Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

4. Die geschichtliche Entwicklung und die Hauptvertreter der Physikotheologie

4.2. Deutsche Vertreter

4.2.5. Christian Wolff und sein „physikotheologisches“ System

Der Deist Christian Wolff versuchte in seinen relativ rasch verfaßten Vernünftige Gedanken von den Absichten der natürlichen Dinge, den Liebhabern der Wahrheit mitgetheilet von 1724 in Form eines Realienbuches die Zweckmäßigkeit der Weltmaschinerie aufzuzeigen.255 Hierbei stellte er sich angesichts der Vollkommenheit der Weltordnung die Frage nach einem Urheber, die er mit der Notwendigkeit der Erkenntnis Gottes aus den natürlichen Dingen beantwortete,256 da ja der Ablauf der Naturprozesse vollkommen anders und damit nicht so lebensfreundlich aussehen könnte.257 Da Gott aber hinter den Naturgesetzen stehe, sei das Gewissen nur mehr an die Naturgesetze und nicht mehr an die Heilige Schrift gebunden und seien gut und böse allein vom Erfolg abhängig. Hierbei nahm Wolff zugleich vom Bild des Gottes des Zornes und der Gnade zugunsten des Bildes eines wohlwollenden Vatergottes Abstand. Als einzigen natürlich vorgegebenen Grundsatz des Gewissens sah er die Naturverbesserung, zu der er auch nachdrücklich aufrief. Die menschliche Kraft reiche hierzu auch aus, so daß die eigene Schwäche keine Ausrede darstelle.258

Christian Wolff sah sich selber als epochenbildend an, da er gemäß dem Vorwort der zweiten Auflage als erster aufgrund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse eine Leiter zur Erkenntnis Gottes und zur „Gottseligkeit“, die wiederum zur „eifrigen Ausübung aller Tugenden“ anwendbar sei, hinaufgestiegen sei. Dementsprechend erhob er den Anspruch der Begründer einer neuen Physikotheologie zu sein. Dennoch verfaßte er sogar Vorworte zu den deutschen Ausgaben von älteren physikotheologischen Werken.259 Immerhin erreichte durch seine Ausformulierung der providentia auch die physikotheologische Betrachtungsweise zum Zeitpunkt der Krise der natürlichen Theologie aufgrund der Durchsetzung der kausalmechanischen Betrachtungsweise einen gewissen Höhepunkt.260

Das Werk erschien zu einen Zeitpunkt, als Wolff sich heftiger Anfeindungen unter dem Vorwurf des Spinozismus, also einer Form des Deismus, erwehren mußte, so daß das in diesem Werk erstellte System sich in einer physikotheologischen Erscheinungsform gab.261 Er sah das primäre Wunder im Aufbau der Weltuhr, die jedoch trotz ihrer Vollkommenheit als eine Konstruktion von Zahnrädern nicht reibungsfrei ablaufen könne, so daß Eingriffe im theistischen Sinne notwendig seien. Daneben seien auch Wunder im traditionellen Sinne möglich, die sich aber nur auf ausdrücklich vorher Bestimmtes beschränken müßten und nicht contra rationem („wider die Vernunft“) geschehen dürften, da jede Abweichung einen Abstrich von der Vollkommenheit der Welt darstelle, so daß alle Wunder wahrscheinlich von Anfang an in die Weltkonstruktion integriert worden seien.262 Hierdurch fällt jedoch de facto bei Wolff jegliche Transzendenz heraus,263 wie auch die theistisch erscheinenden Elemente als auf die deistischen aufgepfropft erscheinen.

 

 

Anmerkungen:

255 Erster Teil: I. Von den Absichten der natürlichen Dinge überhaupt; II. Von der Hauptabsicht der Welt; III. Von der Zahl der Weltkörper; IV. Von der Größe des Weltgebäudes; V. Von der Sonne; VI. Von den Fixsternen; VII. Von der Erde und den Planeten; Zweiter Teil: I. Von dem Nutzen der Luft; II. Vom Winde; III. Von den Witterungen der Luft; IV. Von Dünsten, Nebeln und Wolken; V. Von Regenbogen, Nebensonnen und anderen Lufterscheinungen; VI. Vom Blitz und vom Feuer; VII. Vom Wasser auf dem Erdboden; VIII. Von der Erde und ihrer Beschaffenheit; IX. Vom Nutzen des Feuers und des Wassers; X. Vom Nutzen der Dinge, die sich in der Erde befinden; XI. Vom Nutzen der lebendigen Kreaturen (s. Philipp (1957), p. 19).

256 Philipp (1957), p. 19; s.a. Zöckler (1877/79), Bd. 2, pp. 84-85.

257 Büttner / Richter (1995), p. 98.

258 Kittsteiner (1991), pp. 262-265 passim.

259 Philipp (1957), p. 19.

260 Büttner / Richter (1995), p. 73.

261 Philipp (1957), pp. 132-134.

262 Philipp (1957), pp. 126-127.

263 Philipp (1957), p. 135.

 

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