Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Physikotheologie

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Physikotheologie: Die Natur und ihre Wissenschaften als Glanz Gottes in der Frühaufklärung

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 177-230.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

2. Die Überwindung des barocken Pessimismus und das Entstehen einer neuen Transzendenz

2.3. Die Überwindung des Pessimismus

Die pessimistische Sicht des Barocks wurde nun maßgeblich durch die Entdeckung des Blutkreislaufes 1628 (De motu cordis) relativiert, die aufzeigte, daß neben den Verfallsprozessen auch regenerative in der Natur existieren, zumal da der Autor William Harvey (1578-1657) nach der Hinrichtung Karls I. (1649) offen feststellte, daß der Blutkreislauf ein Kreislauf ohne Mittelpunkt sei, der keiner Zentralgewalt bedürfe.81 Giambattista Vico (1668-1744) verband nun das Prinzip des Verfalls mit dem des Kreislaufes in der Geschichtsphilosophie durch seine Ansicht, daß die Völker und Nationen nach der Erfüllung ihrer historischen Aufgabe untergehen und durch andere neue mit neuen historischen Aufgaben ersetzt werden müßten.82 Mitte des 17. Jahrhunderts wurden noch während der Blüte des Barocks erste gedruckte physikotheologische Predigten veröffentlicht, die von der von ca.  1600 bis 1670 sehr beliebten neuscholastischen Metaphysik aller Konfessionen begleitet wurden.83 Innerhalb der evangelischen Konfessionen überwog auch die eher optimistische calvinistisch-puritanische Strömung gegenüber der eher pessimistischen lutherischen.84

Die im 17. Jahrhundert vorherrschende stark apokalyptische Stimmung ließ aber erst nach 1688 richtig nach. So milderte Thomas Burnet (1635-1715) in der englischen Bearbeitung des zweiten Bandes seiner Telluris Theoria Sacra von 1690 die in der lateinischen Fassung vorherrschende apokalyptische Stimmung erheblich ab. In den deutschen Staaten kam es durch das Vorherrschen der pietistischen „Hoffnung auf bessere Zeiten“ im Gegensatz zur lutherischen Orthodoxie zur Ablehnung der apokalyptischen Ansichten und der „damit verbundenen pessimistisch-konservativen Vorstellungen“.85

Mit dem Ende des barocken Absolutismus und dem Nachlassen der apokalyptischen Stimmung entstand ein Freiraum für eine Naturauffassung, nach der die gesamte Natur als ein mittelpunktloser Kreislauf zu verstehen sei, der dennoch nicht dazu verdammt sei, im Chaos unterzugehen. So konnte das physikotheologische Naturverständnis mit diesem Deutungsmuster dem des Pessimismus entgegengesetzt werden. In der Folgezeit kam das physikotheologische Naturverständnis v.a. in England, wo die Glorious Revolution sowohl den Absolutismus als auch die apokalyptische Weltanschauung beseitigt und ein neues bürgerliches Selbstbewußtsein geschaffen hatte, zu allgemeiner Anerkennung.86 Hierbei dürfte wohl auch ein Zusammenhang zwischen dem Nachweis der göttlichen Güte und dem Nützlichkeitsdenken des Bürgertums bestanden haben, der jedoch zu keiner „rein anthropologische[n] Theologie“ führte.87

Gleichzeitig kam aber auch als eine Auswirkung des kosmischen Nihilismus der Atheismus auf, der in seinen naturwissenschaftlichen Erörterungen das Gotteslob kürzte, aber sonst in seiner Argumentation sich nicht von den physikotheologischen Untersuchungen unterschied, so daß die Physikotheologie auch eine apologetische Funktion übernehmen mußte.88 Ein eindrucksvolles Beispiel für das Problem des kosmischen Nihilismus stellt das Titelbild der anthropotheologischen Schrift von Heinrich Schmettau dar. Auf diesem sind ein Mann und eine schwangere Frau dargestellt. Die Frau fragt nun mit sehr skeptischem Gesichtsausdruck den auch nicht zuversichtlicher aussehenden Mann, der aber auf den als Endlösung im Werk erwähnten Strahl der Transzendenz verweist: „Was ist der Mensch? Was bin ich? Was wächst als sinnlose, todgeweihte Atomballung in meinem Schoß unter einem grenzenlosen, leeren Himmel?“89 Den geowissenschaftlichen Argumenten der Atheisten setzten die Hexaëmeronisten, die Sechstagewerkstheoretiker, in unzähligen Arbeiten den Schöpfungsgedanken entgegen, während die Pluralisten, zu denen auch viele englische Physikotheologen wie Bentley und Derham gehörten, von der Existenz unzählig vieler Sonnensysteme mit bewohnten Planeten ausgingen, aber darin eher eine größere Auszeichnung für die Schöpfung Gottes sahen.90

Eine besonders wirkungsvolle Entgegenstellung des physikotheologischen Naturverständnisses gegenüber der verfallsgeschichtlichen Sicht verfaßte der britische Theologe und Botaniker John Ray (1627-1705) in seinen Three Physico-Theological Discourses von 1690/91. In diesen weist er unter Anführung eigener umfangreicher Kenntnisse und der von Feldstudien den concursus als das Prinzip zur Verhinderung eines Zerfalls und Schlechterwerdens der Natur nach. So seien nach seiner Ansicht die natürlichen Prozesse im Gegensatz zu Burnet, der sie als Prozesse des Verfalls beschreibt, sinnvoll aufeinander abgestimmte Vorgänge, deren Einheit von Gott garantiert werde. Zum Beispiel erweise sich die anscheinend zerstörerische Erosionswirkung des Wassers bei genauerer Betrachtung auch als förderlich, so daß man daraus ersehen könne, daß ein Teil der Natur einem anderen diene, der nicht unbedingt der Mensch sein müsse. Auch hängten die anatomischen und physiologischen Eigenschaften eines Lebewesens von seiner Funktion im Naturzusammenhang ab. Die nach dem Prinzip des Gleichgewichtes ablaufenden natürlichen Kreisläufe und die Anpassung der Lebewesen an ihre jeweiligen Umweltbedingungen würden nach Rays Werk The Wisdom of God manifested in the Works of Creation von 1691 durch die alle Naturzusammenhänge erhaltende Weisheit Gottes bewirkt. Trotzdem sei die Natur aber für verändernde menschliche Eingriffe offen (capable of Culture and Improvement),91 da alle Dinge von Gott zum Nutzen des Menschen erschaffen worden seien.92 Ray hatte angesichts der geringen Bedeutung der Erde in der Unendlichkeit des Universums infolge der kopernikanischen Wende und des Nachweises von Giordano Bruno, daß jeder Fixstern mit der Sonne von der Art her verwandt sei, ein großes Interesse daran, den Deismus zugunsten der Idee eines von Gott durchwalteten Weltsystems zu bekämpfen.93 Die Werke Rays wurden in zahlreichen Auflagen herausgegeben, während Burnet als ein „Freidenker“ beurteilt wurde und man seine verfallsgeschichtliche Auffassung für eine romantische Phantasie hielt, die auf der atheistischen und mechanistischen Philosophie von Descartes basiere.94

 

 

Anmerkungen:

81 Krolzik (1996), p. 592.

82 Garewicz (1996), p. 241.

83 Philipp (1957), pp. 94-95.

84 Groh / Groh (1991), p. 37.

85 Krolzik (1996), p. 592.

86 Krolzik (1996), p. 592.

87 Krolzik (1996), p. 590.

88 Philipp (1957), p. 60.

89 Philipp (1957), p. 77 mit Tafel 16.

90 Philipp (1957), pp. 60-61.

91 Krolzik (1996), p. 592; s.a. Krolzik (1988), pp. 145-146; Arana (1994), p. 420.

92 Groh / Groh (1991), p. 46.

93 Philipp (1957), p. 69.

94 Krolzik (1996), p. 592.

 

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