Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

E) Ptolemaios I. und das Griechentum

II.) Alexandreia als kulturelles Zentrum: Das Museion und das Programm des Ἑλληνισμός

c) Die Bedeutung und Förderung von Kultur und Wissenschaften unter Ptolemaios I.

2.) Der Charakter der Studien unter Ptolemaios I. und die einzelnen Vertreter

Bei einer allgemeinen Betrachtung der einzelnen überlieferten Persönlichkeiten im Bereich von Wissenschaft und Kultur am Hofe des Ptolemaios I. fällt auf, daß v.a. Peripatetiker (z.B. Straton von Lampsakos), aber auch die ersten Philologen (z.B. Philetas von Kos bzw. Rhodos) sich in diesen Reihen befanden. Im philosophischen und wissenschaftlichen Bereich kam es allerdings zu keiner absoluten Einschränkung auf Peripatetiker und deren Anhänger, sondern mit Euklid und Praxagoras von Kos reihten sich ein Schüler der Akademie und ein Anhänger der hippokratischen Medizin in die Reihen der Koryphäen zu Alexandreia ein.268 Dabei wurden hauptsächlich die Bereiche der Physik, der Biologie, der Anatomie, der Medizin und der Mathematik, aber soweit damit verbunden auch der der Metaphysik gefördert, während der Bereich der Gesellschafts- und Staatstheorie nahezu fehlt. So kann hier v.a. Demetrios von Phaleron angeführt werden, der sich aber v.a. durch praktische Arbeiten wie Gesetzeskorpora auszeichnete. Hinzu kommt mit Theodoros von Kyrene noch ein Vertreter der Lebensphilosophie, dessen Philosophie aber einen hedonistischen und somit wohl eher unpolitischen Charakter hatte. Außerdem dürften beide Philosophen wohl am ehesten dem Bereich der Metaphysik zugeordnet werden, indem beide über die hinter dem Leben und der Welt insgesamt stehenden Kräfte und über das Glück des Menschen nachdachten, allerdings jeder auf seine eigene Weise. Auch kann die hedonistische Seite der Lehre des Theodoros gut mit der königlichen τρύφη verbunden werden, so daß hier zumindest keine Gesellschaftsphilosophie wider das ptolemaiische Königtum erfolgt sein dürfte. Im Gegensatz zum makedonischen Hof wurden bei den Ptolemaiern auch kaum philosophische Abhandlungen über das Königtum verfaßt.269 Überhaupt nicht angetroffen werden können unter Ptolemaios I. die Vertreter der gerade aufkommenden Schulen der Stoa, deren Begründer Zenon von Kition seine Lehrtätigkeit wohl kurz vor 300 aufnahm, und der Epikureer, deren Grundstück in Athen von Epikur im Frühjahr 306 erworben wurde. Hierbei dürfte neben dem Umstand, daß beide Schulen zu der Zeit gerade erst im Entstehen begriffen waren, wohl auch ihre moralische und gesellschaftliche Ausrichtung mitgewirkt haben. Insbesondere Zenon von Kition wäre aufgrund seiner Vergangenheit als ursprünglicher Anhänger der Kyniker (SVF I,222 & 248 & 252 & 259-270 passim) selbst beim besten Willen mutmaßlich nicht die erste Wahl für eine Tätigkeit an einem königlichen Hofe gewesen.

Zu den Auffälligkeiten in der Geschichte des Museion gehört, daß Alexandreia nicht zur Wirkstätte eines bedeutenderen Historikers des Hellenismus wurde, sondern die Aufenthalte der Vertreter dieser Disziplin, falls sie überhaupt zustande kamen, in der Regel nur kurzfristig waren. Allein die Alexandergeschichte des Ptolemaios persönlich kann in diesem Bereich angeführt werden, die jedoch wohl, egal wann sie entstand, nicht als ein Produkt des wissenschaftlichen Betriebes des Museion, sondern als ein eigener Fall betrachtet werden muß. Ihr Erscheinen muß mutmaßlich auch eine gewisse Wirkung bei dem Publikum von Alexandreia gezeigt haben.270 Allerdings dürfte dieses Werk gerade auch den künstlerischen Freiraum im Bereich der Alexanderhistoriographie am Hofe eingeschränkt haben, da jede weitere Historie des Alexanderzuges zu einem Gegenentwurf des ptolemaiischen Werkes werden mußte. Dagegen dürfte die Geschichte außerhalb des Bereiches Alexanders des Großen und des Ptolemaierreiches in der Phase des Aufbaues des Reiches eine geringere Rolle gespielt haben, da der Alexanderzug und die aktuellen Konflikte und Probleme alles andere zumindest im Bereich des allgemeinen Interesses in den Schatten stellten. Die Werke Manethons und des Hekataios von Abdera fallen hingegen vornehmlich in die Kategorie der Auseinandersetzung mit dem andersartigen Land, mit dessen Realität und Eigenheiten die griechische und makedonische Bevölkerung und die Eliten des Reiches konfrontiert waren, wobei dieser Bereich nach der Regierungszeit des Ptolemaios I. praktisch ausstarb.271

Im Bereich des Wortes und der schönen Literatur wirkten zwar schon unter Ptolemaios I. die ersten Philologen in Alexandreia, die sich mit der griechischen Sprache und Literatur und damit griechischer Sprachkultur als eigenständigem Objekt ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigten, so daß Museion und Bibliothek die Funktion eines Zentrums griechischer Kulturerhaltung und Kulturaufbereitung darstellten. Dennoch hält sich die Zahl der überlieferten Dichter und Poeten in dieser ersten Generation in auffällig geringen Maßen gegenüber dem dichterischen Betrieb der folgenden Generationen wie z.B. Kallimachos von Kyrene, Theokrit von Syrakus, Apollonios Rhodios oder Poseidippos von Pella, wobei aber schon in dieser frühen Phase erste Vertreter der für Alexandreia typischen Verbindung von Dichtung und Philologie auftraten wie z.B. Philetas von Kos bzw. Rhodos und Zenodotos von Ephesos.272 Aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen nahm v.a. die Rolle der Rhetorik drastisch ab, da es faktisch keinen Platz mehr für die politische Rede der klassischen Polis gab, so daß kein einziger bedeutender Rhetoriker aus Alexandreia überliefert ist.273

Damit wurde in Alexandreia in der Tradition des Peripatos ein Schwerpunkt auf die Erforschung der Natur und ihrer Geheimnisse gesetzt, wie sich auch der Bereich der Metaphysik hierauf beschränkte.274 Eine reine metaphysische Spekulation im Sinne Platons konnte sich hingegen nicht durchsetzen, sondern jegliche wissenschaftliche Arbeit konzentrierte sich im Sinne des Lykeion auf die Sammlung, die Sichtung und den Vergleich materieller Evidenz, aus der die Lehren und Theorien entwickelt wurden,275 wobei der Sinn der Bibliothek in der Ansammlung möglichst des gesamten damaligen Wissens bestand.276 Durch seinen Mitvollzug der Abwendung weg von der platonischen Spekulation zur aristotelischen Hinwendung zur Welt der Phänomene öffnete sich das Museion auch den Naturwissenschaften im heutigen Sinne.277 Hierbei war die wissenschaftliche Forschung allerdings aus heutiger Sicht immer mit den Unzulänglichkeiten der aristotelischen Erforschungsmethoden verbunden.278

Gleichzeitig herrschten vor Ort wiederum einzigartige Bedingungen vor, indem es z.B. im Bereich der Anatomie allein unter der Patronage eines gewogenen Königs möglich war, Sektionen oder gar Vivisektionen am menschlichen Körper vorzunehmen.279 So wurde z.B. Herophilos v.a. dafür berühmt, daß er die Sektion von menschlichen Körpern zur Gewinnung von anatomischen Erkenntnissen als einen Teil der Praxis medizinischer Forschung etablierte.280 Denn bis dahin beruhte das anatomische Wissen im wesentlichen auf der Analogie zu der tierischen Anatomie, die durch Sektion gewonnen wurde, und auf der Beobachtung von auf dem Schlachtfeld oder durch wilde Tiere Verstümmelten bzw. auf dem Sportplatz Verletzten, so daß noch Aristoteles festgestellt hatte, daß über die menschlichen Organe nichts genaueres bekannt sei (Aristot. hist. anim. 1,13,1). Denn der Körper eines toten Menschen wurde in der griechischen Tradition als sakrosankt angesehen, so daß er möglichst unversehrt bestattet bzw. kremiert werden mußte.281 So verschwand in seiner Nachfolge die Sektion auch wieder aus dem allgemein üblichen Repertoire der meisten antiken Mediziner, wie auch die Anatomie des Menschen im speziellen niemals einen eigenen Bereich bildete.282

Die Kontinuität der Tradition des Peripatos in Alexandreia wurde jedoch recht bald stark gestört durch den Fall des Demetrios von Phaleron und die Rückkehr des Straton von Lampsakos nach Athen, so daß die berühmtesten Vertreter dieser Richtung plötzlich fehlten.283 Aus der Akademie heraus entwickelte sich in Alexandreia v.a. der mathematische Zweig in Form von Euklid, da die Mathematik zwar einen wichtigen Bestandteil in der Ideenlehre gebildet hatte, aber auch außerhalb dieses Bereiches von nicht geringer Bedeutung war.284

Abschließend mag noch erwähnt werden, daß gemäß den überlieferten Anekdoten unter Ptolemaios I. ein recht freizügiger Umgang zwischen den Gelehrten und dem Herrscher bestanden zu haben scheint. So soll Euklid Ptolemaios I. auf die Frage nach einem kürzeren Weg zur Erlernung der Geometrie als über die Elemente geantwortet haben, daß auch ein König keinen anderen Zugang zur Mathematik habe als jeder andere (Prokl. Diad. p. 68,13-17 Friedlein). Zwar existiert diese Überlieferung auch über den Mathematiker Menaichmos, der dies gegenüber Alexander den Großen geäußert haben soll (Stob. 2,31,115), dennoch dürfte sie zumindest ein Symbol für die Freimütigkeit der Gelehrten und die Wißbegierde und Toleranz des Herrschen darstellen.285 Hegesias von Kyrene soll zwar der Überlieferung nach von einem der ersten beiden Ptolemaier Lehrverbot erhalten haben, da seine Lehren eine Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit darstellten und angeblich auch die Selbstmordrate in der Stadt erhöhten.286 Jedoch handelt es sich, falls dies schon unter Ptolemaios I. erfolgt sein sollte, um das einzige belegbare Lehrverbot in Alexandreia unter seiner Herrschaft, wobei noch angemerkt werden kann: „Ptolemaios I. verzichtete darauf, Hegesias eine konsequente Umsetzung seiner Überzeugungen abzuverlangen“287 und seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen.

 

 

Anmerkungen:

268 Fraser (1972), Bd. I, pp. 387-388.

269 Fraser (1972), Bd. I, p. 485.

270 Fraser (1972), Bd. I, pp. 495-496.

271 Fraser (1972), Bd. I, p. 47.

272 s. Weber (1993), p. 14.

273 Barber (1928), p. 250.

274 Bouché-Leclercq (1903-1907), Bd. I, p. 131.

275 Green (1990), p. 88.

276 Fraser (1972), Bd. I, p. 320.

277 s. Grant (1990), pp. 149-150.

278 Besonders schwerwiegend erwiesen sich hierbei die Unzulänglichkeiten im Bereich der Beobachtung, da spätestens seit Aristoteles bis zur beginnenden Neuzeit bei der Beobachtung hauptsächlich auf die eigenen Sinne wie v.a. das Auge vertraut wurde, die ja im Sinne der Teleologie eben hierfür eingerichtet waren, und die Beobachtungen im Gesamtzusammenhang der Natur durchführt wurden. Dagegen bedurfte die Verwendung von Hilfsgeräten zur Messung und Beobachtung wie z.B. in der frühen Neuzeit das Teleskop und die Durchführung des wissenschaftlichen Versuches als eines abgeschotteten Raumes mit gegebenen Rahmenbedingungen einer langwierigen Entwicklungsgeschichte, bei der diese sich erst als zweckmäßig und adäquat herausstellen mußten (Sehr gut wird dieses Problem des „Methodologischen Wechsels“ in Chalmers (2001), pp. 131-140 anhand der Beispiele der teleskopischen Beobachtungen des Galileo Galilei und der Experimente des Robert Boyle dargestellt).

279 s. Fraser (1972), Bd. I, p. 349.

280 s. Tert. anim. 10,4: Herophilus ille medicus aut lanius, qui sexcentos exsecuit, ut naturam scrutaretur, qui hominem odiit, ut nosset, nescio an omnia interna eius liquido exploravit, ipsa morte mutante quae vixerant, et morte non simplici, sed ipsa inter artificia exsectionis errante.; s.a. Tert. anim. 25,5.

281 Ob hier damals umlaufende modernere philosophische Vorstellungen, die die Sorge um den Körper nach dem Tode für überflüssig erachteten, ihren Beitrag geleistet haben (s. Fraser (1972), Bd. I, pp. 349-350) mag bezweifelt werden, da sie bestimmt nur einen Bruchteil der Gesamtgesellschaft erreicht haben dürften, während der Rest den alten Vorstellungen verhaftet geblieben sein dürfte, zumal da der Respekt vor der Totenruhe nicht unbedingt direkt mit einer bestimmten Weltanschauung verbunden sein muß, sondern je nach Situation ein von der Religion losgelöstes kulturelles Phänomen darstellen kann, wie in Mitteleuropa wohl noch die wenigsten an eine leibliche Auferstehung der Toten glauben dürften.

282 Fraser (1972), Bd. I, pp. 348-351; s.a. Davies (1984), pp. 347-348; Green (1990), pp. 483-484.

Die Überlieferung schreibt Herophilos auch die Vivisektion an zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellten Verbrechern zu (Cels. med. prooem. 23-24: ...longeque optime fecisse Herophilum et Erisistratum, qui nocentes homines a regibus ex carcere acceptos vivos inciderint...; s.a. Tert. anim. 10,4 (s. n. 280)), wobei der Wahrheitsgehalt dieser Aussage umstritten ist. Zwar schenkten sowohl Soranus als Basis des Tertullian als auch Celsus dieser Überlieferung absolutes Vertrauen, jedoch findet sich keine derartige Erwähnung bei Galen, obwohl dieser Herophilos sonst wegen der durch die Sektionen gegebenen Möglichkeiten beneidete (Gal. 2,570-571 Kühn & 2,895 Kühn & 8,747 Kühn), so daß er dieses Faktum der Vivisektion selbst dann überliefert haben müßte, wenn die Originalhandschriften schon damals verloren waren, falls er hier nicht als Bewunderer seines Vorläufers dieses Detail unterdrückte. Außerdem wurde die Vivisektion später als Vorwurf auch gegen Archigenes und Galen vorgebracht (Ioh. Alex. in Hippokr. nat. puer. p. 216 Dietz), obwohl sie in diesen Fällen widerlegt werden kann, was aber nicht unbedingt bedeutet, daß sie im Falle des Herophilos unberechtigt gewesen sein muß. Vivisektionen hätten allerdings dem alten Glauben, daß in den Arterien etwas anderes als Blut fließe, ein Ende bereiten müssen, was aber dadurch abgeschwächt wird, daß Vivisektionen an Tieren, die belegt werden können, auch keine Änderung dieser Annahme zur Folge hatten (Fraser (1972), Bd. I, pp. 348-349; s.a. Jones / Heath (1928), p. 286; Clauss (2003), p. 106; Nutton (2004), p. 131). So könnten auch viele der Entdeckungen v.a. im Bereich der körperlichen Funktionen durch die Durchführung von Vivisektionen erklärt werden (Grimm (1998)a, p. 47).

Der Gedanke an Vivisektionen ruft bei manchen modernen Wissenschaftlern auch eine derartige Abneigung hervor, daß sie es kritisieren, wenn die durch sie gewonnenen Erkenntnisse und der damit verbundenen Fortschritt des anatomischen Wissens gepriesen werden (Dobesch (2002), p. 270). Hierzu wurde jedoch von Fraser (1972), Bd. I, p. 349 und Nutton (2004), pp. 131-132 bemerkt, daß die Vivisektion die sonst üblichen Foltermethoden der ptolemaiischen Herrscher wohl kaum an Grausamkeit übertroffen haben dürfte und außerdem medizinische Experimente, namentlich die Austestung diverser Giftstoffe, an verurteilten Straftätern auch unter Mithridates VI. und Attalos III. durchgeführt wurden (Gal. 14,2 Kühn).

283 Fraser (1972), Bd. I, pp. 718-719.

284 Fraser (1972), Bd. I, p. 388.

285 Bengtson (1975), p. 30; s.a. Geier (1838), p. 71; Fraser (1972), Bd. I, pp. 386-387; Huß (2001), p. 234.

286 Cic. Tusc. 1,83: A malis igitur mors abducit, non a bonis, verum si quaerimus. Et quidem hoc a Cyrenaico Hegesia sic copiose disputatur, ut is a rege Ptolemaeo prohibitus esse dictatur illa in scholis dicere, quod multi iis auditis mortem sibi ipsi consciscerent.; s.a. Huß (2001), p. 232; Bouché-Leclercq (1903-1907), Bd. I, p. 126; Clauss (2003), p. 99.

287 Clauss (2003), p. 99.

 

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