Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

7. Geistesgeschichtliche Bedeutung der Physikotheologie und Wirkungsgeschichte

7.2. Fortwirkungen der Physikotheologie

Schon Kant selber hatte trotz der erkenntnistheoretischen Destruktion der Physikotheologie und ihres Gottesbeweises, die auf dem europäischen Kontinent im allgemeinen anerkannt wurde, die Physikotheologie und ihre Überzeugungskraft für die „gemeine Menschenvernunft“ nicht abgelehnt.350 So wurde der physikotheologische Beweis weiterhin in der christlichen Pädagogik und Apologetik, also der christlichen Auseinandersetzung mit zum Inhalt der Evangelien im Widerspruch stehenden Lehren, benutzt. Allerdings wurde aufgrund der von Kant durchgesetzten Trennung von Wissen und Glauben im Bereich der Religion in der Regel fortan auf rationale Beweismittel zugunsten von Erfahrungen verzichtet. Allerdings sollte dem die Evolutionstheorie Darwins von 1859 das Naturganze entziehen.351

Die Physikotheologie hatte v.a. durch ihr Festhalten an der göttlichen Weltschöpfung und der göttlichen Prägung der Natur den Bruch mit der Vorstellung einer von Gott gegebenen heiligen Weltordnung durch die modernen Naturwissenschaften seit der kopernikanischen Wende in den Köpfen der Zeitgenossen abgemildert. Nun trat aber mit Darwins The Origin of Species by Means of Natural Selection von 1859 und seinem The Descent of Man and Selection in Relation to Sex von 1871 nach Jahrhunderten der nahezu erfolgreichen Zurückdrängung der „Modernisierungsschock“ ungedämpft ein.352 Gleichzeitig bestand in der physikotheologischen Idee jedoch auch in ihrer existentiellen Krise ein Ansatz zur Akzeptanz der Evolutionstheorie in der Theologie und bei religiös denkenden Naturwissenschaftlern.353 Dieser kann heute noch für manch einen gläubigen Menschen einen persönlichen Ansatz zur Versöhnung traditioneller Glaubensvorstellungen mit den modernen Naturwissenschaften darstellen, auch wenn die eigentlichen Naturwissenschaften aufgrund der wissenschaftstheoretischen Grundlagen keine Mittel besitzen, um dieses Problem mit ihren Mitteln zu erörtern. Hierbei handelt es sich aber letztlich um ein systemimmanentes Problem, da das Übernatürliche (als eventuelle Primärursache) in den modernen Naturwissenschaften keine Erklärungskategorie verkörpert, sondern diese sich auf die natürlichen Ursachen (die sogenannten „Sekundärursachen“) beschränken müssen.

Insbesondere die katholische Theologie des 20. Jahrhundert folgte dem letztgenannten Weg: „Insbes. seit P. Teilhard de Chardin und dem II. Vaticanum wird auch die E[volution] selbst als Schöpfungsprogreß verstanden; deren Ziel sei die vereinigende, geistige und geistliche Vollendung der Schöpfung in der Begegnung mit Gott. Die Dynamik dieses Prozesses entspräche der Macht der Liebe, die geradezu als evolutive Energie [...] verstanden werden könne (Schmitz-Moormann).“354 Auch hält die katholische Theologie in abgemilderter Form an der propädeutischen Bedeutung des physikotheologischen Gottesbeweises fest.355 Auch wurde festgestellt: „Jedes vernünftige Reden vom christlichen Gott und damit jede christliche Theologie in allen ihren Bereichen betrifft Gottes Herrschaft. Reden von Gott ist ein Denken und Sprechen über die ›alles bestimmende Wirklichkeit‹. Wer ein Reden von Gott für sinnvoll hält, muß deshalb auch für sinnvoll halten, von Gottes Wirken und Manifestation in der Natur zu sprechend. Aber genau dieses erscheint uns heute problematisch.“356

Die theologische und kirchliche ökologische Diskussion führte im ausgehenden 20. Jahrhundert schließlich zu einer erneuten Aufmerksamkeit auf die Physikotheologie. Jedoch stellt sich die „Theologie der Natur“ kritisch gegen die physikotheologischen Ansätze des Anthropozentrismus der Natur, da nach diesem die Natur v.a. zum Nutzen des Menschen existiere und ihm zur Ausnutzung ihrer scheinbar unerschöpflichen Ressourcen diene.357

 

 

Anmerkungen:

350 s. in 6.1.2. Die Reaktionen und Folgen c. n. 315; s.a. Sparn (1992)c, p. 1214.

351 Sparn (1992)c, p. 1214; s.a. Pöhlmann (1986), pp. 213-214.

352 Groh / Groh (1991), p. 58.

353 Krolzik (1988), p. 182.

354 Hübner (1999), p. 1753.

355 Sparn (1992)c, p. 1214; s.a. Sparn (1994), p. 90.

356 Krolzik (1988), p. 1.

357 Krolzik (1996), p. 594.

 

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