Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

3. Die Offenbarung in der Natur und der physikotheologische Gottesbeweis

3.3. Die Offenbarung in der Natur

Den physikotheologischen Gottesbeweis versuchten aber die wenigsten Physikotheologen ohne die Heilige Schrift als Basis nachzuweisen, und die meisten sahen darin weder eine formale Deduktion noch eine empirische Induktion, sondern nur eine Demonstration, die ein „Vor-Augen-Stellen“ darstellen sollte. Die eigentliche Bestätigung und Bekanntheit der Existenz und des Wesens Gottes geschah ihrer Ansicht nach im wesentlichen durch den Inhalt der Heiligen Schrift. Diese aus der Offenbarung in der Heiligen Schrift gewonnenen Einsichten über die Existenz und das Wesen Gottes wurden durch die mit Hilfe naturwissenschaftlicher Erkenntnisse parallel dazu gewonnenen Erkenntnisse aus der Offenbarung in der Natur vertieft.129 So war die Bibel, die auch ohne Kommentar als Autorität angeführt wurde, das meistzitierte Werk der Physikotheologen.130 Diese Verbindung der beiden Arten der göttlichen Offenbarung entsprach auch der puritanischen Vorstellung der weisen Vorsehung Gottes. Durch diese sei in der Welt alles zweckmäßig eingerichtet und nach höchster Vernunft geordnet, und könne der Mensch als die „Krone der Schöpfung“ in eben dieser Weltordnung Gott in seinen Werken erkennen, so daß die Aufgabe der Naturwissenschaftler die Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit der Welt sei.131 Auch schon nach der Ansicht Keplers sei der Mensch durch seine Gottesebenbildlichkeit fähig mit seinem Geist den göttlichen Bauplan des Weltalls und seine Strukturen zu erkennen.132 Infolge des Entstehens des neuen naturwissenschaftlichen Wahrheitsbegriffes, der eine bestimmte und genaue Erkenntnis der Naturvorgänge in Form von genauen Messungen und eine klare Ausformulierung dieser Erkenntnisse verlangte, bildete sich ein selbständiger Wahrheitsbegriff der Natur, der seinem Anspruch nach nicht mehr durch das Wort Gottes gestützt werde, sondern jedem jederzeit vor den Augen liege und sich in geschlossener Form in mathematischen Formeln offenbare und damit klarer als jedes offenbarte Wort sei, das als solches schon immer Mehrdeutigkeiten enthalten habe.133 Schließlich gehöre die Schöpfung des Universums durch Gott auch zum Inhalt der Offenbarung in der Heiligen Schrift, so daß die Offenbarung in der Natur durch die Offenbarung in der Heiligen Schrift theologisch gedeckt werde.134

Durch die Betrachtung der Offenbarung in der Natur wurden die Grenzen von natürlicher und offenbarter Theologie aufgehoben, was nun den Begriff der Offenbarung unter den Anspruch von Natur und Vernunft stellte, und die Grenzen der natürlichen Sinne überschritten.135 Infolge dessen wurde der „soteriologische Vorbehalt gegen die theoretische Neugierde“ aufgehoben,136 der sich auf die christliche Lehre der Erlösung, durch die der Mensch seine beim Sündenfall verlorene Gottesebenbildlichkeit wiedererlangen sollte, bezog und die Auferstehung als Voraussetzung für eine Erlösung ansah.137 Augustinus hatte dagegen einen erkenntnistheoretischen Vorbehalt gegen die allzu starke Erforschung des in der Natur liegenden Verborgenen, „das zu wissen für uns nicht gut ist“,138 geäußert, der von Luther übernommen worden war.139 Da aber nach den Aufklärern des 18. Jahrhunderts die Vernunft aus dem Erwerb und nicht aus dem Besitz von Wahrheiten bestand, betonten sie auch die natürliche Wissensbegierde des Menschen.140 Zugleich mit der Betonung der geistlichen Durchdringung der Natur mittels verstandesgemäß geschärfter sinnlicher Wahrnehmung und der Fassung dieser in mathematischen Formeln wurde aber auch die einfache und naive sinnliche Wahrnehmung immer stärker abgelehnt.141 Außerdem erhob sich die Betrachtung der einzelnen Naturphänomene zu einer Betrachtung der Natur als Gesamtheit.142 Schließlich führte der christliche Gedanke, daß gemäß dem Evangelium nach Johannes143 Gott alles inklusive der Materie erschaffen habe und das Wort zu Fleisch geworden sei, zu einer Abkehr von der platonischen Verachtung des Materiellen in der Beobachtung der Wahrheiten der Natur.144 Aber die Aufhebung des soteriologischen Vorbehaltes führte zu einen „quasi-göttlichen Selbstbewußtsein der menschlichen Erkenntnis“, während nach Bacon gleichzeitig zwecks der Beherrschung der Natur ein bewußter Gehorsam notwendig wurde.145

Aufgrund ihrer Erkenntnisgewißheit setzten die Physikotheologen nun die Offenbarung in der Natur mit der Offenbarung in der Heiligen Schrift gleich. Dies führte zu einer Erhebung des Naturforschers zu einer Art „Priester des höchsten Gottes am Buch der Natur“ (J. Kepler) und der Anerkennung der Tatsache, daß die Naturwissenschaften nicht nur wenigen erleuchteten Experten, sondern jedem vernunftbegabten Menschen zugänglich seien, als einem Argument für ihre größere Evidenz.146 So entstand ein Schöpferlob, das auf der Erfaßbarkeit der Maschinerie des Universums und ihres sich auf den Menschen richtenden teleologischen Prinzips für den menschlichen Verstand basierte,147 zumal da man durch die Großartigkeit der Natur seine eigene Unzulänglichkeit erkannte.148 Dies führte alles zu einer im Christentum fast niemals in dieser Stärke vorgekommenen Gewichtung des Schöpfungsglaubens.149

 

 

Anmerkungen:

129 Krolzik (1996), p. 591.

130 Stebbins (1980), pp. 92-99.

131 Groh / Groh (1991), pp. 42-43.

132 Groh / Groh (1991), p. 25.

133 Cassirer (1973), pp. 54-56.

134 Sykes (1992), p. 811.

135 Sparn (1994), p. 89.

136 Sparn (1992)c, p. 1213.

137 Williams (1996), pp. 292-294.

138 Aug. conf. 10,35-55.

139 „Kein Vernunft kann auch die natürlichen Werk der Schöpfung Gottes begreifen und verstehen.“ (Tischreden 3,426); s.a. Groh / Groh (1991), pp. 26-27.

140 Cassirer (1973), p. 17.

141 Groh / Groh (1991), p. 27.

142 Groh / Groh (1991), p. 112.

143 Ioh. 1,1: Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, καὶ θεὸς ἦν ὁ λόγος. („Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“) & Ioh. 1,14: Καὶ ὁ λόγος σάρξ ἐγένετο... („Und das Wort wurde Fleisch...“)

144 Groh / Groh (1991), pp. 27-28.

145 Sparn (1992)c, p. 1213.

146 Sparn (1992)c, p. 1213; s.a. Sparn (1992)a, p. 521.

147 Sparn (1994), p. 89.

148 Stebbins (1980), pp. 36-38.

149 Schmidt (1979)a, p. 358.

 

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