Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

6. Die Krise der Physikotheologie und ihres Gottesbeweises

6.1. Die erkenntnistheoretische Widerlegung des physikotheologischen Gottesbeweises

6.1.1. Die Widerlegung

Die erkenntnistheoretischen Grundlagen des physikotheologischen Gottesbeweises wurden durch die philosophischen Werke von David Hume (1711-1776) und Immanuel Kant (1724-1804), zwei Meilensteine der Philosophiegeschichte, widerlegt.305

Hume führte in der ersten Enquiry concerning Human Understanding (11. Abschnitt) von 1748 und in den Dialogues concerning Natural Religion (2. Teil) von 1779 hauptsächlich vier Einwände gegen die Gültigkeit des physikotheologischen Gottesbeweises an.

Gemäß dem Prinzip „gleiche Wirkungen beweisen gleiche Ursachen“, das die Grundlage der Gottesbeweise darstelle, die durch Analogie von der Welt auf die Existenz Gottes schlössen, könne aus einer Wirkung einer im übrigen unbekannten Ursache nur die Existenz einer mindestens zu dieser Wirkung fähigen Ursache gefolgert werden. Hierzu gehöre auch die Welt, da der Mensch ihre Ursache bzw. ihre Ursachen nicht auf direktem Wege erkennen könne. In diesem Sinne könne auch nicht aus der Endlichkeit der Welt eine unendliche Ursache, aus der Vielfalt in der Welt die Einheit der Ursache, aufgrund der Mängel in der Welt die Vollkommenheit der Ursache und aufgrund der Existenz des Bösen ein gutes Wesen der Ursache zwingend bewiesen werden, aber auch bei einer vollkommenen Welt bliebe das Problem der Einheit der Ursache übrig.306

Außerdem basiere der physikotheologische Gottesbeweis mit seiner Vorstellung von einem Weltplan auf der Idee, in der Welt als ganzer – in Analogie zu menschlichen Kunstwerken wie z.B. einem Uhrwerk – ein Kunstwerk zu sehen, das Hinweise auf einen vernunftbegabten Schöpfer gebe. Dies bleibe jedoch nur so lange plausibel, wie der Vergleich zwischen der Welt als Gesamtwerk und einem menschlichen Kunstwerk nicht hinke. Nun gebe es aber deutliche Unterschiede zwischen der Weltordnung und einem von Menschen angefertigten Kunstwerk, da z.B. die Pflanzen sich nicht durch handwerkliche oder künstlerische Handlungen veränderten. Daher könne die Weltordnung genausogut mit einem pflanzlichen Organismus verglichen werden, so daß es keine Analogie gebe, die sich, sofern sie überhaupt plausibel sei, durch eine besondere Glaubwürdigkeit auszeichne. Deswegen gebe es keinen plausiblen Grund dafür, die Ursache der Welt als ganzer in einer Art „Architekt“ oder „Künstler“ zu sehen, zumal da es eher eine menschliche Anmaßung darstelle, diese Ursache nach den menschlichen Verstandeskritierien zu definieren.307

Aus den Wirkungen könne das Wesen der Ursachen oder des Verursachers nur dann erschlossen werden, wenn die Wirkungen als Verursachtes bekannt seien, wie wir z.B. aufgrund des Wissens, daß Uhren von Uhrmachern gemacht werden, anhand einer besonderen Uhr auf die Existenz eines Uhrmachers schließen könnten. Die Welt als ganze sei aber einzigartig und wir seien nicht die Beobachter von Kosmogonien gewesen. Daher könnten wir aufgrund eben dieser Einzigartigkeit und damit der Andersartigkeit gegenüber anderen Beispielen menschlicher Erfahrung auf die Ursache der Welt als ganzer nicht aufgrund der Analogie zu anderen Dingen schließen.308

Auch gebe es schon seit der Antike noch andere mögliche Erklärungen für die von uns erlebte Geordnetheit der Welt als ganzer. So seien z.B. neben den theistischen Erklärungsansätzen die rein naturalistischen in gleicher Weise plausibel. Nach der Ansicht der Epikureer z.B. sei die Welt nicht geschaffen, sondern schon immer existent gewesen und werde bis in die Unendlichkeit weiterexistieren und sei außerdem eine Anordnung von Atomen mit begrenzter Anzahl in willkürlicher, niemals aufhörender Bewegung, die sich in allen möglichen, sich unendlich oft wiederholenden Kombinationen befinden könnten. Auch bestehe in diesem Sinne die Möglichkeit, daß wir uns gemäß dieser Theorie in einem nur vorübergehend stabil erscheinenden Zustand befänden, der, wie er entstanden sei, auch wieder untergehen könne. Daher sei nach Hume die plausibelste Schlußfolgerung die Skepsis.309

Hinzu kamen noch weitere gewichtige Einwände gegen den physikotheologischen Ansatz eines Gottesbeweises, die nachweisen sollten, daß es sich um ein argumentum a posteriori handle, das als solches immer angreifbar sei. So bestehe allein schon ein offensichtlicher Widerspruch zwischen der theoretisch geforderten Geordnetheit der Welt und dem überall antreffbaren Übel auf der Erde.310

Neu waren diese Einwände allerdings höchstens für das Denken des Abendlandes, da sie und andere zusätzliche nämlich schon vom sechs oder sieben Jahrhunderte vorher lebenden indischen Philosophen und Theologen Ramanuja erwähnt worden waren (Kommentar zum Brahma Sutra 1,1,3).311

Kant wies in seiner Kritik der reinen Vernunft von 1781 auf Basis Humes noch darauf hin, daß der physikotheologische Ansatz eines Gottesbeweises sich zur Begründung der „Existenz eines Höchsten Seienden“ auf den kosmologischen und damit letztendlich auch auf den ontologischen Gottesbeweis beziehen müsse. Daher müßte er, wenn es nicht schon die Gegenargumente Humes gäbe, aufgrund des Nachweises der Unzulänglichkeit der ihm zugrundeliegenden Beweise, die außerhalb der Leistungsfähigkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens lägen, scheitern.312 Auch gehe der Beweis immer von einer Idee Gottes als Basis aus, indem eine gewisse Weise seines Lenkens vorausgesetzt werde, so daß der Beweis in einer de facto analytischen Aussage über Gott ende.313

 

 

Anmerkungen:

305 Sparn (1992)c, p. 1213.

306 Clayton (1984), pp. 754-755; s.a. Michel (2008), pp. 183-186.

307 Clayton (1984), p. 755.

308 Clayton (1984), p. 755.

309 Clayton (1984), pp. 755-756.

310 Clayton (1984), p. 756; s.a. Philipp (1957), p. 690.

311 Clayton (1984), p. 756.

312 KrV A624-630 & B620 ff. & 648 ff.; s.a. Clayton (1984), p. 756; Sparn (1992)c, p. 1213; Blum (2002), pp. 276-277.

313 KrV B673; s.a. Blum (2002), pp. 277-278.

 

Diese Inhalte sind urheberrechtlich geschützt (UrhG) und dürfen nur nach expliziter Genehmigung der Rechteinhaber an anderer Stelle publiziert werden.