Teil der Besiedlung auf dem gegenüberliegenden Festland plaziert war, und für dessen erfolgreiche Belagerung Alexander der Große mehrere Monate gebraucht hatte (s. in A) II.) b) Alexander der Große in Ägypten).2 Zugleich befand sich der Ort in genügender Entfernung von den Mündungen der Nilarme, so daß die Küste und v.a. die Häfen nicht von der Versandung durch diese und ihren angeschwemmten Nilschlamm betroffen waren, aber auch außerhalb der Schilfzone an der Meeresküste des Deltas, indem der Platz schon westlich vom Deltagebiet in der beginnenden Wüste lag.3 Schließlich bildete damals noch der Mareotis-See als mit dem Nil durch Kanäle verbundener Binnensee ein unerschöpfliches Reservoir an Trinkwasser, das mittels Kanälen in die Stadt geleitet werden konnte. Allerdings war dieses System auch anfällig für Belagerungen, da der Belagerer im Ernstfalle die Zuflüsse und damit die Trinkwasserversorgung blockieren konnte, dem mit der Zeit hauptsächlich durch die Errichtung eines vernetzten Zisternensystems entgegengewirkt wurde, was wiederum eine gewisse Gefahr einer Ausbreitung von Seuchen mit sich brachte.4 Die Anbindung des Mareotis-Sees an den Nil sorgte hingegen dafür, daß der See im Sommer nicht zu einem Sumpfgebiet wurde, was in anderen Städten südlichen Klimas für ein gewisses Risiko von Epidemien sorgte.5

Dabei soll Alexander die neue Polis an der Stelle einer älteren ägyptischen Siedlung errichtet haben. Hierbei könnte es sich u.U. um einen ehemaligen Wachposten gegen unerwünschte Warenimporte und die Einreise von ausländischen Kaufleuten (Strab. 17,1,6 (p. 792)) bzw. lediglich auch um einen militärstrategischer Bedeutung gehandelt haben. Nach dem Alexanderroman sollen sich in diesem Areal einst je nach Version 16 bzw. zwölf Dörfer mit Rhakotis als Zentrum befunden und über zwölf Kanäle verfügt haben, die außer zweien mit der Zeit zu Hauptstraßen und Hauptplätzen umgewandelt worden seien.6 Allerdings handelt es sich bei Pseudo-Kallisthenes um eine recht späte und unzuverlässige Quelle. Falls überhaupt ein wahrer Kern dahinterstehen sollte, könnte es sich bei den „Dörfern“ in Wahrheit um kleinere Ansammlungen weniger Häuser mit einem Hauptdorf als Zentrum gehandelt haben, wie sie heute noch auf dem ägyptischen Lande angetroffen werden können, wodurch aber wiederum die Quelle bzw. die hinter ihr stehende Überlieferung beeinflußt worden sein könnte.

Die Bezeichnung des ursprünglichen Ortes als „Rhakotis“ (P. Ryl. 576,5) kann allerdings erst für die Zeit nach der Gründung von Alexandreia belegt werden, wobei die Satrapenstele als früheren Namen „Ra-kodet“ (r(3)-‛-qdjt) anführt7 und Strabon berichtet, daß das frühere Dorf an dieser Stelle so geheißen habe und dann zum Stadtteil der neuen Polis geworden sei (Strab. 17,1,6 (p. 792)). Der ägyptische Name bedeutet jedoch schlichtweg „Bauwerk“, „Konstruktion“, so daß er eher auf den Status als Bauplatz zu verweisen scheint als auf eine frühere Siedlung dieses Namens. Hiergegen legt aber die Anführung in der Satrapenstele von 311 nahe, daß es sich um eine altertümliche Bezeichnung des Platzes handeln könnte, indem es z.B. ein Ort war, an dem u.U. Schiffe erbaut wurden.8 Die archäologischen Überreste aus der Zeit vor Alexander dem Großen sind in dieser Gegend äußerst rar und zusätzlich in ihrer Interpretation teilweise sehr umstritten. Vor allem auf der Insel Pharos und im Hafenbecken wurden Relikte aus pharaonischer Zeit gefunden, die jedoch nur schwer interpretiert werden können, da sie in der Regel ursprünglich an anderen Plätzen aufgestellt waren und erst nachträglich zu einem praktisch nicht bestimmbaren Zeitpunkt an ihren Fundplatz gelangten.9 Jedoch wurden in der Gegend der natürlichen Hafenbecken des späteren Osthafens Holzkonstruktionen entdeckt, die sich mittels der C14-Methode auf grob 400 (±40a) datieren lassen,10 so daß sie selbst bei der spätestmöglichen Datierung auf jeden Fall aus der Zeit vor Alexander dem Großen stammen. Hinzu kommt noch, abgesehen von jeglicher archäologischer Evidenz, die Tatsache, daß sich diese Gegend durch ein angenehmes und gesundes Klima mit überwiegend kühlen Winden, die im Sommer recht angenehm sind, auszeichnet (Strab. 17,1,7 (p. 793)) und die Umgebung über Land verfügte, das sich gut zur landwirtschaftlichen Nutzung eignete, so daß es wohl kaum unbesiedelt war.11 Insgesamt scheint aber dieses Gebiet zur Zeit Alexanders des Großen wohl relativ unbedeutend und auch unauffällig gewesen zu sein, so daß „in any case there can have been little to attract the attention of the traveller in the village of the fourth century B.C.12

 

 

Anmerkungen:

1 Strab. 17,1,7 (pp. 792-793) & 17,1,8 (p. 793); s.a. Huß (2001), pp. 63-64; Kiepert (1872), pp. 339-340.

2 van Groningen (1925)a, p. 206; s.a. Fraser (1972), Bd. I, p. 5; Huß (2001), p. 64.

3 Bevan (1968), p. 5; s.a. Huß (2001), p. 64.

4 Clauss (2003), pp. 12-14; s.a. Bell (1927), p. 172; Bevan (1968), p. 5; Grimm (1998)a, p. 19.

5 Strab. 17,1,7 (p. 793); Mahaffy (1887), p. 163.

6 Iul. Val. 1,31 (sedecim quippe ad instar urbium vicis decoriter admodum distinctis atque dispositis consistit, quorum magnitudini pariter et pulchritudine honor et cura deferebatur. his sedecim sessibulis flumina quoque duodecim intererrabant pariter omnia vergentia iuxtim in mare, sicuti nunc etiam ad memoriam veteris insulcationis datur visere. quippe quamvis congestu postea sint ad aequoris uniti faciem exaequata, quisquis tamen ille ducuts fluminis fuit, is nunc plateis apud Alexandriam tractus est; sed duo tantum ingressus fluminum reservati, cetera nomina partibus oppidi praestiterunt.) & [Kallisth.] 1,31,4-8; s.a. Fraser (1972), Bd. I, pp. 5-6; Clauss (2003), pp. 10-11.

7 Huß (2001), p. 63 n. 2; s.a. Quaegebeur (1984), p. 90; Winnicki (1991), p. 166.

8 Baines (2003), pp. 61-62.

9 Fraser (1972), Bd. I, p. 6 c. Bd. II, pp. 8-9 n. 20-22; s.a. Bell (1927), p. 171; Bevan (1968), p. 6; Empereur (1995), p. 757.

10 McKenzie (2003), p. 37.

11 Bosworth (1994)b, p. 867; s.a. Fraser (1972), Bd. I, p. 5; Green (1990), pp. 83-84.

12 Bell (1927), p. 171.

 

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