Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

3. Die Offenbarung in der Natur und der physikotheologische Gottesbeweis

3.2. Der physikotheologische Gottesbeweis und Newton

Infolge der Veröffentlichung der Principia Mathematica Newtons (1642-1727) im Jahre 1687 erreichte der physikotheologische Gottesbeweis eine Blütezeit. So sagte z.B. Alexander Pope in seinem Essay on Man von 1732: Nature and Nature’s Law / Lay hid in night, / God said let Newton be, / And all was Light.104 In diesem Werk führte Newton bezüglich der Mechanik der Bewegungen der Himmelskörper und der auf der Erde ablaufenden Berechnungen von großer Genauigkeit durch105 und machte die Universalität der Gesetze sowohl im Universum als auch auf der Erde plausibel und zertrümmerte damit endgültig das alte Weltbild.106

Das Prinzip der mechanischen Geordnetheit des Universums könne nach ihm hierbei als ein deutliches Zeichen für die Existenz eines ordnend-planenden Prinzips in der Form eines intelligenten göttlichen Baumeisters bzw. Künstlers, der als einziger zur Schaffung einer Welt in dieser perfekten Ordnung in der Lage gewesen sei, angesehen werden. Dessen Existenz nachzuweisen, sei nun der hauptsächliche bzw. sogar der alleinige Zweck jeglicher Erkenntnis in der naturwissenschaftlichen Weltdeutung.107 Gemäß Cassirer108 glaubten die Aufklärer durch die Aufstellung der Gravitationsgesetze als eines „kosmischen Grundgesetzes“ (p. 57) allgemein, „ein Fundament gefunden zu haben, das durch keine künftigen Umwälzungen der Naturerkenntnis mehr erschüttert werden könne“ (p. 58). Gleichzeitig wurde aber auch die endgültige und unumkehrbare Feststellung der „Wechselbeziehung zwischen der Natur und der menschlichen Erkenntnis“ (p. 58) gezogen. 1692 bezeichnete Richard Bentley (s. 4.1.4. Richard Bentley) als erster Boyle-Lecturer (s. in 4.1.1. Robert Boyle) die Naturwissenschaften als eine Stütze der Theologie. Auch stellte Newton in der Query 28 seiner Opticks der Naturphilosophie die Aufgabe, to argue from the phaenomena without feigning hypotheses and to deduce causes from effects, till we come to the very first cause; which certainly is not mechanical... Aber eine endgültige Gewißheit hielt er für nicht erreichbar.109 So trennte er zwischen den durch die Empirie erfaßbaren natürlichen Dingen und den göttlichen, die der menschlichen Empirie nicht zugänglich seien. Die natürlichen Dinge aber stellten Newtons Ansicht nach in Anlehnung an die platonische Lehre nur Abbilder der Dinge im Geiste Gottes dar.110

Diese Trennung zwischen der Primärursache und den Sekundärursachen bildete hierbei auch schon vor Newton eine Brücke zwischen der Theologie und den Naturwissenschaften, die es diesen beiden Disziplinen und Weltanschauungsmodellen ermöglichte, nicht in ein Konkurrenzverhältnis mit allzu großen Spannungen zu geraten, so daß zumindest zeitweilig eine friedliche Verbindung eingegangen werden konnte.111 So wurde beispielsweise auch die Glaubwürdigkeit des auf empirischer Basis funktionierenden Analogieprinzips des teleologischen Gottesbeweises durch die Verwendung von Analogieschlüssen in den damals aufkommenden Naturwissenschaften noch verstärkt.112 Allerdings besteht bei diesem Konstrukt auch immer die Möglichkeit, den theologischen Bereich der sogenannten Primärursachen, die nicht direkt beobachtet, sondern nur indirekt erschlossen werden können, auszuklammern und sich lediglich auf den naturwissenschaftlichen Aspekt der sogenannten Sekundärursachen, die eine hinreichende Erklärung des Beobachteten liefern, zu konzentrieren, zumal da Newtons Physik, die auf mathematischen Berechnungen und Formeln basiert, sehr leicht mechanisiert werden kann. Hierbei versuchten Newton und die Physikotheologen gegen diese Konsequenz zu argumentieren.113

Newton selber wurde u.a. von den Cambridger Platonikern des 17. Jahrhunderts geprägt, die unter dem Einfluß Platons, Plotins und anderer antiker Philosophen außer Aristoteles und den Kirchenväter standen114 und die heidnischen Schriftsteller in ihrer Autorität verteidigten.115 Ihrer Ansicht nach könne man die wahrhafte Erkenntnis über den Weltenschöpfer nur durch die wissenschaftliche Untersuchung bzw. Beobachtung der ursprünglichen Ordnung der Materie und der Gesetzmäßigkeit ihrer Zusammensetzung und ihrer Bewegung erlangen, wobei hier besonders H. More zu nennen wäre.116 Sie lehnten auch die westliche Trennung von Rationalem und Spirituellem, von Natur und Übernatur und von Natur und Gnade ab, da die Vernunft den Menschen mit Gott verbinde und als eine in keiner Weise zu verdammende Eigenschaft auch in Gott vorhanden sein müsse. Daher habe die Urvernunft (Primal Reason) die Schöpfungsordnung mit einer rationalen, erklärbaren und intelligiblen Religion versehen. Somit seien Vernunft und Religion miteinander verbunden, so daß die Religion zu einer Anregung und Steigerung der Vernunft führe und zugleich jeglicher Versuch des Menschen, die Welt rational zu erfassen, von Gott gebilligt werde.117 Außerdem hatte Newton noch Kontakte mit der innerhalb der anglikanischen Kirche auftretenden Bewegung des Latitudinarismus, der zwar die episkopale Kirchenordnung und die Gottesdienstformen anerkannte, aber diese in bezug auf die menschliche Erlösung nicht für notwendig achtete.118 Des weiteren versuchten sie aber auch die biblische Überlieferung und das neue naturwissenschaftliche Bild miteinander zu vereinbaren.119 Hierbei handelte es sich bei dieser Strömung auch um eine Reaktion auf die teilweise äußerst blutigen Auseinandersetzungen religiösen Charakters im Rahmen des Englischen Bürgerkrieges, der Glorious Revolution und hiermit verbundener Ereignisse. Aufgrund der schmerzlich gewonnenen Erfahrung, daß die verschiedenen Interpretationen der Heiligen Schrift und des Glaubens keine gemeinsamen Kriterien zu einer Beurteilung von außen anbieten konnten, und aufgrund der Entwicklung eines gewissen diesbezüglichen Skeptizismus stand nun (zumindest in bezug auf die evangelischen Glaubensströmungen) eher die Betonung des gemeinsamen Glaubens an Gott und seine Verteidigung gegen deistische und atheistische Strömungen im Vordergrund. Die Anhänger des Latitudinarismus stellten sich zugleich aber auch Strömungen entgegen, die sich einer Eingliederung in die Hierarchie der anglikanischen Staatskirche unter einer gemäßigten Auslegung ihrer Glaubensauslegungen verweigerten.120

Leibniz sah nun im harmonischen Zusammenwirken der Monaden, obwohl diese kausal nicht voneinander abhängig seien, ein Zeichen für die gemäß der Vorsehung Gottes prästabilisierte Harmonie, durch die sich die Welt, in der wir leben, als die „beste aller möglichen Welten“ auszeichne. In dieser folgten gemäß dieser Harmonie alle Handlungen Gottes einer Ordnung und geschehe nichts ohne Regel, so daß nach Leibniz dadurch nicht nur allein die Existenz Gottes, sondern auch seine Weisheit bewiesen werde. Trotz der gelegentlich vorkommenden Einsetzung eines deus ex machina mangels besserer Erklärung gewisser physikalischer Erscheinungen kann man eine Zustimmung Newtons zum auf der Idee des Weltplanes basierenden Gottesbeweises anhand des General Scholium erkennen, das 1713 zum Buch III der Principia angefügt und 1726 bedeutsam revidiert wurde.121 In diesem General Scholium stellt er fest, „daß dieses allerschönste System von Sonne, Planeten und Kometen nur aus dem Rat und der Herrschaft eines intelligenten und mächtigen Wesens hervorgegangen sein könnte“, das man als „alle Dinge regierend“ und nicht als Weltseele, sondern als Herr über alles“ (III,42) ansehen müsse. Des weiteren entschärft er die schärfste Anfechtung des Glauben in der Form der Möglichkeit unzählig vieler „Erden“ durch Bruno, indem er sagt, daß weitere so gut durchkonstruierte Erden aufgrund ihrer Einheitlichkeit desselben einheitlichen Schöpfers bedürften.122 Bei der Frage Nr. 31 der zweiten englischen Ausgabe seiner Opticks von 1717 fügte er die Feststellung hinzu, daß Gott die Schöpfung vollzogen habe, indem er „Materie als solide, massige, harte, undurchdringbare, bewegliche Teile gestaltet“ habe. Aufgrund der Notwendigkeit der „Absicht eines intelligenten Urhebers“ für die Schaffung und Geordnetheit sei es nun „unphilosophisch, nach irgendeinem anderen Ursprung der Welt zu suchen oder sich einzubilden, daß sie aus einem Chaos, bloß durch die Naturgesetze entstehen konnte“. Dabei entstehen für ihn aus der richtigen Anwendung der Methoden von Analyse und Synthese natürlich auch direkte ethische Forderungen: „Wenn die Naturphilosophie durch die Fortsetzung dieser Methode in all ihren Teilen endlich zur Vollendung gebracht sein wird, so vergrößert sich auch der Umfang Moralphilosophie“, was wiederum der Schlüssel der Wiedererlangung der ursprünglichen politischen Ordnung des goldenen Zeitalters Noahs sein werde.123 Gott sei des weiteren notwendig, um die bei jedem physikalischen Prozeß entstehenden Energieverluste im Gesamtsystem wieder zu ergänzen.124 Aber auch aus seinem System resultierende, offene Fragen metaphysischen Charakters wertete Newton als Indizien für ein göttliches Wirken. So sah sich die Physik Newtons z.B. nicht in der Lage, in einer befriedigenden Weise zu erklären, wie zwei Körper aufeinander einwirken können, wenn sie sich nicht im Zustand gegenseitiger Berührung befinden, während die Gravitationslehre jedoch eine solche Fernwirkung voraussetzen muß.125 Ein weiteres Wunder stellte für Newton die Tatsache dar, daß die Planeten jeweils so angeordnet seien, daß sich Gravitations- und Zentripetalkraft immer gegenseitig aufheben und so kein Planet in die Sonne falle oder aus dem Sonnensystem herausfliege.126

Die Ausführungen ließen aber die Frage aufkommen, welche Auswirkungen diese Art des Denkens in bezug auf die Grundlagen der Naturphilosophie Newtons habe. Diese wurde im November 1715 von Leibniz auch aufgenommen und führte zu einer Korrespondenz mit dem Unitarier Samuel Clarke (1675-1729), einem Freund und Anhängers Newtons. Die aus diesem Briefwechsel entstandenen zehn Briefe über den Raum als ein Organ Gottes, Gottes Regieren über den Weltmechanismus, die Beschaffenheit der allgemeinen Anziehungskraft, die Existenz des Vakuums und die Absolutheit von Zeit und Raum erfreuten sich als der Auslöser einer offenen Debatte über die Grundlagen der Naturwissenschaften Newtons mehrere Jahrhunderte lang eines großen Interesses.127

Newtons Werke bewirkten eine sehr große Resonanz, weil man nach der Feststellung des Ordnungsprinzips in der Natur und im Kosmos hoffte, Gesellschaft und Politik auch mit einer gesetzmäßigen Ordnung durchdringen zu können. So schloß Locke aus der Erfahrung der Zweckmäßigkeit der Natur auf die Zweckmäßigkeit der sittlichen Ordnung.128

 

 

Anmerkungen:

104 Groh / Groh (1991), p. 49; s.a. Kempe (2003), p. 69; Steinmann (2008), p. 98.

105 Clayton (1984), p. 752.

106 Philipp (1957), p. 59.

107 Clayton (1984), p. 752; s.a. Zöckler (1877/79), Bd. 2, pp. 13-14.

108 Cassirer (1973), pp. 57-58.

109 And though every true step made in this philosophy brings us not immediately to the knowledge of the First cause, yet it brings us nearer to it. (Opticks; in: Opera omnia 4,237).

110 Groh / Groh (1991), pp. 31-33.

111 Krolzik (1988), pp. 81-82.

112 Groh / Groh (1991), p. 31.

113 Krolzik (1988), pp. 82-83.

114 Patrides (1981), pp. 598-599.

115 Kroll / Ashcraft / Zagorin (1992), p. 86.

116 Petry (1994), p. 424; s.a. Arana (1994), pp. 419-420.

117 Patrides (1981), p. 599.

118 Petry (1994), p. 424; s.a. Spellmann (1993), passim.

119 von Greyerz (1996), p. 390; s.a. Spellmann (1993), pp. 72-88 passim & 107-110 passim.

120 Spellmann (1993), pp. 3 & 15-16 & 24 & 40-53.

121 Clayton (1984), pp. 752-753.

122 „Und wenn jeder Fixstern Mittelpunkt eines dem unsrigen ähnlichen Systems ist, so muß das Ganze, da es nach einheitlicher Absicht konstruiert erscheint, das Reich ein und desselben Herrschers bilden. Es folgt daraus, daß Gott ein lebendiger, einsichtiger und allmächtiger Gott ist, daß er über das Weltganze erhaben und durchaus vollkommen ist. Es ist klar, daß der höchste Gott notwendig existiert, und kraft derselben Notwendigkeit existiert er überall und zu jeder Zeit.“ (III,673); s.a. Philipp (1957), p. 60.

123 Petry (1994), p. 425.

124 Groh / Groh (1991), p. 32.

125 Krolzik (1988), p. 114; s.a. Steinmann (2008), p. 17.

126 Steinmann (2008), pp. 100 & 104-105.

127 Petry (1994), p. 425; s.a. Krolzik (1988), pp. 121-132 passim.

128 Groh / Groh (1991), pp. 47-48.

 

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