Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus ;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

1. Begriff, geistige Wurzeln und Anliegen

1.2. Religiöse und geistige Wurzeln

1.2.3. Vorströmungen des 16. Jahrhunderts

Während des 16. Jahrhunderts, und in diesem besonders während der Reformation, wurde die Physikotheologie v.a. aufgrund der Betonung der Christusbewegung, der eine Physikotheologie eher abträglich erschien, durch die erste Reihe der Reformatoren vernachlässigt.18 Luther schloß zudem eine Erkenntnis Gottes aus der Natur aufgrund der Folgen des Sündenfalles aus, da durch diesen die menschliche Erkenntnisfähigkeit eingeschränkt worden sei, wie auch die Natur seitdem nicht mehr ihre ursprüngliche Perfektion besitze. Außerdem verleite eine teleologische Weltanschauung die Menschen zum Übermut, indem sie die Früchte der Erde als ihr angestammtes Recht und nicht als Geschenk Gottes betrachteten.19 Calvin nahm diesbezüglich eine moderatere Stellung ein, indem seiner Ansicht nach die Natur, die seit dem Sündenfall der Vergänglichkeit unterworfen sei, nur eine sehr partielle Erkenntnis Gottes ermögliche, aber dennoch eine seiner Existenz erlaube.20

Daher meinte man im 18. Jahrhundert, daß es zwischen Sabunde und dem Zeitalter der protestantischen Orthodoxie keine weitere Entwicklung gegeben habe. Diese Vernachlässigung läßt sich wahrscheinlich auch damit erklären, daß die mittelalterliche geozentrische Weltanschauung erst noch wirksam gestört werden mußte. Aber schon in der näheren Umgebung der Reformatoren gab es physikotheologische Ansätze. So verfaßte der Lutherbiograph Mathesius seine physikotheologische „Bergpostille“, Melanchthon 1549 sein astronomisches Werk Initiae doctrinae physicae und der naturwissenschaftliche Polyhistor David Chytraeus seine anthropotheologische Schrift über die Wunder des Menschenleibes.21 Danaeus, ein Schüler Calvins, veröffentlichte 1576 die Physica Christiana auf der Basis des Zitats aus dem Brief des Paulus an die Römer (Rom. 1,20). Nach dieser könne man aus der Physik neben der reinen Erkenntnis Gottes auch Erkenntnisse über seine Eigenschaften erlangen, so daß man zum Gotteslob geführt werde, während die Erlösung der Menschheit durch Christus nur durch die Bibel hergeleitet werden könne. Daher komme es zu einer Verbindung von Heiliger Schrift und Natur als göttlicher Offenbarung. Die Welt sei zwar seit dem Sündenfall verdorben und vergänglich, durch Christus aber insgesamt erlöst.22 Außerdem tauchten auch bei den Theosophen, Spiritualisten und Naturmystikern wie z.B. bei Paracelsus physikotheologische Aspekte verbunden mit astrologisch-alchemistischen Ansätzen auf.23

1560 erschien eine Arbeit des italienischen Physikotheologen Sebastian Papparella über die Energetik des ersten Bewegers in der Schöpfung aller natürlichen Dinge („Erste Energetik, Planeten[schwungkraft], lebenspendende Zeugekraft, eingeborene Wärme [vis vitalis], Konstruktor des Geistes, sie alle zugleich und in eins verbunden, das ist der eine und der vollkommene Bewirkende.“). 1596 brachte der aristotelisch-neuplatonisch, z.T. schon fast pythagoreisch geprägte Johann Kepler sein Mysterium Cosmographicum heraus, das auch den Hymnus Jova sator mundi24 beinhaltet. In der Schrift Strena seu de nive sexangula lehrte er die Beobachtung im Kleinen, da auch bei den geringen Weltdingen „nichts ohne den höchsten Weltverstand geschieht [...], einem, der von Anfang an im Plane des Schöpfers lag und von Anbeginn bis jetzt durch die wunderbare Anlage der Lebewesen erhalten blieb, so glaube ich nicht, daß gerade beim Schnee diese regelmäßige Figur von ungefähr da ist.“25

Daneben gab es auch die Disziplin der Biblischen Physik, die zum Zwecke der Exegese die Naturerscheinungen in der Heiligen Schrift zu erklären versuchte und damit auch indirekt der Natur eine gewisse Heiligkeit verlieh. Typische Vertreter stellen das Herbarium des dänischen Theologen und Arztes Levin Lemnius oder die Θηροβιβλιον betitelte Bibelzoologie des Schweinfurter Theologen Hermann Heinrich Frey dar.26

 

 

Anmerkungen:

18 Philipp (1957), pp. 53-54; s.a. Zöckler (1877/79), Bd. 1, pp. 586-592 passim; Spellman (1993), pp. 13-14.

19 Krolzik (1988), pp. 52-55; s.a. Michel (2008), pp. 58-59.

20 Krolzik (1988), pp. 59-60.

21 Philipp (1957), pp. 53-55.

22 Büttner / Richter (1995), p. 136.

23 Philipp (1957), p. 55; s.a. Krolzik (1988), pp. 67-68.

24 „Ich aber such die Spur Deines Geistes draußen im Weltall, / Schaue verzückt die Pracht des mächtigen Himmelsgebäudes, / Dieses kunstvolle Werk, Deiner Allmacht herrliche Wunder!“

25 Philipp (1957), pp. 55-56.

26 Philipp (1957), p. 56.

 

Diese Inhalte sind urheberrechtlich geschützt (UrhG) und dürfen nur nach expliziter Genehmigung der Rechteinhaber an anderer Stelle publiziert werden.