Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

E) Ptolemaios I. und das Griechentum

I.) Alexandreia als Polis, Königsresidenz und Handelszentrum

e) Alexandreia als Hauptstadt und Residenz der Ptolemaier

2.) Alexandreia als Vertreter eines neuen Typus von Polis

Mit dem Zerfall des alten politischen Systems kam auch ein Wandel von der klassischen Polis alten Typs zu der hellenistischen Metropole mit ausgeprägten urbanen Strukturen einher.140 Zwar besaß die Stadt wie die anderen Poleis eine demokratische bzw. oligarchische Selbstverwaltung, die sich aus den Bürgern rekrutierte, wozu immer noch allein Makedonen und Griechen ernannt werden konnten, aber faktisch hatte der Herrscher die Obergewalt über die Stadt inne, so daß die meisten durch die Bürgerschaft besetzten Ämter eher mit hohen Ehren als mit realer Gewalt versehen waren. Hierbei wirkte wohl auch mit, daß Alexandreia praktisch keine griechischen Wurzeln im Sinne einer gewachsenen griechischen Polis besaß, sondern von einem makedonischen König inmitten eines fremden Landes ohne ein gezieltes Kolonisationsunternehmen einer bestimmten Stadt oder Städtegruppe gegründet worden war.141 Hinzu kam eine zunehmende Wanderbewegung, indem immer mehr Griechen und Makedonen ihre Heimatstadt verließen und sich in einer anderen Stadt als Fremde niederließen, so daß der Rahmen der Bürgerschaft immer mehr gesprengt wurde.142 Dies wiederum war mit der Tatsache verbunden, daß es seit der Zeit des Alexanderzuges aufgrund der Erschließung neuer Gebiete für jeden Bürger einer Stadt möglich war, sich auch weitab von seiner eigenen Heimat eine soziale Existenz aufzubauen, während für einen früheren Bürger einer Polis es meist das Ende der sozialen Existenz bedeutete, wenn er seine Heimat verlor.143 Auch weist eine Szene bei Theokrit darauf hin, daß die Griechen der Stadt sich verschiedener Dialekte wie z.B. des dorischstämmigen von Syrakus bedienten.144 So besaßen in Alexandreia selbst unter den Makedonen und Griechen eine große Anzahl kein Bürgerrecht der Stadt, wozu auch gerade viele der höheren Beamten der Ptolemaier zählten, die ihr Leben lang Bürger ihrer Herkunftstadt blieben. Zugleich liefern die Quellen auch keinen Hinweis auf einen speziellen Metökenstatus, der abgesehen vom Ausschluß der Teilnahme an der städtischen Selbstverwaltung, mit größeren wirtschaftlichen oder rechtlichen Nachteilen verbunden gewesen wäre.145

Somit stellte Alexandreia nicht alleine eine in sich geschlossene politische Gemeinschaft, sondern ein überregionales Zentrum von kosmopolitischem Charakter mit einem gewissen Gewicht auf dem Bereich des Handels dar und unterschied sich auch in seinem Erscheinungsbild in vielem wie z.B. Größe und Pracht von einer griechischen Polis der Zeit vor Philipp II. und dem Alexanderzug.146 Ein Werk Theokrits beschreibt die Straßen von Alexandreia als sehr belebt, ja sogar als von Leuten vollgestopft.147 So bestand, auch wenn bis Ende des 3. Jh. hierüber recht wenig überliefert wird, ein großes Element in der ägyptischen Bevölkerung der Stadt, die aber abgesehen von den allgemeinen Grundrechten und denen im Rahmen des Privatrechtes niemals besondere Rechte besaß, obwohl sie ziemlich bald die eigentlichen Bürger zahlenmäßig übertraf und ihre Siedlung weiterhin als Vorort existierte.148 Auch sollen laut Theokrit ägyptische Banden bzw. Beutelschneider, vor denen die griechischen Bürger geschützt werden mußten, ihr Unwesen getrieben haben, wobei die Formulierung darauf schließen läßt, daß das Gewerbe v.a. unter Ptolemaios I. geblüht hatte, während es sein Nachfolger zumindest mit gewissem Erfolg bekämpft hatte.149 Allerdings dürften die Ptolemaier ein wesentliches Interesse daran gehabt haben, daß die Ägypter nicht zu Bürgern einer griechischen Polis wurden, sondern möglichst als Bauern auf ihren Äckern blieben, da ihre Aufgabe innerhalb des ptolemaiischen Gesellschaftssystems in der Bewirtschaftung des Landes und der Gewinnung von landwirtschaftlichen Produkten und Nahrungsmitteln bestand.150

Im Rahmen dieser Wandlung kann, auch wenn die Informationen in bezug auf Alexandreia äußerst spärlich sind,151 im allgemeinen festgestellt werden, daß die Agora nicht mehr als Treffpunkt der Bürger für ihre politischen Angelegenheiten diente, sondern sich immer mehr zu einem reinen Handelsplatz entwickelte. Hand in Hand damit erfolgte auch eine allmähliche Umwandlung der Funktion von Säulenhallen, die ursprünglich in Verbindung mit Tempelanlagen gestanden hatten, zu reinen Profanbauten kommerziellen Charakters, wie auch die kultischen Stätten sich auf andere Bereiche in der Stadt verlagerten.152 Auch befand sich der kulturelle Bereich immer stärker in der Hand von privaten und königlichen Institutionen. So besaßen viele Festlichkeiten wie z.B. die Adonia ihr Zentrum im königlichen Hofe, zu dessen Räumlichkeiten die Bevölkerung teilweise Zutritt bekam, um daran teilzunehmen.153 In diesem Sinne priesen die Dichter unter Ptolemaios II. Philadelphos in bezug auf Alexandreia v.a. den wirtschaftlichen Aspekt inklusive des in den Oberschichten vorherrschenden Wohlstandes und die Attraktionen der Stadt.154 Der private Luxus in Form von reichlich ausgestatteten Privathäusern, die mit ihrem Glanz zuweilen auch mit städtischen Repräsentationsbauten konkurrieren konnten, nahm in großen Teilen der hellenistischen Welt zu.155 Überhaupt stellte der Konsum den Hauptzweck jeglichen privaten wirtschaftlichen Strebens dar.156 Im Bereich der Sklavenhaltung erschwerte allerdings spätestens Ptolemaios III. Euergetes mittels seiner Gesetzgebung den Import durch die Festlegung von Kontingenten und den Binnenhandel durch hohe Steuern, die um 200 bis zu 20 Drachmen pro Mine Verkaufspreis betragen konnten.157 Allerdings waren diese Regelungen mutmaßlich ein Teil der ptolemaiischen Fiskalpolitik mit ihrem Charakter des möglichst hohen Mitverdienens an möglichst allen Geschäften, zumal da in den Gesetzen keine persönlichen Maxima im Sinne einer traditionellen Gesetzgebung gegen den persönlichen Luxus angeführt werden. Diese Entwicklungen hatten aber schon vor dem Alexanderzug begonnen, als die griechischen Poleis immer weniger an realer Macht besessen hatten und damit in ihren außenpolitischen Möglichkeiten und realen Entscheidungsmöglichkeiten immer eingeschränkter gewesen waren, so daß sich der Schwerpunkt des bürgerlichen Lebens immer mehr nach innen und zum Privaten orientierte. Dabei stellte das Ausleben von Lust und Luxus für viele Bürger der ehemals vollkommen autonomen Poleis einen Ersatz für den Verlust der früheren politischen Macht dar. Außerdem verfügten die Städte über beschränktere Geldmittel, wie auch die politische Lage nicht gerade dazu ermunterte, ein öffentliches Bauprogramm zum Zeichen der allgemeinen Überlegenheit wie noch im 5. Jh. die Akropolis in Athen durchzuführen.158

Ein weiterer Faktor bei der Herausbildung dieses neuen Stadttypes der „Megalopolis“ mit ihrem urbanen und kosmopolitischen Charakter bestand in dem Umstand, daß sich auch die zentralen Institutionen der Staatsverwaltung mit ihren Mitgliedern und die Königsresidenz mit ihrem Gefolge dort ansiedelten.159 Alexandreia erinnerte von ihrer Art her auch an den Typus der altorientalischen Königsstadt. Als solche war sie auch der Ort der Repräsentation der Macht und des Reichtums des Monarchen in Form von Denkmälern z.T. monumentalen Ausmaßes bis hin zum Rang von Weltwundern und in Form einer Prachtentfaltung z.B. bei der Kultpflege und in der Hofhaltung. Zugleich diente diese Prachtentfaltung im Sinne von „Brot und Spiele“ zur Beruhigung des in seiner Anzahl stetig zunehmenden städtischen Proletariats, da der wachsende Wohlstand dieser Epoche hauptsächlich einer äußerst geringen Minderheit zugute kam, während die Armut des Proletariats immer erdrückender wurde.160 Mit Alexandreia erreichte der Typ einer Megalopolis, deren berühmtester Vertreter dann Rom werden sollte, die westliche Welt, während im griechischen und phoinikischen Kulturraum keine Stadt bekannt ist, die zuvor über 100.000 Einwohner hatte, sondern diese Größenordnung allein in Mesopotamien und Ägypten u.U. vorgekommen war. Hierbei spielte auch die Größe des Machtbereiches der politischen Macht dieser Stadt eine wesentliche Rolle, indem bei den mesopotamischen Reichen, in Ägypten und bei den Diadochenstaaten die Machthaber über größere Landflächen und wesentlich mehr Untertanen herrschten als die klassische Polis des griechischen bzw. phoinikischen Kulturbereiches.161

 

 

Anmerkungen:

140 Green (1990), p. 80: „Pergamon, Antioch, Seleucia-on-Tigris, above all Alexandria: these vast cities, focal points for international trade and cultural development, are more like London or Paris or New York today than were Periclean Athens or even Knossos at the height of its glory.

141 Green (1990), pp. 84 & 88; s.a. Turner (1984), p. 145.

142 Davies (1984), pp. 267-268; s.a. Gehrke (2003), p. 76.

143 Dihle (1993), p. 290.

144 Theokr. 15,87-93; s.a. Pfrommer (1999), p. 57; Weber (1993), pp. 360-361.

145 Fraser (1972), Bd. I, pp. 52 & 66; s.a. Bevan (1968), p. 98; Bowman (1986), p. 209.

146 s. Diod. 17,52,5 & Dio Chrysost. or. 32,35-36: ἡ γὰρ πόλις ὑμῶν τῷ μεγέθει καὶ τῷ τόπῳ πλεῖστον ὅσον διαφέρει καὶ περιφανῶς ἀποδέδεικται δευτέρα τῶν ὑπὸ τὸν ἥλιον. | ἥ τε γὰρ Αἴγυπτος, τηλικοῦτον ἔθνος, σῶμα τῆς πόλεώς ἐστι, μᾶλλον δὲ προσθήκη, τοῦ τε ποταμοῦ τὸ ἴδιον τῆς φύσεως παρὰ τοὺς ἄλλους ἅπαντας λόγου μεῖζον, τό τε θαυμαστὸν αὐτοῦ καὶ τὸ ὠφέλιμον, τήν τε θάλατταν τὴν καθ’ ὑμᾶς ἄπασαν ἐκδέχεσθε, κάλλει τε λιμέμων καὶ μεγέθει στόλου καὶ τῶν πανταχοῦ γιγνομένων ἀφθονίᾳ καὶ διαθέσει, καὶ τὴν ἔξωθεν ὑπερκειμένην ἔχετε, τὴν τε Ἐρυθρὰν καὶ τὴν Ἰνδικήν, ἧς πρότερον τοὔνομα ακοῦσαι χαλεπὸν ἦν· ὥστε τὰς ἐμπορίας οὐ νήσων οὐδὲ λιμένων οὐδὲ πορθμῶν τινων καὶ ἰσθμῶν, ἀλλὰ σχεδὸν ἁπάσης τῆς οἰκουμένης γίγνεσθαι παρ’ ὑμῖν. κεῖται γὰρ ἐν συνδέσμῳ τινὶ τῆς ὅλης γῆς καὶ τῶν πλεῖστον ἀπῳκισμένων ἐθνῶν, ὥσπερ ἀγορὰ μιᾶς πόλεως εἰς ταὐτὸ ξυνάγουσα πάντας καὶ δεικνύουσά τε ἀλλήλοις καὶ καθ’ ὅσον οἷόν τε ὁμοφύλους ποιοῦσα.; Green (1990), pp. 80 & 155-156.

147 Theokr. 15,4b-6: μόλις ὔμμιν ἐσώθην, | Πραξινόα πολλῶ μὲν ὄχλω, πολλῶν δὲ τεθρίππων· | παντᾷ κρηπῖδες, παντᾷ χλαμυδηφόροι ἄνδρες·; s.a. Theokr. 15,44-45 & 72b-73a; s.a. Clauss (2003), pp. 22-23.

148 Fraser (1972), Bd. I, pp. 54 & 70; s.a. Bowman (1986), p. 209; Clauss (2003), p. 57; Scheidel (2004), p. 25.

149 Theokr. 15,46-50: πολλά τοι, ὦ Πτολεμαῖε, πεποίηται καλὰ ἔργα | ἐξ ὧ ἐν ἀθανάτοις ὁ τεκών· οὐδεὶς κακοεργός | δαλεῖται τὸν ἰόντα παρέρπων Αἰγυπτιστί, | οἷα πρὶν ἐξ ἀπάτας κεκροτημένοι ἄνδρες ἔπαισδον, | ἀλλάλοις ὁμαλοί, κακὰ παίχνια, πάντες ἀραῖοι.; s.a. Burkhalter (1998)a, p. 106.

150 s. in D) IV.) b) 2.) Die Verteilung von Land an makedonische Offiziere und Soldaten und ihre Bedeutung im Rahmen der ptolemaiischen Innen- und Sicherheitspolitik; s.a. Bosworth (1994)b, p. 867.

151 s. P. Hal. 1,194-195 & 1,215, wo die Agora lediglich als Platz erwähnt wird, aber nichts genaueres über ihre Beschaffenheit ausgesagt wird, außer daß sich dort eine Örtlichkeit für öffentliche Eide befand; s.a. Fraser (1972), Bd. I, p. 30.

152 Green (1990), pp. 96 & 156.

153 Theokr. 15 passim; s.a. Green (1990), p. 156; Weber (1993), p. 170.

154 Theokr. 17,106-116a & Herodas 1,26-35; s.a. Green (1990), pp. 156-157.

155 s. Demosth. Olynth. 3,29: ἔνιοι δὲ τὰς ἰδίας οἰκίας τῶν δημοσίων οἰκοδομημάτων σεμνοτέρας εἰσὶ κατασκευασμένοι. Allerdings erfolgte diese Aussage im Rahmen einer Verurteilung der Machenschaften der Politiker, die nach Meinung des Redners zu ihren eigenen Gunsten die Polis verkommen ließen. Jedoch läßt diese Aussage zumindest darauf schließen, daß in Athen die privaten Bauten doch sehr ansehnlich geworden waren, da dieser Vorwurf sonst kaum hätte fruchten können; s.a. Green (1990), p. 96; Burn (2004), pp. 100-101.

156 Morley (2004), p. 42.

157 P. Col. inv. 480; s.a. Fraser (1972), Bd. I, p. 73 c. Bd. II, pp. 157-158 n. 259.

158 Green (1990), pp. 94-96 & 101-102; s.a. Ferguson (1928), p. 33; Gehrke (2003), p. 2.

159 Green (1990), p. 80.

160 Green (1990), pp. 156 & 385-386.

161 Scheidel (2004), p. 1; s.a. Green (1990), p. 80.

 

Diese Inhalte sind urheberrechtlich geschützt (UrhG) und dürfen nur nach expliziter Genehmigung der Rechteinhaber an anderer Stelle publiziert werden.