Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

3. Die Offenbarung in der Natur und der physikotheologische Gottesbeweis

3.1. Der physikotheologische Gottesbeweis

Mit Hilfe des physikotheologischen bzw. teleologischen Gottesbeweises, der auch bei Kant angeführt und kritisiert wird und so auch im 20. Jahrhundert ein Begriff ist, soll aufgrund der Vollkommenheit, des sinnvollen Charakters und der Schönheit der Ordnung des Universums die Notwendigkeit der Existenz eines Allmacht, Allwissenheit und Güte besitzenden Baumeisters, nämlich Gottes, nachgewiesen werden.95 Dabei wird aus der Evidenz der Ordnung und des teleologischen Prinzips der Welt die Notwendigkeit der Existenz eines „vernunftbegabten Seienden“, das der Urheber des geordneten teleologischen Prinzips des gesamten Universums ist, geschlossen,96 wobei man sich des platonisch-aristotelischen Analogieschlusses zwischen der Schöpfung von natürlichen Dingen und dem Entstehen von von Menschenhand verfertigten Dingen bedient.97 Auch schien in der Aufklärung „die Einheit, die Einerleiheit und Einfachheit, die logische Gleichheit das letzte und höchste Ziel des Denkens zu bilden“.98

Physikotheologische Ansätze als der wahrscheinlich älteste Typus eines Gottesbeweises fanden sowohl in der abendländischen als auch, von ihr übernommen, in der indischen Philosophie (Sankara, Udayana, Madhva) eine weite Verbreitung. Erste Ansätze lassen sich schon bei den Vorsokratikern wie Anaximander und Heraklit ausmachen, ein erster ausführlicherer findet sich bei Anaxagoras, und schließlich ist uns der des Sokrates bei Xenophon (Memorabilia I,4) überliefert, der von Platon in den Nomoi und im Timaios und von Aristoteles in den Physika eine Weiterentwicklung erfuhr und dann bei den Stoikern der beliebteste war. Er wurde durch das mittelalterliche Christentum u.a. bei Johannes von Damaskus (De fide orthodoxa I,3) und Thomas von Aquin (Summa theologica Ia,2,3; Summa contra Gentiles I,13) akzeptiert und fand unter den Reformatoren zumindest bei Luther Zustimmung.99 Unterstützt wurde seine Akzeptanz durch die christliche Vorstellung der Welt als einer creatio ex nihilo („Schöpfung aus dem Nichts“) durch den Schöpfergott, die auch von den Kirchenvätern des 2. Jahrhunderts gefordert worden war.100

Im Gegensatz zu den mit Hilfe von apriorischen Vernunftschlüssen arbeitenden Gottesbeweisen der natürlichen Religion schließen die physikotheologischen Gottesbeweise aufgrund der Weltvollkommenheit a posteriori auf Gott. Sie beinhalten damit anders als die aufgrund der Begrenztheit der apriorischen Mittel in ihren Möglichkeiten sehr eingeschränkten Beweise der natürlichen Religion, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihre Möglichkeiten fast völlig ausgeschöpft hatte, schier unendlich viele Möglichkeiten.101

Die physikotheologischen Gottesbeweise sind im Gegensatz zu den ontologischen und kosmologischen nicht transzendental, sondern schon von ihren Voraussetzungen her unverhohlen empirisch. Damit sind sie im Gegensatz zu den ontologischen Gottesbeweisen, die auf der reinen Existenz des denkenden Ichs basieren und von der sonstigen Welt und somit von der jeweiligen Weltanschauung und ihren Veränderungen unabhängig sind, und den kosmologischen, die stark von den jeweiligen „zeitgenössischen Konzeptionen der Kausalität“ abhängen, aber in ihrer Gültigkeit dadurch nicht notwendigerweise beeinflußt werden, sehr empfindlich gegen empirische Kritik und gegen „radikale Paradigmenwechsel“ innerhalb der naturwissenschaftlichen Weltanschauungen. Denn schon geringste Veränderungen dieser Weltanschauungen sind in der Lage gewisse teleologische Argumente des physikotheologischen Gottesbeweises erheblich zu schwächen, da diese sehr eng mit den jeweiligen zeitgenössischen Vorstellungen in den Naturwissenschaften zusammenhängen.102 So führt Blum auch an, daß „der teleologische Gottesbeweis eher eine Aussage über diese Welt als über Gott ist“.103

 

 

Anmerkungen:

95 Krolzik (1996), p. 591.

96 Clayton (1984), p. 751.

97 Groh / Groh (1991), p. 19.

98 Cassirer (1973), p. 37.

99 Clayton (1984), pp. 751-752; s.a. Blum (2002), p. 272.

100 Groh / Groh (1991), p. 13.

101 Philipp (1957), p. 72; s.a. Michel (2008), p. 8.

102 Clayton (1984), p. 752.

103 Blum (2002), p. 271.

 

Diese Inhalte sind urheberrechtlich geschützt (UrhG) und dürfen nur nach expliziter Genehmigung der Rechteinhaber an anderer Stelle publiziert werden.