Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

C) Griechen, Makedonen, Ägypter und das ptolemaiische Königtum

II.) Ptolemaios I. als Pharao

a) Alexander der Große und seine Legitimation als Pharao

Alexander der Große übernahm nach der Eroberung Ägyptens, einer Satrapie von nicht geringer wirtschaftlicher Bedeutung, sehr schnell die Rolle des traditionellen Pharao.76 Zugleich legte er sich eine fünfteilige Königstitulatur zu, die auch immer einen Teil der offiziellen Programmatik des Königs bezüglich seiner Herrschaft darstellte, aber auch gleichzeitig die Wirklichkeit dementsprechend beeinflussen sollte.77 Man konnte sich dabei immer in Beziehung zu früheren Königen setzen und damit die programmatische Anknüpfung an deren jeweiligen Regierungen hervorheben.78 Im Falle Alexanders demonstrierte sie jedoch auch, daß dieser sich in der Reihe der ägyptischen Pharaonen sah und die ägyptische Königsideologie zumindest im Zusammenhang mit seinen ägyptischen Untertanen annahm.79 Seine offizielle Titulatur lautete hierbei: Horus Beschützer Ägyptens (bzw.: Tapferer Herrscher, der sich den Fremdländern nähert), Herrinnen Beherrscher der Fremdländer, Goldname Herrscher im ganzen Land, Thronname Geliebt von Re, Erwählter des Amun, Geburtsname Alexandros. Dabei erinnert sein Horusname an den von Nektanebos II. bzw. in der anderen Variante (in Klammern) an den Herrinnennamen, während sein eigener Herrinnenname dem Herrschertitel der Hyksos ähnelt, aber auch auf die Beherrschung des ehemaligen Perserreiches bezogen werden könnte. Sein Goldname besitzt dagegen keine Parallele in der Geschichte ägyptischer Königsnamen, so daß er auch gern mit Herrscher im Gesamtreich wiedergegeben wird. Sein Thronname erinnert dagegen an die Zusätze etlicher Thronnamen des Neuen Reiches und soll v.a. seine Legitimation als Pharao durch den Gott Ammon / Amun betonen.80

Gemäß der Tradition des Alexanderromans wurde er angeblich sogar in Memphis offiziell inthronisiert.81 Dabei handelt es sich aber bekanntlich um eine historisch höchst fragwürdige Quelle, während diese Inthronisation im übrigen in keiner der zuverlässigeren Quellen erwähnt wird. Indes besteht in diesen Quellen in der Regel eine gewisse Sensibilität für die Handlungen Alexanders, die eine eventuelle Sympathie für die Traditionen fremder Kulturen zutage bringen. Die Existenz einer formalen Königstitulatur erfordert als solche keine vorangegangene formelle Inthronisation. So besaßen z.B. auch Philipp III. und Alexander IV. eine vollständige Königstitulatur, ohne je gekrönt worden zu sein, da sich zumindest der zweite niemals während seiner formalen Regierungszeit als Pharao in Ägypten aufhielt und der erste nur sehr kurzfristig (Perdikkas-Feldzug). Dies bedeutet, daß die Priester zur Besetzung der kultischen Position des Pharao im Notfalle auch ohne Krönung eine geeignete Person als de-facto-Pharao anzuerkennen bereit waren und ihm die entsprechende Titulatur verliehen, so daß diese als Beweis für eine formale Inthronisation ausfällt. Jedoch existieren auch positive Belege dafür, daß Alexander der Große nicht formal inthronisiert worden zu sein scheint. Denn sein Königsname, der als wichtigster aller fünf Namen öfters alleine angegeben wurde und einen König eindeutig identifizierbar machte, weist in einer anscheinend älteren Variante, die aus dem zweiten und dritten Regierungsjahr belegt ist,82 Irregularitäten auf, indem hier schlichtweg der normalerweise als Geburtsname benutzte Eigenname Alexanders verwendet wird. Im übrigen können seit dem Mittleren Reich lediglich drei weitere Könige, nämlich Amenophis IV., Siptah und Piye, belegt werden, bei denen mehrere Varianten des Königsnamens existierten, wobei aber alle Königsnamen, einschließlich dem des Amenophis IV. nach seiner Umbenennung, im Gegensatz zu der Sonderform Alexanders die typische Sonnenscheibe des Gottes Re beinhalteten.83 Außerdem hätte eine reguläre Inthronisationszeremonie einige Zeit erfordert, so daß sie aufgrund der relativen Kürze des Aufenthaltes Alexanders in Ägypten eher nicht vollzogen worden sein dürfte.84

Alexander mag nun nicht formal inthronisiert worden sein. Er brachte jedoch in den ehrwürdigen Städten Heliopolis, der traditionellen Stätte des Sonnengottes, und Memphis, der kultischen Hauptstadt Ägyptens, die zugleich aus historischer Sicht die erste der Pharaonen war, den Göttern, darunter v.a. auch dem Königsgott Apis im Areal des Ptah-Tempels, Opfer dar (s. unten). Auch zeigten nach seiner Abreise aus Ägypten die offiziellen Darstellungen, v.a. Tempelreliefs, ihn bei kultischen Handlungen und gingen dabei anscheinend auch von einer Krönung aus. Dies bedeutet, daß er einerseits selber durch den Akt des Opferns Handlungen eines Pharaos vollzog und somit Tatsachen schuf und sich faktisch zum Pharao erhob, da es allein diesem zukommt, den Göttern zu opfern; andererseits aber auch, daß er in den offiziellen Darstellungen wie ein Pharao behandelt wurde, indem er bei den königlichen Handlungen und mit offizieller Königstitulatur dargestellt wurde. Die tatsächliche Durchführung der formalen Krönungsfeierlichkeiten dürfte dagegen als eher nebensächlich erscheinen.85 Schließlich ließ er sich auch vom Orakel des Ammon in Siwa als Sohn des Amun / Ammon (s. Curt. 4,7,25 & Plut. Alex. 27,4) und somit rechtmäßiger Herrscher Ägyptens bestätigen, bzw. er wurde vom Hohepriester des Ammon als solcher angesprochen, indem Sa Re nicht nur wörtlich „Sohn Res“ bedeutete, sondern zugleich auch eine offizielle Bezeichnung des Königs darstellte.86 Gelegentlich ließ er sich aber auch mit den Hörnern des Ammon abbilden, was wiederum an Darstellungen von Pharaonen des Neuen Reiches wie Thutmosis III., Amenophis III. und Ramses II. anschloß.87

Des weiteren knüpfte Alexander auch ideologisch an den letzten regulären einheimischen Pharao Nektanebos II. an, den er zu seinem „rituellen Vater“ erhob. Dieser wiederum war als Liebling der Götter angesehen worden, da er seine pharaonischen Aufgaben in idealer Weise erledigt hatte, indem er in der Kult- und Religionspolitik äußerst großzügig gewesen war und 350 auch erfolgreich gegen die Perser angekämpft hatte. Gleichzeitig konnte aber auch durch diese Anlehnung die zehnjährige Perserherrschaft übersprungen werden.88 Zu Hilfe kam bei dieser Konstruktion auch, daß diese Abänderung der Geschichte durch die „Geschichtsschreibung“ nach ägyptischer Auffassung zugleich eine dementsprechende Vergangenheit schuf, die als real existierend angesehen wurde.89

Diese Anknüpfung scheint noch unter den Ptolemaiern weiterhin benutzt worden zu sein, so daß im Alexanderroman die als „Trug des Nektanebos“ bekannte Abstammungslegende Alexanders überliefert wurde ([Kallisth.] 1,1,2-12,2 & 1,14,1-9). Demnach sei der mit der Magie vertraute Nektanebos, nachdem er eingesehen hatte, daß er gegen seine Feinde in Ägypten nicht siegen könne, in der Gestalt eines ägyptischen Priesters und Astronomen an den Hof Philipps II. in Pella gereist. Zugleich habe Hephaistos aber in Ägypten die Propaganda verbreitet, daß der alte König wieder in alter Jugend zurückkehren werde, um die Welt Ägypten zu unterwerfen. In Pella habe Nektanebos dann während der Abwesenheit Philipps II. der Königin Olympia geweissagt, daß sie sich mit dem Gott Ammon vereinigen werde und aus dieser Vereinigung ein Kind als Rächer der Verfehlungen Philipps II. hervorgehen werde. Er habe in der Nacht dann die Gestalt des Gottes Ammon angenommen und sei zu der Königin eingegangen, um mit ihr ein Kind, Alexander den Großen, als seinen legitimen Nachfolger zu zeugen, der an seiner Stelle die Perser bezwingen würde. Philipp sei dagegen gezwungen gewesen, die Frucht dieser Vereinigung als den Sohn Ammons und seiner Gattin zu akzeptieren, nachdem Nektanebos mehrere Wunderzeichen zur Unterstreichung der göttlichen Zeugung produziert habe. Mit zwölf Jahren habe dann Alexander Nektanebos getötet, als er ihn über die Sterne habe unterrichten wollen, ohne ihn zuvor über die Dinge auf Erden aufgeklärt zu haben, um vom sterbenden Vater seine wahre Abstammung zu erfahren.90

Nach Fraser besitzt diese Geschichte die typischen Elemente der Gattung der ägyptischen phantastischen Erzählung. Daher sei sie als eine Reaktion der ägyptischen Bevölkerung auf den großen Umbruch dieser Epoche zu sehen, die den Sturz der letzten einheimischen Dynastie, die Perserherrschaft und die Eroberung durch Alexander den Großen beinhaltete. Auf diese Weise wurde nämlich wieder eine Kontinuität der eigenen Geschichte hergestellt bzw. zumindest ein Anspruch auf diese gestellt.91 Somit konnten sich die Ägypter bzw. zumindest der ursprüngliche Urheber dieser Geschichte mit den neuen gegebenen Verhältnissen der makedonischen Fremdherrschaft arrangieren, indem eben diese Herrscher „in Wahrheit“ zu einheimischen ägyptischen Pharaonen wurden. Global gesehen hatte nach dieser Sicht Alexander der Große durch seine Eroberung weiter Teile der damals bekannten Welt den Ruhm und die Macht Ägyptens zu ihrem Zenit gebracht.92 Dabei beachtete diese Geschichte im damaligen Sinne die historischen Möglichkeiten. Sie basiert u.a. darauf, daß Nektanebos aller Überlieferung nach zur Zeit der zweiten persischen Eroberung aus dem allgemeinen Blickfeld verschwunden war. Daher könnte aus ägyptischer Sicht die Möglichkeit bestanden haben, daß er sich nach Makedonien zum Königshof begeben habe.93 Der bei dieser Erzählung benutzte Topos der Zeugung des Königs durch Amun bzw. Amun-Re war dabei zumindest schon seit dem Neuen Reich üblich. Zugleich kann aber auch die nachträglich konstruierte Zeugung durch den Vorgänger als Legitimationsbasis durch die Demotische Chronik bezeugt werden, indem dort Nektanebos zum Sohn des Nepherites I. wird. Dieser dagegen war zwar abgesetzt worden, aber nicht aufgrund eigener Schuld, sondern wegen der allgemeinen Verdorbenheit seiner Zeit.94 Schließlich konnte nach ägyptischer Konzeption des Königtums jeder als legitim anerkannte Pharao als der Sohn seines Vorgängers betrachtet werden, auch wenn er dies im biologischen Sinne nicht war.95 Somit wurde Nektanebos II. neben Ammon / Amun zum zweiten Pfeiler der Legitimation Alexanders des Großen.96 Die Fakten sprechen auch dafür, daß diese Geschichte in äußerster zeitlicher Nähe zu Alexander dem Großen verfaßt worden war. Da aber die Ptolemaier in keiner Weise erwähnt werden, dürfte diese Erzählung wohl zu einer Zeit entstanden sein, als die Bemühungen um die Legitimation der Dynastie der Ptolemaier noch nicht im Vordergrund standen,97 also zumindest vor der offiziellen Übernahme des Pharaonentitels durch Ptolemaios I.98 Zugleich dürfte diese Geschichte von Ägyptern verfaßt worden sein, da von Seiten der Makedonen und Griechen kein besonderes Interesse darin bestand, daß Alexander zum Sohn des letzten Pharaos wurde, während für die Ägypter, besonders für die ägyptischen Theologen, dieser Aspekt der Verbindung zum letzten legitimen Herrscher vor den Makedonen von großer Bedeutung war.99

Daneben ist noch der Anfang eines Traumes des Nektanebos (UPZ 81) von Kreisen des Sarapieions von Memphis aus dem 2. Jh. überliefert. Dabei handelt es sich mutmaßlich um eine griechische Übersetzung bzw. Adaption eines ägyptischen Originals.100 Eine genauere Datierung der Geschichte ist allerdings nicht möglich, da z.B. die herausragende Bedeutung der Isis u.U. eine spätere Hinzufügung oder griechische Namensersetzung darstellen könnte. Die Geschichte bricht auf dem erhaltenen Papyrus abrupt ab, weswegen sie allein aufgrund topischer Regelmäßigkeiten interpretiert und über den Herrscher des „neuen Ägypten“ nur gemutmaßt werden kann. Gemäß dieser Geschichte soll Nektanebos am 21. Pharmouthi des Jahres 16 (05.06.343)101 in einem Tempel von Memphis Opfer dargebracht und um die Offenbarung der Zukunft gebeten haben. In der darauffolgenden Nacht sei ihm im Traume Isis umgeben von allen Göttern Ägyptens auf einem Papyrusboot erschienen. Aus den Reihen der Götter sei Onuris-Ares zur Isis getreten und habe sich bei ihr beschwert, daß ein Teil seines Tempels in Sebennytos, nämlich das Persos genannte Adyton noch unvollendet sei. Nach diesem Traum habe sich der König beim Hohenpriester und den Propheten des Onuris in Sebennytos erkundigt, die ihm berichtet hätten, daß im betreffenden Bereich die Ausschmückung mit Hieroglyphen noch fehle. Daraufhin habe er nach dem fähigsten und schnellsten Spezialisten für diese Tätigkeit im ganzen Lande suchen lassen und den Gefundenen, Petesis, Sohn des Hergeus, schon im voraus reichlich belohnt, der zwar nach Sebennytos gegangen sei, sich aber dort angekommen erst einmal des Lebens erfreut habe (UPZ 81,II,1-V,4). Hier endet der überlieferte Teil der Geschichte. Jedoch kann gemutmaßt werden, daß der Handwerker vom Pharao seiner Saumseligkeit wegen zur Rede gestellt wurde und in seiner Erwiderung behauptete, daß es der Wille der Götter gewesen sei. Denn dadurch hätten die Götter gezeigt, daß sie wie er selber seine Arbeit das Land Ägypten vernachlässigen würden und ein fremdes Reich über Ägypten herrschen werde, bis ein neuer Herrscher Ägypten wieder befreien würde.102 So lautet ja auch die griechische Überschrift des Textes [ἀπολογία] Πετήσιος ἱερογλύφου πρὸς Νεκτοναβὼν τὸν βασιλεά (UPZ 81,I,1-4).103 Aber auch eine spätere demotische Fortsetzung läßt hierauf schließen, da dort erwähnt wird, daß es Petesis danach schlecht ergangen sei und daß nach dem König die Ausländer einfallen würden.104 Es bleibt dann aber noch offen, wer dieser neue Herrscher sein würde. Da dieser Papyrus in memphitischen Kreisen überliefert wurde und diese während der Ptolemaierzeit nicht in Opposition zum Königshause standen, dürfte er in seiner Tendenz den Ptolemaiern gegenüber nicht feindlich gewesen sein. Unter den Makedonen kommt wiederum für die messianische Rolle des Nectanebos redivivus nur Alexander der Große in Frage.105 Somit wäre hier eine Parallele zum Trug des Nektanebos gezogen, wenn nicht sogar mittels der demotischen Fortsetzung des Traumes des Nektanebos eine explizite Verbindung erfolgte, indem die Geschichte des Traumes ihre Ursprünge u.U. schon in der Zeit der Zweiten Persischen Herrschaft gehabt hätte, um danach mit Alexander dem Großen und seinen Nachfolgern in Ägypten im positiven Sinne verbunden zu werden.106

Herodot überlieferte schließlich im Rahmen des Zuges des Kambyses nach Ägypten, der mit der persischen Eroberung endete, unter den drei Versionen zur Vorgeschichte des Krieges (Hdt. 3,1-3) auch eine, die er als die „ägyptische“ bezeichnete (Hdt. 3,2). Nach dieser habe Kambyses als Eroberer Ägyptens von Nitetis, der Tochter des Pharao Apries, abgestammt, die unter Kyros nach Persien geschickt worden sei, als dieser um eine Tochter des Pharao gefreit habe. Diese Geschichte stellt damit wie die des Truges des Nektanebos einen Versuch ägyptischer Kreise, die zu einer Akzeptanz des neuen Herrschers grundsätzlich bereit waren, dar, den Fremdherrscher, der nach traditioneller Ansicht den Thron usurpiert hatte, zu einem legitimen Herrscher zu machen, indem er zum Nachfahren eines allgemein anerkannten Pharao hochstilisiert wurde.107

Des weiteren sei noch erwähnt, daß anscheinend unter den Ptolemaiern der Sarkophag des Nektanebos nach Alexandreia verbracht wurde, wo er dann in der Attarin-Moschee gefunden wurde.108 Schließlich genoß dieser König unter den Ptolemaiern kultische Verehrung, die bis in die hochptolemaiische Zeit hinein belegt werden kann.109 Aber auch für die Zeit um 300 kann dieser Kult aufgrund einer Statue des Ahmes, Sohn des Smendes, der sich als „prophète de Nekhthorbeb, le faucon“ bezeichnete, schon belegt werden.110 Außerdem wird auch in den Privatakten von Theben in einer auf 317 datierten Urkunde unter den Vertragszeugen ein „prophète du Pharaon“ erwähnt (P. Fam. Theb. 1), den de Meulenaere auf den Kult von einem der beiden Könige namens Nektanebos bezieht. Allerdings stehen die Hauptbelege hauptsächlich in Zusammenhang mit größeren Bauprojekten der beiden Könige, indem sich gerade an den Stätten der Entfaltung ihrer Pracht ihr Kult erhalten konnte.111 Trotz all dieser Anknüpfungen an Nektanebos II. konnte sein leiblicher Sohn bzw. ein nahes Familienmitglied von ihm innerhalb der Grenzen Ägyptens leben, ohne daß deswegen anscheinend irgendwelche größere Probleme entstanden.112

Ein weiterer bedeutender Faktor in der Legitimation Alexanders des Großen spielte auch die Niederschlagung der Perserherrschaft über Ägypten, die bei den Einheimischen verhaßt war.113 Denn er konnte dadurch, v.a. wenn er zugleich auch im kultischen Bereich ein Gegenbild zu den Persern lieferte, die pharaonische Rolle des Vertreibers des Chaos und des Wiederherstellers der Maat übernehmen und somit pharaonische Würden beanspruchen.114 Er sorgte dafür, daß in seinem Gefolge die ägyptischen Sitten und Kultstätten respektiert wurden.115 So untersagte ein gewisser Peukestas gemäß einem 1972/73 in Sakkara aufgefundenen Papyrus den Truppen den Zutritt zu den heiligen Arealen des Tempels und der Tiernekropolen von Sakkara.116 Unter dem Namen Alexanders wurde zudem das Barkensanktuar im Luxor-Tempel errichtet. Weitere Bautätigkeiten lassen sich außerdem im Thot-Tempel in Hermopolis magna, in Armant und am Tempel für Amun-Re und Horus in der Oase Bahrija feststellen, während er außerdem Restaurationsarbeiten in Karnak am 4. Pylon, am Festtempel des Thutmosis III. und am Pyloneingang des Chons-Tempels durchführen ließ. Mit der Restauration des Baus des Thutmosis III. setzte sich Alexander auch nebenbei in die Nachfolge des historisch größten Feldherrn und Eroberers unter den Pharaonen. In Alexandreia stiftete er schließlich einen Isis-Tempel. Vor allem stellte sich Alexander mit der Opferung vor dem Apis (Arr. anab. 3,1,4) in den Gegensatz zu den Perserkönigen Kambyses (Plut. mor. 368f & Hdt. 3,29 & Iust. 1,9,1 & Lukian. Char. 13 & Ail. nat. 10,28) und Artaxerxes (Plut. mor. 355c & Ail. var. 4,8 & 6,8 & nat. 10,28 & frg. 40D.-F. = 37H.), denen jeweils die Tötung des Apis-Stieres als größtes denkbares Sakrileg gegenüber der ägyptischen Religion nachgesagt wurde.117 Zugleich knüpfte er aber mit der Auswahl von Memphis als Ort der Durchführung seiner rituellen Handlungen an die Tradition des Menes als Vereiniger beider Ägypten und auch an die in der Spätzeit übliche Rückwendung zum Alten Reich an.118

 

 

Anmerkungen:

76 Hölbl (1994), p. 69; s.a. Heinen (1978), pp. 179-180; Ashton (2003)a, p. 17; Matthews / Roemer (2003), p. 16.

77 Schneider (1994), p. 22; s.a. Hornung (1971), pp. 48-50; Barta (1980)b, pp. 477-480 passim.

78 Gundlach (1986), p. 983.

79 Jouguet (1930/31), p. 515.

80 Hölbl (1994), pp. 71-72; s.a. Kurth (1982), pp. 1193; Schneider (1994), p. 49; von Beckerath (1999), pp. 232-233 (mit Quellennachweis der Vorkommnisse der verschiedenen Varianten der Einzelnamen).

81 [Kallisth.] 1,34,1: Ὁ δὲ Ἀλέξανδρος παραλαβὼν τὰ στρατεύματα ἐπείγετο εἰς τὴν Αἴγυπτον ἀπελθεῖν. καὶ ἐλθόντος αὐτοῦ εἰς Μέμφην τὴν πόλιν ἐνεθρονίασαν αὐτὸν οἱ Αἰγύπτιοι εἰς τὸ τοῦ Ἡφαῖστου θρονιστήριον ὡς Αἰγύπτιον βασιλέα.; s.a. Hölbl (1994), p. 9; Mahaffy (1898), p. 4; Bevan (1968), p. 3; della Monica (1993), p. 9; Bosworth (1994)a, p. 810; Briant (1998)b, p. 54; Gehrke (2003), pp. 17-18.

82 s. eine Tafel aus Sykomorenholz, die eine Inventarliste von Kultobjekten des Maat-Tempels aus dem Jahre 2 enthält: M23:X1*X1-L2:X1*Z4-(-M17-E23-W11:O34-G1-N35:D46-D21:O34-) (Verso, l. 13), wobei hier mit aller Wahrscheinlichkeit Alexander der Große gemeint sein muß, da Alexander IV. zu Datierungszwecken in aller Regel als Alexander, Sohn Alexanders, aufgeführt wird (Varille (1942), pp. 138-139 (mit Text und Übersetzung)); und ein Graffito mit: M23-L2-X1:X1-(-G1-E23-V31:O34-N35:D46-M17-D21:O34-) (Daressy (1893), p. 33, Nr. LIV, col. 5).

83 Burstein (1991), pp. 139-144; s.a. Bevan (1968), p. 3; Menu (1998), pp. 256-257; Winter (2005), p. 206.

84 Hölbl (1994), p. 9.

85 Hölbl (1994), pp. 9 & 69; s.a. Thompson (1988), p. 106; Ellis (1994)c, p. 6; Menu (1998), p. 527; Huß (2001), pp. 58-59.

86 Huß (2001), p. 71, n. 10; s.a. Hölbl (1994), p. 10 & 70; Schneider (1994), p. 49; Gehrke (2003), pp. 18 & 152.

87 Hölbl (1994), p. 86.

88 Hölbl (1994), pp. 70-71; s.a. Mahaffy (1898), pp. 16-17.

89 Gundlach (1986), p. 984.

90 Fraser (1972), Bd. I, pp. 680-681; s.a. Hölbl (1994), pp. 70-71; Stephens (2003), pp. 65-66; Mossé (2004), pp. 179-180.

91 Fraser (1972), Bd. I, pp. 680-681; s.a. Spalinger (1978), p. 144; Lloyd (1982), p. 48; Stephens (2003), pp. 67-68.

92 Huß (1994)b, pp. 131-132; s.a. Lloyd (1982), pp. 48-49; Stephens (2003), pp. 68-72 passim.

93 Stephens (2003), p. 68.

94 Dem. Chron. 3,20-21; s.a. Kaplony (1971), pp. 253-254.

95 Barta (1980)c, p. 492.

96 Stephens (2003), pp. 69-72 passim.

97 Mahaffy (1898), p. 17; s.a. Lloyd (1982), p. 48; Huß (1994)b, p. 132.

98 s. C) II.) b) 1.) Chronologie und Zeitrechnung.

99 Huß (1994)b, p. 131; s.a. Lloyd (1982), p. 48.

100 Es wurden auch Fragmente des erhaltenen Anfangs auf einem demotischen Papyrus aus dem 1./2. Jh. n. Chr. gefunden (P. Carl. 562 (s. Ryholt (1998), pp. 197-198 & Ryholt (2002), pp. 222-225)), die die Vermutung, daß diese Geschichte auf einem demotischen Original basierte, stärken. Allerdings könnte aber auch aufgrund des Zeitunterschiedes hier wieder eine demotische Rückübersetzung aus dem Griechischen vorliegen, da in diesem Text für das Demotische fremdartige Wortformen vorkommen (Ryholt (1998), p. 200; s.a. Gauger (2002), pp. 218-219; Ryholt (2002), pp. 225-228).

101 Dieses Datum fällt in der Tat mit dem Vollmond zusammen. Aber diese datumstechnische Exaktheit kann nicht für eine Historizität des Aufenthaltes des Nektanebos gewertet werden, da das Datum mittels des 25jährigen Mondzyklus (Apis-Periode) sehr leicht berechnet werden konnte. Auffällig ist außerdem, daß diese Datierung genau in das Regierungsjahr fällt, in dem Artaxerxes wieder mit seinem Angriff auf Ägypten begann, der zwei Jahre später zur Flucht des Königs und zur zweiten persischen Eroberung führte (Koenen (1985), p. 184).

102 Huß (1994)b, pp. 133-136; s.a. Spalinger (1978), p. 145; Koenen (1985), pp. 171-172; Thompson (1988), pp. 262-263; Gauger (2002), pp. 213-217.

103 Delrieux / Kayser / Pimouguet-Pédarros / Rodriguez (2003), pp. 191-192.

104 Ryholt (2002), pp. 228-234 (mit Publikation).

105 Huß (1994)b, pp. 135-136; s.a. Koenen (1985), p. 193; Fraser (1972), Bd. I, p. 682 sieht sich hier an die Demotische Chronik erinnert, gemäß der nach seiner Interpretation Nektanebos nach seiner Vertreibung aus Ägypten noch vor der Herrschaft der „Ionier“ aus Äthiopien nach Ägypten zurückkehren solle, um ein neues Königtum zu begründen. Demnach müßte dann Chababasch gemeint sein (dgg. Huß (1994)b, p. 146, n. 476). Allerdings liefert die bei Fraser angegebene Belegstelle (Dem. Chron. 6,15) offensichtlich keine derartige Information, sondern setzt wohl den Herrscher des künftigen „goldenen Zeitalters“ (Dem. Chron. 2,25-3,16) mit Nektanebos gleich.

106 Ryholt (2002), pp. 234-238.

107 Vittmann (2003), pp. 120-122. Eddy (1961), pp. 267-287 sieht auch Parallelen zu der bei Manethon überlieferten Geschichte des Amenophis, der vor einheimischen Abtrünnigen und fremden Invasoren weichen und nach Äthiopien fliehen mußte, aber im zwölften Jahr der Fremdherrschaft wiederkehrte und seine Gegner vertrieb (Ios. c. Ap. 1,227-287 passim). Diese zwölf Jahre entsprechen auch in etwa der Länge der zweiten Perserherrschaft. Jedoch kann es sich gerade bei der Zahl zwölf um eine topische Angabe handeln.

108 Pfrommer (1999), p. 22 c. n. 19.

109 Huß (2001), p. 214; s.a. de Meulenaere (1960), pp. 92-99 passim (4) & (5) & (6) & (12) & (14); PP 5352 (Amenhor, Sohn des Eskedi, frühestens unter Ptolemaios IV. Philopator) & PP 5426 = PP 5922 = PP 5998 = PP 7483).

110 de Meulenaere (1960), p. 97 (12); s. C) III.) b) 9.) Ahmes.

111 de Meulenaere (1960), pp. 98 (15) & 99-107.

112 Hölbl (1994), p. 296 n. 6; s.a. Huß (2001), pp. 213-214; s. C) III.) b) 3.) Der Sohn des Nektanebos.

113 Diod. 17,49,2: οἱ γὰρ Αἰγύπτιοι τῶν Περσῶν ἠσεβηκότων εἰς τὰ ἱερὰ καὶ βιαίως ἀρχόντων ἄσμενοι προσεδέξαντο τοὺς Μακεδόνας.; s.a. Curt. 4,7,1-4.

114 Hölbl (1994), p. 69.

115 s. Curt. 4,7,5: compositisque [sc. a Alexandro] rebus ita ut nihil ex patrio Aegyptiorum more mutaret...; s.a. Hölbl (1994), p. 80.

116 Πευκέστου· | μὴ παραπορεύεσθαι μη- | δένα· ἱερείως τὸ οἴκημα.; gemäß Turner (1974), pp. 239-242 c. pl. LV (zugleich Publikation des Dokuments) kann dieser Papyrus aufgrund paläographischer Merkmale mutmaßlich in das 4. Jh. datiert werden. Als Peukestas käme dann am ehesten der in Frage, der von Alexander beim Verlassen der frisch eroberten Satrapie als einer von zwei Heeresbefehlshabern eingesetzt worden war, da die andere Person dieses Namens, die Alexander beim Sturm der Stadt der Maller das Leben rettete und danach Satrap von Persien wurde, in Verbindung mit Ägypten nicht erwähnt wird. Zugleich kann auch mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden, daß mit Peukestas der Besitzer des Gebäudes gemeint sei, da in diesem Bereich die Priester zumindest zur damaligen Zeit Ägypter zu sein pflegten, so daß hier eher die Autorität dieses Dekretes gesehen werden muß, nämlich der Befehlshaber Peukestas, der seinen Truppen verbietet, heiligen Boden zu betreten.

117 Hölbl (1994), p. 73; s.a. Pietschmann (1894), p. 2809; Mahaffy (1898), pp. 4 & 19; Tarn (1927)a, p. 377; Bevan (1968), p. 3; Bosworth (1994)a, p. 810; Huß (2001), p. 59; Vittmann (2003), p. 125; Bevan (1968), p. 3.

118 Hölbl (1994), p. 69.

 

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