Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

5. Die Spezialisierung der Physikotheologie

5.2. Gottesbeweise aufgrund des teleologischen Prinzips von Teilbereichen

Des öfteren wurde aber auch der auf der Idee eines Weltplanes beruhende teleologische Gottesbeweis statt durch die Hervorhebung der Geordnetheit der gesamten Schöpfung auf Basis der zweckorientierten Ausrichtung gewisser spezieller Teilbereiche innerhalb der gesamten Weltordnung durchgeführt.300

Thomas von Aquin bezog sich in seinem Werk Ex gubernatione rerum auf das aristotelische Prinzip, daß ein beabsichtigtes teleologisches Handeln der Absicht eines vernunftbegabten Handlungssubjektes bedürfe, das, wenn es lebt, eigenständig sei, wenn es aber leblos ist, den Absichten einer außerhalb existenten Vernunft unterworfen sein müsse. Unter dem ausdrücklichen Ausschluß der Handlungen aller belebten Dinge beschränkt er nun seine Ausführungen auf die offenkundige teleologische Ausrichtung einiger lebloser Dinge (corpora naturalia), deren Zielgerichtetheit wie z.B. bei einem durch einen Bogenschützen auf eine Zielscheibe gerichteten Bogen per definitionem das Handeln eines sich außerhalb befindlichen intelligenten Prinzips erfordere, das durch den Begriff Gottes erklärbar sei.301

Gerhard Meier zählte in seinem Werk In aranearum telis cum utilitate certat utilitas („Bei den Spinnennetzen wetteifert die Nützlichkeit mit der Nützlichkeit“) zuerst Wissensinhalte über Spinnennetze und Spinnen aus allen möglichen Wissensbereichen auf und stellte darauf basierend die Frage, ob die Spinne durch die prima necessitas materiae oder atomarum concursu entstanden sein müsse. Diese Frage beantwortete er aufgrund der kunstfertigen Erscheinung der Spinne eindeutig mit der ersten Möglichkeit, so daß die Spinne für ihn auch eine Art παιδαγωγὸς εἰς Χριστόν („Lehrmeister zu Christus“) verkörperte.302

Der Gottesbeweis des aus Neuengland stammenden Geistlichen Jonathan Edwards (1703-1758) basierte auf der Beobachtung von eigenartigen Verhaltensmustern einer an der dortigen Küste verbreiteten „fliegenden Spinnenart“ (Works VI,154-169). Diese Spinnenart sei nicht nur durch ihre Fähigkeit zum Jagen und zum Überleben, sondern allein auch durch ihr besonderes Vergnügen, das sie beim Schweben durch die Luft erfahre, ein sicherer Beweis für die Existenz Gottes und seinen Einfluß auf die natürliche Weltordnung.303 Diese Spinnen seien zugleich aber auch ein Glied des Systems der Weltordnung, da sie zwar selber Insekten jagten, aber zugleich von Vögeln gejagt würden, so daß sie ein wichtiges Glied der Nahrungskette darstellten. Dabei pflanzten sie sich auch so zahlreich fort, daß ihre Art trotz der unzähligen aufgefressenen Einzelexemplare über die Zeit in annähernd konstanter Zahl erhalten bleibe.304

 

 

Anmerkungen:

300 Clayton (1984), p. 753.

301 S. th. 1a,2,3: Quinta via sumitur ex gubernatione rerum. Videmus enim quod aliqua quae cognitione carent, scilicet corpora naturalia, operantur propter finem: quod apparet ex hoc quod semper aut frequentius eodem modo operantur, et consequuntur [bzw.: ut consequantur] id quod est optimum; unde patet quod non a casu, sed ex intentione perveniunt ad finem. Ea autem quae non habent cognitionem, non tendunt in finem nisi directa ab aliquo cognoscente et intelligente, sicut sagitta a sagittante. Ergo est aliquid intelligens, a quo omnes res naturales ordinantur ad finem: et hoc dicimus Deum. („Der fünfte Weg geht aus von der Weltordnung. Wir stellen fest, daß unter den Dingen manche, die keine Erkenntnis haben, wie z.B. die Naturkörper, dennoch auf ein festes Ziel hin tätig sind. Das zeigt sich darin, daß sie immer oder doch in der Regel in der gleichen Weise tätig sind und stets das Beste erreichen. Das beweist aber, daß sie nicht zufällig, sondern irgendwie absichtlich ihr Ziel erreichen. Die vernunftlosen Wesen sind aber nur insofern absichtlich, d.h. auf ein Ziel hin tätig, als sie von einem erkennenden geistigen Wesen auf ein Ziel hin geordnet sind, wie der Pfeil vom Schützen. Es muß also ein geistig-erkennendes Wesen geben, von dem alle Naturdinge auf ihr Ziel hin geordnet werden: und dieses nennen wir ‚Gott‘.“); s.a. Clayton (1984), p. 753; Krolzik (1988), pp. 42-45; Blum (2002), pp. 272-275; Michel (2008), p. 13.

302 Philipp (1957), pp. 63-64.

303 „Wir sehen daraus die überströmende Güte des Schöpfers, der nicht allein Sorge für alles Notwendige getroffen hat, sondern auch für das Vergnügen und die Ergötzung aller Arten der Kreatur, sogar der Insekten [!] und solcher Lebewesen, die überaus verachtenswert sind.“ (Works VI,158 & 167).

304 „Bewundere den Schöpfer auch darin, daß er so schön und mathematisch ihre natürliche Vermehrung geordnet hat, daß trotz ihrer Vernichtung durch solche Gegebenheiten, trotz der Vielzahl derer, die durch Vögel gefressen werden, sie nicht in ihrer Zahl abnehmen und allmählich verschwinden: Dadurch, daß ihre Vernichtung so an ihre Vermehrung angepaßt ist, nehmen sie auch nicht zu, vielmehr, vergleicht man ein Jahr mit dem anderen, bleibt ihre Zahl doch gleich“ (VI,161); s.a. Clayton (1984), pp. 753-754.

 

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