Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

4. Die geschichtliche Entwicklung und die Hauptvertreter der Physikotheologie

4.1. Angelsächsische Vertreter

4.1.1. Robert Boyle

Erstere genauere Untersuchungen bezüglich der Analogie zwischen den Wirkungsmechanismen des Universums und denen eines Uhrwerkes auf Basis des Systems Newtons wurden durch den in Oxford lehrenden Naturphilosophen Robert Boyle vorgenommen. Diese Analogie, die auf Ausführungen Ciceros basiert, sollte auch durch die Übernahme von William Paley (1743-1805) im Rahmen seiner Natural Theology (s. in 6.1.2. Die Reaktionen und Folgen) berühmt werden.174 Am Anfang stand bei Boyle ein religiöses Bekehrungserlebnis, das ihm während einer Bildungsreise durch Frankreich, Italien und Genf 1640 in letztgenanntem Ort während eines Gewitters erfuhr, dem jedoch immer wiederkehrende Glaubenszweifel folgten. So begann er nach der Reise mit theologischen Forschungen, die immer stärker von naturwissenschaftlichen begleitet wurden. Sein naturwissenschaftliches Werk teilte er hierbei in „experimentelle Arbeiten und in Arbeiten zur wissenschaftlichen Methode“ ein.175

Boyle konnte zu den meisten Zweigen der Naturwissenschaften wichtige Beiträge in Form von unzähligen Beobachtungen und Entdeckungen leisten. Zugleich wurde er aufgrund seiner weitgehenden Auslassung von scholastischen und quasi-magischen Erklärungskategorien ein wichtiger Mithelfer bei der Herausbildung eines einheitlichen Theoriensystems der Natur als eines „mechanistischen Zusammenhangs von Stoff und Bewegung“.176 Da er jedoch davon ausging, daß sämtliche Substanzen aus den Partikeln einer allgemeinen Urmaterie aufgebaut seien, unternahm er immer noch alchemistische Versuche zur Goldgewinnung. Allerdings arbeitete er gemäß dem Prinzip der Überprüfung von naturwissenschaftlichen Hypothesen durch kontrollierte und protokollierte Experimente, so daß er zum Mitbegründer dieser empirischen naturwissenschaftlichen Methode wurde.177

Die auch bei ihm vorkommenden Spannungen zwischen der Theologie und den Naturwissenschaften, die von manchen Theologen seiner Zeit als Quelle des Unglaubens, von ihm jedoch als selbständig, ungefährlich und von großem religiösen Nutzen angesehen wurden, so daß er des öfteren in seine naturwissenschaftlichen Werke theologische Überlegungen einbaute, versuchte Boyle durch die bei den Physikotheologen nicht unübliche Theorie der Offenbarung Gottes durch zwei „Bücher“, nämlich die Heilige Schrift und die Natur (s. 1.2.1. Allgemeine theologische und philosophische Grundlagen), zu lösen. Demnach sei die Theologie als eine Wissenschaft auf Basis der göttlichen Offenbarung in bezug auf das Verständnis Gottes und des irdischen Lebens der natürlichen Philosophie überlegen. Dennoch lieferten die Naturwissenschaften neben den Deutungen bezüglich der „Zweitursachen“ der körperlichen Welt unter der Anwendung ihrer eigenen „autonomen Methoden“ auch Hinweise auf den „göttlichen Zweck des Ganzen“. Hierdurch lieferte er auch einen Lösungsansatz für das damalige philosophische Problem in bezug auf die Beziehungen zwischen Gottesverständnis und einem Bild eines Universums, dessen Aufbau und Abläufe immer stärker in mechanistischen Kategorien verstanden wurden, zumal da in der Nachfolge von Descartes und Hobbes das Bild eines ohne göttliches Handeln auskommenden Universums an Bedeutung gewonnen hatte.178

Boyle ging dabei, indem er sowohl die scholastischen und hermetischen Ansätze von „substanzhaften Formen“ und „besonderen Seinsweisen naturhafter Erscheinungen“ als auch die von den Cambridger Platonikern vertretene zeitgenössische Theorie der plastic nature als hinderlich für eine wahrhaftige Wissenschaft und wahrhaftige Theologie verwarf, von einer mechanistischen Elementenlehre aus, gemäß der alle Körper auf unendlich viele unterschiedliche Zusammensetzungen von Materieteilchen und Bewegungen reduzierbar seien.179 Zugleich lehnte er jedoch die vom antiken Atomismus vertretene Idee der Zufälligkeit der Zusammensetzungen der Materieteilchen und die deistische Vorstellung Gottes als bloßen Urheber des Weltmechanismus zugunsten eines theistischen Gottes ab, der ständig mit der Aufrechterhaltung dieser Weltordnung beschäftigt sei. Anfangs habe er nach der Anschauung Boyles „der Materie Bewegung“ gegeben, steuere „die verschiedenen Bewegungen der stofflichen Teile, um sie zu der Welt zu verbinden, die sie nach seinem Plane zusammensetzen sollten“, habe die „Regeln der Bewegung und Ordnung, die wir Naturgesetze nennen“, gesetzt und „alles [werde] erhalten durch seine unablässige Mitwirkung (concourse, concursus divinus), die allgemeine Vorsehung“.180 Hierdurch stellte Boyle einen optimistisch-theistischen Gegenentwurf zu dem pessimistisch-atheistischen Atomismus auf, der in der Tradition von Lukrez, De rerum natura aufgrund der in der Welt auftretenden Übel den Theismus verneinte,181 und verteidigte zugleich die Naturphilosophie vor dem Vorwurf des Atheismus.182

In seiner mechanistischen Philosophie empfing Boyle hierbei viele Anregungen von René Descartes (1596-1650) und Pierre Gassendi (1592-1655) und wertete die Debatten über sie aus. Gassendi spielte dabei insofern eine besondere Rolle, indem er die Philosophie der Epikureer und damit den Atomismus und den Hedonismus hatte christianisieren wollen. So hatte auch er eine ewige Welt mit ewig unveränderlichen Atomen und v.a. die Zufälligkeit der Atombewegungen und Atomkombinationen verneint, und zwar zugunsten der sich im design ausdrückenden providentia Gottes, der andauernd zum Ablauf der zweitverursachten Weltprozesse notwendig sei, und zugunsten der Unsterblichkeit der Seele. Gott sei hierbei vollkommen autonom in seinem Willen und in seiner Schöpfung und Weltlenkung nicht beeinflußbar, so daß er die Naturgesetze jederzeit durchbrechen oder abändern könne, so daß hier ein voluntaristisches Gottesbild vertreten wird. Das Ziel der Naturphilosophie bestehe nun darin, Gott auf empiristische Weise als Schöpfer und Herrscher der Welt wiederzuerkennen.183

Trotz der theoretischen Forderung nach der Unabhängigkeit der Naturwissenschaften in ihrer Beschäftigung mit den Zweitursachen und der weithin befolgten Ablehnung der Bibel als einer zur wissenschaftlichen Erkenntnis verwertbaren Quelle, finden sich in den Arbeiten Boyles des öfteren spekulative Erörterungen über den wechselseitigen Zusammenhang von göttlicher und natürlicher Kausalität und Hinweise auf einen auf dem teleologischen Prinzip basierenden Weltenplan. Der Mensch verkörpert für Boyle hierbei mit seinen Zielen von Anfang an das Zentrum der teleologischen Ausrichtung des Universums. Jedoch mußte er aufgrund der Erkenntnisse der Astronomie und Mechanik des 17. Jahrhunderts seinen Anthropozentrismus dahingehend relativieren, daß die Himmelskörper hierfür kaum beweiskräftig seien, während sich aber bei den Pflanzen und Tieren und besonders im menschlichen Körper selber deutlich ein Plan offenbare, und zwar einer, der auf das Wohl der Menschen ausgerichtet sei. Scheinbare Unvollkommenheiten der Natur und Naturkatastrophen dienten hingegen zu dem Menschen unbekannten Zwecken oder – gemäß dem traditionellen Topos – zum Zwecke der göttlichen Zurechtweisung, d.h. zur Warnung bzw. zur Strafe.184

Gott sei trotz seines Fehlens in der Deutung des Ablaufes von Zweitursachen als ein freies und allmächtiges Wesen immer und grundsätzlich in der Lage, in die von ihm aufgestellten Naturgesetze einzugreifen, sie zu durchbrechen und damit Wunder zu bewirken, wie er es zu den Zeiten der biblischen Offenbarung gemacht habe und u.U. auch bis heute mache. Außerdem lehnte Boyle auch die Lehre von Dämonen ab. Der Mensch sei nun aufgrund der Einpflanzung einer vernünftigen Seele in den Embryo durch Gott mit Gott verwandt und teilweise über das mechanistische Prinzip der Welt erhoben. Jedoch sei der menschliche Verstand im Gegensatz zu dem Gottes nicht unendlich, so daß das Wissen des Menschen nicht sicher und damit nicht absolut sei. Deswegen könne es ihm gegenüber verborgene Geheimnisse in der Welt der Natur und eine Dimension von „Wahrheiten über aller Vernunft“ geben, die zu der Vernunft in Wahrheit nicht widersprüchlich seien.185 Die naturwissenschaftlichen Erforschungen förderten allerdings den Nachweis der Existenz und einiger Eigenschaften Gottes und des weiteren der Unsterblichkeit und das Wirken der Vorsehung. So werde durch das Hervorrufen eines Gefühls des Staunens und die Festigung von Denkgewohnheiten, die für religiöse Betrachtungen förderlich seien, eine Art von religiöser Erfahrung geschaffen. In den Occasional Reflections baute er demgemäß ein Meditationsverfahren auf, mit dessen Hilfe anhand der Allegorisierung von Alltagsereignissen bzw. gelegentlich auch von Naturerscheinungen moralische und religiöse Lehren gewonnen werden sollten, so daß die Welt zu einem „Andachtsraum“ und „jede Kreatur zu einem Prediger“ werde. Natürlich stellte dieses Verfahren ein leichtes Ziel für die Parodien seiner Gegner dar. So verfaßte Swift eine Meditation on a Broomstick („Meditation über einen Besenstiel“).186

In den spezifisch christlichen Lehren wie dem Heilsplan in Christus oder der christlichen Ethik, die allein in der Heiligen Schrift offenbart worden seien, sah Boyle die Grenzen seiner natürlichen Theologie. In bezug auf die Heilige Schrift betonte er neben der konventionellen Akzentuierung auf die biblischen Wunder, für die es die biblischen Zeugen als grundsätzlich glaubwürdige Bürgen gebe, die linguistischen und literarischen Aspekte der Bibel und stellte die Hypothese auf, daß die einzelnen Bibelstellen in bezug auf ihren Offenbarungswert unterschiedlich zu gewichten seien. Letztlich hielt er aber alle vermeintlichen Widersprüche der biblischen Offenbarung für auflösbar und die Heilige Schrift nach dem Akt ihrer Offenbarung für mittels der Naturwissenschaften deutbar, indem z.B. die Jungfrauengeburt und die Auferstehung anhand der mechanistischen Biologie erklärt werden.187

In seiner Nachfolge sollte das Moment des direkten Eingriffes Gottes wider die Naturgesetze zwecks Wundern (concourse) verblassen, da es v.a. für die Deisten der nächsten Generationen untragbar wurde.188 Durch die konsequente Fortführung seiner Gedanken wie u.a. seines Uhrwerkvergleiches trat auch eine deistische Entwicklungslinie ein, in der Gott allein zu einem constructor mundi („Konstrukteur der Welt“) degradiert wurde.189

Testamentarisch führte Boyle mittels seiner Hinterlassenschaft schließlich die Boyle-Lectures ein in deren Rahmen jeweils ein Würdenträger der anglikanischen Kirche beauftragt wurde „to preach eight sermon in the year for proving the Christian religion against notorious Infidels, viz. Atheists, Theists, Pagans, Jews and Mahometans, not descending lower to any controversies, that are among Christians themselves.“ Hiermit sollte u.a. auch das Ziel verfolgt werden, die verschiedenen Positionen der evangelischen Strömungen nach einer Epoche der auch religiös geprägten inneren Auseinandersetzungen im Rahmen der Glorious Revolution zu einer friedlichen Koexistenz zu lenken.190

 

 

Anmerkungen:

174 Clayton (1984), p. 753; s.a. Rack (1981), p. 104; Michel (2008), p. 50.

175 Rack (1981), p. 101.

176 Rack (1981), p. 101.

177 Rack (1981), pp. 101-102.

178 Rack (1981), p. 102.

179 Rack (1981), p. 102.

180 Works 4,1772,68-69; s.a. Rack (1981), p. 102; Zöckler (1877/79), Bd. 2, p. 78; Michel (2008), p. 11.

181 Groh / Groh (1991), p. 47.

182 Kroll / Ashcraft / Zagorin (1992), p. 184.

183 Kroll / Ashcraft / Zagorin (1992), pp. 178-181.

184 Rack (1981), pp. 102-103.

185 Rack (1981), p. 103; s.a. Daston / Park (1998), p. 238; Steinmann (2008), p. 58.

186 Rack (1981), p. 103.

187 Rack (1981), p. 103.

188 Rack (1981), p. 104.

189 Lønning (1984), pp. 681-682.

190 Steinmann (2008), p. 91.

 

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