Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

7. Geistesgeschichtliche Bedeutung der Physikotheologie und Wirkungsgeschichte

7.1. Die Physikotheologie und die Aufklärung

Aufgrund der Schaffung einer engen Verbindung zwischen christlicher Frömmigkeit und naturwissenschaftlichem Denken verkörperte die Physikotheologie einen wesentlichen Vermittlungsfaktor beim Durchbruch der modernen Wissenschaften zur allgemeinen Akzeptanz und damit auch beim Entstehen und Vertiefen der Aufklärung.332 Denn sie bot eine aussöhnende Verbindung zwischen dem neuartigen naturwissenschaftlichen Weltbild und dem religiösen Bedürfnis der damaligen Zeit an, in der man einer unmittelbaren und damit nicht durch menschliche Unzulänglichkeiten entstellten Offenbarung Gottes durch die Natur offen gegenüberstand, nachdem die überlieferte Offenbarung der Heiligen Schrift eben aufgrund ihres Überlieferungscharakters immer zweifelhafter erschien.333

Auch wurden die naturwissenschaftlichen Lehren Newtons zu einem nicht unbedeutenden Teil durch die öffentlichen physikotheologischen Boyle-Lectures, die in der Zeit von 1692-1712 v.a. durch seine Anhänger durchgeführt wurden, an das breite Publikum verbreitet.334 Unterstützend für die Verbreitung der Physikotheologie und der Wissenschaften wirkte hierbei auch die fehlende Trennung von intellektueller Elite und der Masse des Volkes im Puritanismus, so daß die Wissenschaften sich allgemein ausbreiten konnten.335

Des weiteren verhalf die Physikotheologie der Vorstellung eines Weltmodells als rationalistischer Maschine aufgrund der Verbindung von abstrakter Konstruktion und lebendiger Anschauung zum Durchbruch, so daß dieses Modell weniger gelehrter Wissenschaftler auch im Bewußtsein des Bildungsbürgertums seinen Platz finden konnte.336 Durch den Glauben eines lenkenden und ordnenden göttlichen Prinzips setzte sich die Vorstellung von dem „System der Phänomene“ als einem in sich einheitlichen und gleichförmigen geschlossenen System durch, so daß diese Vorstellung selbst dann als ein so selbstverständliches Axiom galt, als den Naturwissenschaften die theologische Grundlage dieser Vorstellung entzogen worden war. Denn die Systematik der Natur stellt ja eine Prämisse der Empirie der Naturwissenschaften dar, was von Christian Huyghens schließlich als ein rein pragmatisches Axiom angesehen wurde.337 Die physikotheologische Hervorhebung der Zweckmäßigkeit und der gegenseitigen Anpassung innerhalb der Natur und der hochkomplizierten harmonischen Organisation der einzelnen Funktionen in Bezug auf die Gesamtheit führte hierbei zu einer Verlagerung der hauptsächlichen Betrachtungen von der Konstruktion und Struktur der machina auf ihre Funktionen.338 Auch band sie das von der Alchemie und der Magie übernommene Prinzip der experimentalen Erforschung in die rationalen Naturwissenschaften ein.339 Durch das anthropozentrische Motiv der physikotheologischen und anderer Weltvorstellungen in dieser Zeit wurde die Natur schließlich auch zu einem Objekt der menschlichen Bearbeitung und Ausnutzung zu eigenen Gunsten, was in der Vorstellung der menschlichen Beziehung zur Natur teilweise bis heute anhält.340

So stellte auch die Staats- und Gelehrtenzeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten vom 05.05.1741 fest, daß der aufgeklärte Charakter der damaligen Zeit von der „unterrichtenden und aufklärenden Arbeit der Physikotheologen“ herrühre.341

Jedoch wies die Aufklärung auch einen säkularisierenden Charakter auf. So verdrängte sie, indem sie den Aspekt der Theologie aus den Naturwissenschaften zugunsten einer Eigengesetzlichkeit ausgliederte und die Natur so verweltlichte, v.a. in der Form des atheistischen Materialismus unter de Lametrie und der Optimismuskritik unter Voltaire wiederum die Physikotheologie aus ihren Reihen. Die Theologen hingegen verzichteten bis auf wenige Ausnahmen nun auf theologische Auslegungen der Naturwissenschaften und überließen die Deutung der Prozesse und Zustände in der Natur den Naturwissenschaftlern.342 Auch führte die Philosophie Kants zu einer allgemein akzeptierten erkenntnistheoretischen Trennung von Glauben und Wissen, wie sie von Kant in seiner religionsphilosophischen Schrift über Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft besonders deutlich betont wurde.343

Es erfolgte ein Übergang von der Mechanisierung auf der Basis Gottes zur Maschinisierung auf kausaldeterministischer Basis unter Auslassung von Gott z.T. zugunsten eines Atheismus.344 Der Konflikt zwischen dem religiösen Glauben eines von Gott geschaffenen und geordneten Kosmos und der „entsakralisierten“ Natur der Naturwissenschaften endete darin, daß nach dieser Epoche die naturwissenschaftliche Erfahrungswelt die Priorität erhielt und behauptete.345 Weite Teile der Philosophie verdammten die Physikotheologie als eine Unterwanderung der Entwicklung der neuzeitlichen, aufgeklärten Naturwissenschaften durch mittelalterlich gesinnte Kräfte, während Teile der Theologie die Physikotheologie als eine Infiltrierung der kirchlichen Offenbarung durch Ketzer betrachteten.346 So vollzog die protestantische Theologie im Anschluß an den kantischen Kritizismus eine neologische und bibel- und dogmenkritische Umorientierung der naturbezogenen Theologie auf die innere von der frommen Selbsterfahrung bestimmte Natur. Dabei lehnte sie allmählich jegliche physikotheologischen Ansätze z.T. als „theologisch illegitime Aufklärung“ ab, wozu auch Karl Barth mit seiner Kirchlichen Dogmatik (Bd. III,1, pp. 451-476) gehörte.347 Allerdings bezog sich Barth hierbei v.a. auf den deistischen „Wolffianismus“,348 indem er wohl Wolffs Anspruch als Begründer der Physikotheologie ernstnahm (s. 4.2.5. Christian Wolff und sein „physikotheologisches“ System). Bestehende physikotheologische Schriften wurden zwar noch neu aufgelegt, aber in der Regel als naturwissenschaftliche Lehrbücher, in denen die theologischen Ausführungen gestrichen worden waren.349

 

 

Anmerkungen:

332 Krolzik (1996), p. 594.

333 Toellner (1985), p. 749.

334 Petry (1994), p. 424.

335 Groh / Groh (1991), p. 44.

336 Toellner (1985), p. 749.

337 Cassirer (1973), pp. 74-81 passim (wörtliches Zitat auf p. 74).

338 Toellner (1985), p. 749.

339 Groh / Groh (1991), pp. 44-45.

340 Groh / Groh (1991), p. 7.

341 Krolzik (1996), p. 594; s.a. Krolzik (1988), pp. 154-155.

342 Krolzik (1996), p. 594; s.a. Sparn (1992)c, p. 1212.

343 Pöhlmann (1986), p. 214; s.a. Zimmerli (1989), p. 938.

344 Wölfel (1994), p. 197.

345 Krolzik (1988), pp. 2-3.

346 Philipp (1957), p. 74.

347 Sparn (1992)c, p. 1214; s.a. Sparn (1992)b, p. 622; Sparn (1994), p. 90.

348 Philipp (1957), p. 76.

349 Krolzik (1996), p. 594; s.a. Krolzik (1988), p. 155.

 

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