Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Ptolemaios I. Soter

Caroli: Ptolemaios I. Soter (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Ptolemaios I. Soter – Herrscher zweier Kulturen
 

Konstanz 2007 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: XIV + 414 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-05-2

Preis (bis 10/2015): EUR 59,99 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

C) Griechen, Makedonen, Ägypter und das ptolemaiische Königtum

IV.) Die Legitimation als Basileus

d) Die Anlehnung an Alexander den Großen

2.) Ptolemaios und seine Geschichte des Alexanderzuges

Ptolemaios I. schrieb während seiner Regierungszeit auch eine Geschichte über den Alexanderzug (FGrH 138; s.a. PP 16942). Diese bildete eine der Grundlagen der Anabasis des Arrian.586 Jedoch wurde das Werk zugleich praktisch allein durch diesen überliefert. Dieser markiert aber selten die von Ptolemaios übernommenen Stellen ausdrücklich als solche.587 Außerdem wechselt er innerhalb einer Quelle oftmals den Zitierstil wie z.B. zwischen direkter und indirekter Rede, so daß auch stilistische Merkmale keinen Anhalt zur Quellenscheidung geben.588 Hinzu kommt noch, daß er, wenn verschiedene Quellen mit sich gegenseitig ergänzenden Details vorlagen, diese anscheinend stark ineinanderschob, so daß die Texte hochgradig „kontaminiert“ sind und damit kaum nach Quellen geschieden werden können.589 Dementsprechend variieren die Meinungen der Forscher über den Umfang der Übernahme des Werkes des Ptolemaios durch Arrian von der Position, daß die Geschichte des Lagiden einen sehr großen Umfang innerhalb der des Arrian einnehme, bis hin zum Gegenteil.590 Wie groß aber auch der Umfang immer sein mag, hinzu kommt noch die Tatsache, daß auch Arrian sein eigenes Alexanderbild besaß und die Berichte dementsprechend auswählte, wenn nicht gar anpaßte. Dabei wird meist noch eine weitere Favorisierung Alexanders angenommen, während eine Konzentration auf die Schilderung der Taten des Ptolemaios eher gemindert worden sein dürfte.591 Schließlich verformte Arrian die Texte dadurch, daß er sie seinem Sprachideal anpaßte, indem er z.B. ursprüngliche termini technici durch Begriffe der Alltagssprache ersetzte, oder daß er z.T. seine Vorlagen anscheinend auch mißverstand.592 Damit steht jeder Forscher im Falle des Werkes des Ptolemaios vor der Situation, daß er ausgehend von wenigen eindeutigen Fragmenten den Stil des ursprünglichen Geschichtswerkes ableiten muß, um mit Hilfe dieser Erkenntnis weitere Fragmente des Ptolemaios, genaugenommen die überwiegende Mehrheit dieser, zu identifizieren, die wiederum eine wesentliche Basis bei der Bestimmung weiterer Merkmale und des Gesamtcharakters des ptolemaiischen Geschichtswerkes bilden.

Ein weiteres Problem besteht in der Datierung des Geschichtswerkes, indem praktisch alle möglichen Gelegenheiten zwischen der Reichsordnung zu Babylon direkt nach dem Tode Alexanders des Großen und seinem eigenen Tod vorgeschlagen wurden. Dabei spielten v.a. Erwägungen über die mutmaßliche Intention des Werkes, über mögliche Perioden mit geringerer Ablenkung durch größere Kriege, aber auch seines Lebensalters eine Rolle. Demnach diente das Werk u.a. zur nachträglichen Rechtfertigung seiner eigenen Rolle bei den Beratungen zur Reichsordnung von Babylon, die bei der Einleitung des Auseinanderfalls des Alexanderreiches nicht von geringer Bedeutung war.593 Nach einem anderen Ansatz entstand es während oder kurz nach der Auseinandersetzung mit Perdikkas und diente als Propagandaschrift gegen diesen.594 Schließlich könnte die Schrift auch zur Rechtfertigung der Annahme des Königtitels durch Ptolemaios I. oder der Mitregentschaft des Ptolemaios II. Philadelphos gedient haben.595 Für Datierungen in eher spätere Phasen, v.a. nach der Annahme des Königstitels, wird in der Weise argumentiert, daß Ptolemaios damals eher dazu Muße gefunden habe als in den turbulenteren Jahren zuvor, wie auch nach der Ankunft des Demetrios von Phaleron das dementsprechende Klima zur Verfassung eines solches Werkes vorgeherrscht haben dürfte.596 Eine Datierung in die letzten Lebensjahre basiert schließlich auf der Annahme, daß Ptolemaios 286 freiwillig abgedankt habe und deswegen nicht mehr mit Amtsgeschäften belastet gewesen sei.597 Dagegen wird aber eingewendet, daß Ptolemaios die Zeit zur Verfassung eines solchen Werkes schon nach der Schlacht zu Ipsos von 301 gefunden haben dürfte, als er in einem schon so fortgeschrittenen Alter gewesen sei, in dem ein weiteres Warten ohne weiteren Grund unverständlich gewesen wäre.598 Sicher dürfte allerdings sein, daß diese Schrift in der Auseinandersetzung um das Erbe Alexanders des Großen mit seinen Kontrahenten, den anderen Diadochen, stattfand.599 Da diese Auseinandersetzungen praktisch die gesamte Regierungsdauer des Ptolemaios I. andauerten, kann die Alexandergeschichte auch praktisch zu jedem Zeitpunkt innerhalb dieser Zeitspanne verfaßt worden sein und war v.a. die ganze Zeit hindurch aktuell. Zugleich bestand auch immer eine gewisse Aktualität dadurch, daß Ptolemaios I. sich zuerst einmal bei den eigenen Untertanen und v.a. bei den eigenen Kriegern als anerkannter Befehlshaber und später König durchsetzen mußte.

Die erhaltenen Fragmente des Geschichtswerkes des Ptolemaios lassen darauf schließen, daß die Schilderung in Episoden verlief. Jedes Ereignis, selbst kleinere Schlachten, bildet jeweils einen eigenständigen Abschnitt und wird in einem eigenen Rahmen dargestellt. Jedesmal herrscht eine bestimmte durch die äußeren Umstände gegebene Ausgangssituation vor, die ein Handeln Alexanders notwendig werden läßt, dann folgen die damit verbundenen Unternehmungen und das daraus resultierende Ergebnis. Alexander wird somit zum allein verbindenden Element der Geschichte, aus der jede einzelne Episode heraustrennbar wäre. Exkurse dienen hautsächlich zur Darstellung der in der jeweiligen Lage vorliegenden militärischen und strategischen Situation und damit allein zur Erklärung der eigentlichen Handlung. So konzentriert Ptolemaios sich v.a. auf militärische, verwaltungstechnische und politische Aspekte.600 Dementsprechend benutzt er auch einen recht einfachen und sachlich anmutenden Sprachstil voller Stereotypen, der von seiner Art her gern mit dem der Kommentarien Caesars verglichen wird.601

Durch seine Darstellung wird Alexander zum zentralen Element des Verlaufs der Geschichte. Vom König geht nahezu jede Initiative aus, es sei denn, daß er bei einer Einzelmission von einem seiner Feldherren nicht vor Ort ist.602 Seinen Reaktionen gehen immer sorgfältige Erwägungen voraus. Dabei achtet er auch immer darauf, das Risiko für seine Truppen so weit wie möglich zu minimieren, um somit zugleich auch ihre Kampf- und Schlagkraft möglichst hoch zu halten. Dagegen werden πόθος und τύχη weitgehend ausgemerzt. So wird der Alexander des Ptolemaios zu einem hochgradig „rationalen“, dessen herausragenden Erfolge durch seine Voraussicht „rationalistisch“ erklärt werden können. In diesem Rahmen dürfte der Lagide auch einige Schönungen in seinen Zahlenangaben zur Unterstreichung der Erfolge Alexanders vorgenommen haben.603 Der König läßt außerdem in hohem Maße Gerechtigkeit walten, indem z.B. Vergehen v.a. seiner Offiziere und Beamten relativ hart bestraft werden.604 Ptolemaios meidet auch die Erwähnung von menschlichen Schwächen und von zu seiner Zeit unangenehmen bzw. problematischen Details. Dazu gehört auch die Kleitos-Episode, die anscheinend nicht erwähnt wurde, da sich Arrian trotz der verschiedenen angeführten Varianten nirgendwo auf die Autorität des Ptolemaios beruft, der ja bei diesem Vorfall nach anderen Autoren anwesend war.605 Auch merzt er das Romanhafte nicht vollkommen aus, sondern schildert z.B., wie Alexander der Große auf seinem Zug nach Siwa von zwei Schlangen durch die Wüste geführt worden sei. Diese Kriechtiere, die die Raben der kleitarchischen Tradition ersetzen, könnten dabei auch auf die ägyptische Uräus anspielen, so daß Alexander dann durch göttliche Fügung geführt und zugleich von den Göttern als legitimer Pharao bzw. König über Ägypten anerkannt worden wäre.606

Hiermit wird Alexander, auf dem die ptolemaiischen Könige u.a. ihr Königtum begründeten, in der Geschichte des Ptolemaios zu einem „Übermenschen“ von historischer Einzigartigkeit, so daß von den anderen Menschen, d.h. aber auch von allen Diadochen, kein einziger in der Lage war, Alexanders Erbe als Herrscher über das Gesamtreich anzutreten.607 Zugleich kann Ptolemaios als einer seiner Generäle und als einer der Erben des Reiches Alexanders sich im Sinne seiner Königsideologie auf die Größe Alexanders berufen, indem er die Nachfolge von ihm in seinem Bereich antritt.

Zugleich hebt Ptolemaios auch gerne seine eigenen Leistungen hervor.608 Hierzu gehört z.B. die Bessos-Episode (s. in A) I.) b) Die Zeit während des Alexanderzuges). Nach der Version des Ptolemaios hätten die beiden Generäle des Dareios-Mörders Bessos Spitamenes und Dataphernes mit Alexander Kontakt aufgenommen und ihm die Auslieferung ihres Anführers angeboten, falls der Makedone eine kleine Einheit mit einer führenden Person vorausschicke, an die Bessos übergeben werden solle (Arr. anab. 3,29,6). Diese Mission sei Ptolemaios übertragen worden (Arr. anab. 3,29,7). Die beiden Verräter seien aber umgefallen, so daß Ptolemaios das Dorf, in dem sich Bessos aufgehalten habe, mit seinem Heereskontingent habe einschließen müssen, woraufhin die Dorfbewohner unter Zusicherung der Schonung des Dorfes Bessos ausgeliefert hätten (Arr. anab. 3,30,1-2). Ptolemaios habe dann auf Befehl des Königs den Gefangenen nach Baktrien überstellt. In einem Schreiben habe er bei Alexander angefragt, was mit dem Gefangenen geschehen solle. Daraufhin habe der König befohlen, daß Bessos unbekleidet gebunden und mit einem Halskragen versehen werden solle, um dann an der Straße, auf der Alexander mit dem Heer vorbeimarschiere, hingestellt zu werden (Arr. anab. 3,30,4). Bei dieser Aktion habe der Monarch Bessos gefragt, warum er Dareios getötet habe, und anschließend die Hinrichtung befohlen (Arr. anab. 3,30,4-5).609 Nach dieser Version zeigte Alexander durch die Bestrafung des Dareios-Mörders, die in ihrer Form an die klassischerweise vorgesehene Strafe für den Versuch der Usurpation des persischen Throns erinnerte, daß er sich als Nachfolger des Dareios und damit persischer Großkönig sehe.610 Demnach verhalf Ptolemaios Alexander beim Vollzug von dessen Königsidee und stand so hinter dessen Königtum. Außerdem bestrafte er mit Bessos einen für seine Untaten, der sich an einem Träger des Diadems, das zuerst Alexander611 und später schließlich auch Ptolemaios als Symbol übernommen haben, nämlich dem persischen Großkönig, vergangen hatte, zu dem dieses klassischerweise gehörte (s. Xen. Kyr. 8,3,13). Die Version des Ptolemaios weicht jedoch erheblich von den anderen erhaltenen ab. Aristobulos betont in besonderem Maße die Rolle der beiden Generäle des Bessos, indem sie beide diesen unbekleidet und gebunden zu Alexander brachten (s. Arr. anab. 3,30,5 = FGrH 139 (Aristobulos von Kassandreia) F24), während alle anderen Quellen Ptolemaios in diesem Zusammenhang in keiner Weise erwähnen (Curt. 7,5,19-26 & 36-43 & Diod. 17,83,7-9 & Iust. 12,5,10-11 & Plut. Alex. 43,3).612 So stellt sich bei der Version des Ptolemaios die Frage, warum Bessos unbedingt durch ein Kontingent Alexanders abgeholt werden mußte und dieser nicht einfach zu Alexander gebracht oder gar gleich ermordet wurde. Allerdings kann dies dadurch erklärt werden, daß dies nur eine von mehreren Bedingungen der Verräter zur Sicherung der eigenen Unversehrtheit und zwecks des Erhalts einer Belohnung darstellte. Im Bericht folgen aber noch weitere innere Widersprüche. So ändern die Verräter einerseits ihre Meinung, halten aber andererseits an ihrem Grundgedanken fest und schämen sich lediglich, Bessos selber auszuliefern, weswegen sie ihn mit einigen Begleitern in dem Dorf zurücklassen und es selber verlassen. Dann müßten jedoch die Begleiter den Befehl gehabt haben, den Gefangenen auszuliefern, was aber nicht der Fall ist, da Ptolemaios erst das Dorf belagern muß, um die Herausgabe zu erreichen. Sollten die Begleiter aber inzwischen ihre Gesinnung geändert haben, so stellt sich wiederum die Frage, warum sie dann in dem Dorf bis zur Ankunft des Lagiden warteten.613 Da allerdings zum Zeitpunkt der Abfassung des ptolemaiischen Geschichtswerkes mutmaßlich noch einige andere Zeitgenossen dieser Ereignisse am Leben waren, kann diese Schilderung aufgrund der nicht zu geringen Bedeutung dieser Geschehnisse wohl kaum eine vollständige Fiktion darstellen. Jedoch dürfte Ptolemaios die mit dieser Aktion verbundenen Schwierigkeiten und Risiken zugunsten seiner Selbstdarstellung hochgespielt haben, indem er z.B. zwar mit der Mission der Übernahme des Gefangenen von den Generälen betraut war, aber diese mit weniger Komplikationen verbunden war.614 Möglich wäre aber auch, daß die Generäle bestimmte Bedingungen für die Übergabe an Alexander stellten, daß er jedoch nicht bereit war, sie zu erfüllen, und deswegen eine gewaltsame Übernahme von vornherein plante.

In der Peukelaotis betont Ptolemaios seinen siegreichen Zweikampf mit einem Fürsten der Inder, der zugleich die damit verbundene Schlacht mit entschieden habe (Arr. anab. 4,16,2; s.a. in A) I.) b) Die Zeit während des Alexanderzuges). Dabei dürfte er wohl die Bedeutung des Zweikampfes für den Gesamtausgang der Schlacht etwas übertrieben und die eigentliche Kampfhandlung in den Hintergrund gedrängt haben.615 Zugleich rückt Ptolemaios durch seinen Zweikampf Alexander und dem hellenistischen Königsideal näher, die beide im Zweikampf eine königliche Disziplin sahen.616 Bei der Belagerung von Sangana wird Ptolemaios damit beauftragt, einen Alexander gemeldeten Ausfall auf der Seeseite der Stadt zurückzuhalten und ein Signal zu geben, damit die restlichen Einheiten heranziehen würden, was auch gelingt (Arr. anab. 5,23,6-7; s.a. in A) I.) b) Die Zeit während des Alexanderzuges). Dabei hebt Ptolemaios in seiner Schilderung diesen Ausfall gegenüber einem vorher erfolgten hervor, obwohl beide gleich erfolglos waren, beschränkt sich auf die Angabe der Zahl der bei diesem Ausfall gefallenen Inder, nämlich 500, und betont seine Handlungen, die weit über das von Alexander Angeordnete hinausgereicht hätten.617 Schließlich will er die Pagenverschwörung alleine Alexander gemeldet haben (Arr. anab. 4,13,7), während Curtius behauptet, daß er und Leonnatos dies zusammen getan hätten (Curt. 8,6,22).618

Diese Hervorhebung hat allerdings innerhalb des Geschichtswerkes auch den Zweck, Ptolemaios in seiner Funktion als Autor als Augenzeugen in erster Reihe zu legitimieren und somit die Authentizität der Schilderung zu betonen.619 Auch könnte die Einseitigkeit u.U. auch darauf basieren, daß Ptolemaios hauptsächlich auf seiner eigenen Erinnerung aufbaute und kaum auf Notizen anderer zurückgriff. Denn Arrian benutzt bei persönlichen Angelegenheiten Alexanders, bei denen Ptolemaios nicht selber involviert war, in der Regel andere Quellen, obwohl er sonst gerade den Lagiden bevorzugt, so daß dieser wohl anscheinend nichts von diesen Angelegenheiten wußte.620 Zugleich existieren auch Stellen, die das Element der Nähe zu Alexander innerhalb des ptolemaiischen Geschichtswerkes als eher sekundär erscheinen lassen. Denn bei Arrian fehlen v.a. die Episode der Rettung Alexanders durch Ptolemaios bei der Mallerstadt und die der Pflege des todkranken Ptolemaios durch Alexander persönlich.621

Entsprechend seiner eigenen Erhöhung werden auch seine persönlichen und politischen Gegner in ihren Leistungen erniedrigt bzw. für Taten, die in der griechischen Welt schlechten Ruf besaßen, verantwortlich gemacht.622 An erster Stelle steht natürlich Perdikkas, der Ptolemaios durch seinen frühen Einmarsch in Ägypten die Herrschaft ernsthaft strittig gemacht hatte, als die Macht des Satrapen noch nicht gefestigt war. So berichtet Ptolemaios, daß Perdikkas bei der Erstürmung Thebens den entscheidenden Sturm ohne Befehl Alexanders eingeleitet habe, als dieser noch in Hoffnung auf eine friedliche Lösung habe abwarten wollen (Arr. anab. 1,8,1-2), während nach dem Bericht Diodors Perdikkas auf den königlichen Befehl gewartet hatte (Diod. 17,17,3). Mit seiner Version macht der Lagide Perdikkas zum Verantwortlichen für die Zerstörung Thebens, die in der griechischen Welt als eine der größten Untaten Alexanders angesehen wurde und immer als Paradebeispiel dafür diente, wenn man Alexander zum Tyrannen abstempeln wollte.623 Allerdings kann der Bericht Arrians auch in dem Sinne interpretiert werden, daß die eigentliche Schuld nicht bei Perdikkas, sondern bei den Thebanern selber gelegen habe, da diese von Alexander abgefallen seien und an der makedonischen Besatzung ein Massaker verübt hätten (Arr. anab. 1,7,1-2 & 11), wie auch hauptsächlich die boiotischen Verbündeten Alexanders das Massaker an der Bevölkerung und ihre Versklavung und die Zerstörung der Stadt durchgeführt hätten (Arr. anab. 1,8,8 & 1,9,9-10). Die griechischen Zeitgenossen waren sich dagegen unbeirrbar einig, daß die Verantwortlichkeit bei Alexander lag (Pol. 38,2,14; s. Paus. 9,7,1-2), während die Makedonen keinen Anstoß an dieser Begebenheit nahmen, sondern die makedonische Heeresversammlung unter Antigonos Monophthalmos die Neubegründung der Stadt durch Kassandros aufgrund der Tatsache der vorherigen Zerstörung unter Alexander offen verurteilte (s. Dio 61,2-3).624 Schließlich hätte Perdikkas im Falle der Wahrhaftigkeit des ptolemaiischen Berichtes durch sein Handeln unter höchster Lebensgefahr einen schnellen Sieg bewirkt und somit eine allzu lange und zermürbende Belagerung vermieden.625

Des weiteren wirft Ptolemaios Perdikkas z.B. vor, daß dieser auf die Disziplin seiner Soldaten kaum ein Auge geworfen habe.626 Dessen Leistungen, seine Teilnahme an bedeutenden Aktionen und seine Karriere werden größtenteils übergangen. So werden z.B. seine Rolle bei der Belagerung von Tyros (Curt. 4,3,1 vs. Arr. anab. 2,20,4), seine Teilnahme bei der Schlacht von Gaugamela (Curt. 4,16,32 & Diod. 17,61,3 vs. Arr. anab. 3,15,2), seine Ernennung zum Somatophylax 330 (s. Curt. 6,8,17) und sein Kommando in der Sogdiane (Curt. 7,6,19-21) nicht erwähnt. Auch die Tatsache, daß Perdikkas nach dem Tode des Hephaistion in dessen Position als erster Gefährte Alexanders und eine Art Großwesir des Königs nachrückte (Diod. 18,3,4 & Plut. Eum. 1,2; s.a. Diod. 17,110,8), wird nicht nur verschwiegen, sondern sogar implizit verneint, indem explizit behauptet wird, daß für Hephaistion kein Nachfolger ernannt worden sei (Arr. anab. 7,14,10), so daß Perdikkas auf Basis des von Arrian überlieferten Berichtes in Babylon nahezu aus dem Nichts in die stärkste Position vor Ort aufgestiegen wäre.627 Auch der Somatophylax Aristonoos, der nach Curtius zu der Gruppe derer gehörte, die bei der Mallerstadt Alexanders Leben schützten (Curt. 9,5,6-22, insbes. 18; s. dgg. Arr. anab. 6,9-10), wird ausgelassen, wobei er bei den Verhandlungen zu Babylon nach dem Tode Alexanders Perdikkas unter anderen bei der Ablehnung des Vorschlags der Aufteilung des Reiches unter den Generälen unterstützte (Curt. 10,6,16-17).628 Das vollkommene Fehlen des Antigonos Monophthalmos in den überlieferten Passagen, obwohl dieser als Statthalter von Großphrygien die Reste der persischen Armee auf ihrer Flucht durch Kleinasien neutralisierte (Curt. 4,1,35), kann dagegen auch damit erklärt werden, daß diese Taten nicht direkter Bestandteil des Alexanderzuges waren und deswegen in einer Alexandergeschichte ohne weiteres ausgelassen worden sein können.629

Die Zurücksetzung der Rolle seiner Kontrahenten beim Alexanderzug brachte mit sich, daß die Position des Lagiden dadurch noch mehr hervorragte, ohne daß eine absolute Erhöhung der eigenen Position notwendig wurde, die zu stark hätte auffallen müssen.630 Außerdem entsprachen diese Auslassungen in ihrer Wirkung dem Konzept seines Geschichtswerkes, indem sich nun das ganze Geschehen in der Regel auf Alexander als den großen königlichen Feldherrn konzentriert und er auch den Platz einnimmt, der von seinen Generälen genommen wird.631 Somit wird Alexander zum Vorbild des hellenistischen Königs, der sein Heer siegreich ins Feld wirft. Allerdings greift das Auslassungsargument, das in bezug auf die Behandlung der Kontrahenten des Ptolemaios am meisten Verwendung findet, nur begrenzt. Denn aufgrund der fragmentarischen Überlieferungslage des Geschichtswerkes bleibt immer noch die Möglichkeit offen, daß entsprechende Passagen im Original vorhanden gewesen, bei der Übernahme durch Arrian aber herausgefallen sein könnten. Außerdem kann nicht an allen Stellen, an denen eine Auslassung festgestellt wird, belegt oder zumindest wahrscheinlich gemacht werden, daß Arrians Vorlage wirklich in dem Werk des Ptolemaios bestand. Schließlich können auch bei den anderen erhaltenen Überlieferungen Konfusionen durch die jeweiligen Autoren vorgeherrscht haben, v.a. wenn nur ein Autor eine andere Version vorlegt.632

Insgesamt wird aber deutlich, daß Ptolemaios mit seinem Werk den Glanz Alexanders des Großen, über den er auch seine eigene Herrschaft legitimierte, betonte. Zugleich hob er auch seine Taten, die denen eines Königs entsprachen bzw. im Sinne des Königtums waren, hervor.

 

 

Anmerkungen:

586 s. Arr. anab. 1, praef. 1 & 1,2,7 & 6,2,4; s.a. Bengtson (1975), p. 30; Seibert (1972), p. 19; Wirth (1979)f, p. 1218.

587 Badian (1997)a, p. 29; s.a. Bengtson (1975), p. 30; Ellis (1994)c, p. 17.

588 Wirth (1959), pp. 2468-2469.

589 Strasburger (1934), p. 9.

590 Bengtson (1975), p. 31.

591 Seibert (1969), p. 26; s.a. Badian (1997)a, p. 29.

592 Badian (1997)a, p. 29; s.a. Schwartz (1895), pp. 1240-1243; Bengtson (1975), p. 30.

593 Wirth (1979)f, p. 1218.

594 Ellis (1994)c, pp. 17; s.a. Errington (1969), pp. 241-242; Ameling (2001)b, p. 533.

595 s. Ameling (2001)b, p. 533; s.a. Geier (1838), p. 75; Ellis (1994)c, p. 21.

596 Geier (1838), p. 75; s.a. Ellis (1994)c, p. 21.

597 Wirth (1959), p. 2484; s.a. Kornemann (1935), p. 8; Wirth (1979)f, p. 1218.

598 Bengtson (1975), p. 30; s.a. Errington (1969), p. 241.

599 s. Ellis (1994)c, p. 17; s.a. Ameling (2001)b, p. 533.

600 Wirth (1959), pp. 2469-2470; s.a. Wirth (1979)f, p. 1218; Roisman (1984), p. 383; Ameling (2001)b, p. 533.

601 Kornemann (1935), pp. 177-179.

602 Strasburger (1934), p. 54.

603 Wirth (1959), p. 2471-2475; s.a. Kornemann (1935), p. 179; Ameling (2001)b, p. 533; Huß (2001), p. 95.

604 Kornemann (1935), pp. 214-215.

605 s. Arr. anab. 4,8,8-9 & Curt. 8,1,22-52; s.a. Schwartz (1895), p. 1240; Errington (1969), p. 233.

606 Itin. Alex. 50: Denique duos corvos draconesve praevios ivisse aiunt inimici fabularum donicum locum sacri appulit ire, sane secretum deo et ad mira quaeque credendum.; s.a. Arr. anab. 3,3,5 = FGrH 138 (Ptolemaios Lagu) F8; s.a. Kornemann (1935), p. 193.

607 Rosen (1979), p. 465.

608 Wirth (1959), pp. 2482-2483; s.a. Errington (1969), p. 233; Roisman (1984), p. 383; Ellis (1994)c, p. 17.

609 Ellis (1994)c, p. 11; s.a. Droysen (1877), Bd. I, p. 283.

610 Müller (2003), pp. 171-173; s.a. Kaerst (1893)a, pp. 1425-1426; Bosworth (1994)a, p. 821; Ellis (1994)c, p. 11.

611 Diod. 17,77,5: εἴτα τό τε Περσικὸν διάδημα περιέθετο [sc. Ἀλέξανδρος].; s.a. Curt. 6,6,2-5 & Iust. 12,3,8; s.a. Ritter (1965), pp. 12 & 31-41 passim.

612 Ellis (1994)c, p. 11; s.a. Seibert (1969), pp. 13-14; Bosworth (1994)a, p. 821.

613 Seibert (1969), pp. 10-12.

614 Ellis (1994)c, p. 11; s.a. Seibert (1969), pp. 15-16.

615 Seibert (1969), p. 20.

616 Bosworth (2002), p. 254.

617 Seibert (1969), p. 24.

618 Errington (1969), p. 234.

619 Strasburger (1934), pp. 53-54.

620 Badian (1971), p. 38. Allerdings ist dieses Thema umstritten, indem des öfteren behauptet wird, daß Ptolemaios Zugang zu königlichen Notizen oder Akten besaß (Wirth (1979)f, p. 1218; s.a. Hammond (1988), pp. 134-135).

621 Roisman (1984), pp. 383-384; s.a. in A) I.) b) Die Zeit während des Alexanderzuges.

622 Bengtson (1975), p. 32; s.a. Wirth (1959), p. 2483; Schepens (1983), p. 365.

623 Ellis (1994)c, pp. 20-21; s.a. Errington (1969), p. 237; Roisman (1984), p. 374.

624 Roisman (1984), p. 375; s.a. Ellis (1994)c, p. 21.

625 Strasburger (1934), p. 22.

626 Bengtson (1975), p. 32; s.a. Wirth (1959), p. 2483.

627 Errington (1969), pp. 239-240; s.a. Kornemann (1935), pp. 195-196.

628 Errington (1969), pp. 235-236.

629 Errington (1969), p. 234.

630 Errington (1969), p. 241.

631 Seibert (1969), pp. 2-3; s.a. Errington (1969), p. 233.

632 Roisman (1984), pp. 376-379.

 

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