Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

6. Die Krise der Physikotheologie und ihres Gottesbeweises

6.1. Die erkenntnistheoretische Widerlegung des physikotheologischen Gottesbeweises

6.1.2. Die Reaktionen und Folgen

Trotz der formalen Mankos aus erkenntnistheoretischer Sicht wurde der auf dem Gedanken des Weltenplans basierende physikotheologische Beweis als einziger von Hume, der von diesem anscheinend fasziniert war, ernstgenommen. So gab er den Ausführungen von diesem keine ironischen Beiklänge.314 Auch Kant zollte diesem Beweisansatz eine anerkennende Würdigung.315 Auch sei die natürliche Theologie, und somit auch die Physikotheologie, mit der „Funktion einer Zensur anthropomorphischer Gottesvorstellungen“ verbunden.316 Gleichzeitig wurden jedoch die physikotheologischen Ansätze kritisiert, die aus der Weltordnung auf einen auf den Menschen ausgerichteten Zweck der Naturprozesse schlossen.317

Goethe erwiderte auf die erkenntnistheoretische Widerlegung des physikotheologischen Beweises: „Den teleologischen Beweis vom Dasein Gottes hat die kritische Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was aber nicht als Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten, und wir rufen daher von der Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle dergleichen fromme Bemühungen wieder heran!“318

Auch sollte die erkenntnistheoretische Widerlegung des physikotheologischen Gottesbeweises die physikotheologische Bewegung nicht allzu stark beeinträchtigen.

So brachte Hugh Hamilton, ohne sich weiter beeindruckt zu zeigen, 1785 seine Physikotheologie heraus, gemäß der man durch die Betrachtung der Natur intuitiv auf Gottes „perfect knowledge, skill and contrivance“ „or, if I may so say, ingenuity“ stoße und in einem weiteren Vorgang der Anerkennung des „für-uns“ von der „immense goodness“ Gottes überzeugt werde.

1799 erschien in Hamburg das Werk von Franz Heinrich Ziegenhagen, von der Chodowiecki eine Kupfer herausgab, in dem davon ausgegangen wurde, daß das allgemeine Glück für die Menschheit durch die physikotheologischen Erkenntnisse erlangt werde. Auch baute er die Vision einer physikotheologischen Kirche der Zukunft auf, deren Wände mit naturwissenschaftlichen Darstellungen bedeckt sind und in der Kaiser und Kurfürst, protestantischer Pfarrer, Rabbiner und Mullah vor einem andächtigen Publikum unter einem großen aufgeschlagenen Buch mit der Beschriftung „Lehre vom richtigen Verhältnis in Gottes Schöpfung | Weg zum wahren Glück“ predigen. In seinen Ideen wurde das von den Idealen des damaligen Freimaurertums durchdrungene physikotheologische Werk geleitet durch die eingefügte achtseitige Hymne Mozarts „Die ihr des unermeßlichen Weltalls Schöpfer ehrt – Jehovah nennt ihn oder Gott [...] Liebt mich in meinen Werk!“319

1802 wurde noch die Natural Theology von Paley publiziert, die selbst 20 Jahre nach der Kritik Humes noch keinerlei Bezug auf diese nahm.320

 

 

Anmerkungen:

314 Enquiry concerning Human Understanding § 11, Dialogues concerning Natural Religion § 2.

315 KrV A623-624 / B651-652: „Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden. Er ist der älteste, klärste [!] und der gemeinen Menschenvernunft am meisten angemessene. Er belebt das Studium der Natur, so wie er selbst von diesem das Dasein hat und dadurch immer neue Kraft bekommt [...] Es würde daher nicht allein trostlos, sondern auch ganz umsonst sein, dem Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen. Die Vernunft, die durch so mächtige und unter ihren Händen immer wachsende, obzwar nur empirische Beweisgründe unablässig gehoben ist, kann durch seine Zweifel subtiler, abgezogener Speculation so niedergedrückt werden, daß sie nicht aus jeder grüblerischen Unentschlossenheit, gleich als einem Traume, durch einen Blick, den sie auf die Wunder der Natur und der Majestät des Weltbaues wirft, gerissen werden sollte, um sich von Größe zu Größe bis zur allerhöchsten, vom Bedingten zur Bedingung bis zum obersten und unbedingten Urheber zu erheben.“

316 Clayton (1984), p. 752.

317 Büttner / Richter (1995), p. 99.

318 Goethe, Maximen und Reflexionen 4,243-244; s.a. Philipp (1957), p. 146.

319 Philipp (1957), p. 30.

320 Clayton (1984), p. 756; s.a. Zöckler (1877/79), Bd. 2, pp. 445-447.

 

Diese Inhalte sind urheberrechtlich geschützt (UrhG) und dürfen nur nach expliziter Genehmigung der Rechteinhaber an anderer Stelle publiziert werden.