Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Mythisierung einer Kulturlandschaft

Caroli: Mythisierung einer Kulturlandschaft (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Mythisierung einer Kulturlandschaft – Vergils Behandlung der Landschaft Kampaniens bei den Phlegräischen Feldern
 

Konstanz 2013 / 2019
 

Umfang: VIII + 49 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

C) Vergils Kampanien

II.) Das Problem der Wege: Die Komposition der Oberwelt Kampaniens

Nach der Methode von de Iorio versuchte E. Norden den Weg des Aeneas in der Oberwelt Kampaniens nachzuvollziehen, indem er von anscheinend gesicherten Fixpunkten ausging und den Rest gemäß den topographischen Begebenheiten ergänzte. Danach begeben sich Aeneas und Achates von der Grotte der Sibylle von Cumae (6,157) auf einem Weg zwischen dem Lago di Fusaro und dem Meer zum Strand, dem Fundort der Leiche des Misenus (6,162), der damit am Vorgebirge Misenum liegt. Von dort gehen sie in den Hain (6,179: itur in antiquam silvam), der sich, da Aeneas bei der Suche nach dem Goldenen Zweig an den Averner See gelangt (6,201), an den Hügeln (6,182: montibus) von Baiae erstreckt, um dann, wie zu ergänzen ist, zur Beerdigung des Misenus zu gelangen, da Aeneas sich 6,232 am Strand befindet, von wo er zur spelunca alta (6,237) zurückkehrt.39 Dabei geht Norden davon aus, daß Vergil mit dem Stilmittel des κατὰ τὸ σιωπώμενον arbeitet, um das Nebensächliche, aber topographisch Rekonstruierbare zu übergehen und so die Landschaft poetisch zu verwischen. Trotzdem ergibt sich erneut das Problem, daß dadurch eine sehr verwirrende Wegstrecke mit allzu großen Distanzen entsteht.

In 6,41 werden die Troer alta in templa, was aufgrund der immania templa von 6,19 mit dem Apollontempel auf dem Burgberg von Cumae zu identifizieren ist, beordert, während man sich in 6,45 an einem limen, das aufgrund der nachfolgenden Schilderung die Schwelle der Orakelgrotte darstellen muß, befindet und die Verse dazwischen aus einer Ekphrasis dieser bestehen. Daher postulierte Norden anfangs einen Verbindungsgang zwischen Tempel und Grotte, während Corssen davon ausging, daß ein Gang von der außerhalb der Festung mündenden Grotte der Sibylle in den Apollontempel innerhalb der Befestigung ein nicht annehmbares Sicherheitsrisiko gewesen wäre bzw. ein militärischer Versorgungsgang nicht an beiden Enden in Heiligtümern geendet hätte und bei der Belagerung durch Narses in der Spätantike die Unterminierung der Mauern von diesem Gang aus nicht verborgen geblieben wäre und Vergil dies für seine Leser außerhalb von Cumae hätte erwähnen müssen,40 so daß Norden die Forderung nach dem Verbindungsgang in seiner zweiten Auflage zurücknahm, um sie in der dritten wiederaufzunehmen.41 Norden nahm schließlich an, daß auch hier zwischen dem Tempelbesuch und der Ankunft in der Höhle das Stilmittel des κατὰ τὸ σιωπώμενον anzusetzen sei, da mit vocat alta in templa sacerdos in 6,41 nur der große Apollontempel auf der Akropolis und nicht das antrum gemeint sein könne, während bei ventum erat ad limen in 6,45 nur die Eingangsschwelle der Grotte gemeint sein könne,42 während sie bei der Benutzung des Verbindungsganges kaum an die Schwelle der Höhle gelangt wären.43

Bei der Rückkehr von der Orakelgrotte (6,156-161) treffen Aeneas und Achates die Leiche des Misenus in litore sicco an (6,162-163) und bestatten ihn monte sub aerio, qui nunc Misenus ab illo dicitur (6,234-235), also am Vorgebirge Misenum, während die Schiffe, also der eigentlich naheliegende Zielpunkt dieses Marsches, in den Euboicae Cumarum orae (6,2) liegen, so daß man bei einer Rekonstruktion des Weges zu sehr unwahrscheinlichen Hilfskonstruktionen greifen muß,44 da Kap Misenum auch zu weit von Cumae entfernt liegt, als daß es in den lokalen Rahmen von Cumae passen könnte, während eine Kontinuität dieser geographischen Bezeichnung als gesichert gelten kann.45

Von der Anlage her ist das sechste Buch auch v.a. auf das Geschehen und bestimmte bedeutende Handlungen des Aeneas an bestimmten bedeutenden, mit der Sage verbundenen Orten ausgerichtet, so daß Vergil sich mit Hilfe des Mittels des κατὰ τὸ σιωπώμενον auf diese Handlungen und ihre Orte beschränkt und die Fortbewegung zwischen den Orten als solche übergeht, indem man schon am betreffenden Ort angelangt ist (6,13.45.162-163.201) und der neue Handlungsort einfach angeführt bzw. in Topothesien beschrieben wird (6,42-44.237-241), so daß man sich „vor eine vollendete Ortsbewegung gestellt sieht“.46 Durch diese „lokale Unschärfe“ entsteht eine der Katabasis angepaßte „sakrale und irreale Landschaft“.47 So meint auch Hitchcock: „The realization that we cannot at every point plot the travels of Aeneas from the landing at Cumae until he passes through the gates of Dis leads us to the conclusion, not that we have caught the poet napping, unfamiliar with his own Italy, or that the active volcanism of the region has changed all parts of it beyond recognition, but simply that topographical accuracy does not concern Vergil at this point.48 So geht Hitchcock bei der Annahme, daß der Unterweltseingang beim Avernus nur imaginär existiere, davon aus, daß Vergils Landschaftsbeschreibung, von konkreten Orten, nämlich anfangs Cumae, ausgehend, je näher man zur eindeutig fiktiven Landschaft der Nekyia gelangt, immer mehr von der Realität abweicht und immer fiktiver wird.49

Kap Misenum und Averner See wurden als wichtige Stationen der Irrfahrten des Aeneas innerhalb Italiens angesehen,50 während die Sibylle und die Sibyllinischen Bücher, die der Sage nach vom König Tarquinius Priscus nach Rom überführt worden waren,51 eine zentrale Rolle im römischen Kultbereich darstellten und auch Bestandteil der restaurativen Religionspolitik des Augustus waren. Naevius erwähnt im Bellum Poenicum eine kimmerische Sibylle,52 aus der man schließen kann, daß Aeneas schon in vorvergilischer Zeit mit einem Unterweltkontakt verbunden wurde, während dies die einzige Begegnung mit der Sibylle blieb, zumal da die Blutopfer im vergilischen Kontext aufgrund des Goldenen Zweiges als Schlüssel überflüssig erscheinen, obwohl sie sonst gängige Opfer zur Heraufbeschwörung von Unterweltschatten darstellen.53 Vor allem scheint die Verbindung von Aeneas mit der zu Apollon gehörigen Sibylle von Cumae eine Erfindung Vergils darzustellen.54 Orakel, Omina und Prophezeiungen spielen in der Aeneis eine gewichtige Rolle, indem sie den göttlichen Willen und Weltenplan widerspiegeln und der Mensch durch sie zum Vollstrecker dieses Planes werden kann, während alles Leid durch die Abkehr von diesem göttlichen Plan entsteht.55 Apollon, der mit seinen Prophezeiungen Aeneas führte, wurde als der Hauptverantwortliche für die Seesiege über Sextus Pompeius und über Antonius und Kleopatra bei Actium angesehen, so daß er unter dem Principat des Augustus zu besonderen Ehren kam.56

Vergil stellte nun anscheinend erstmals einen Zusammenhang des Aeneas mit der Sibylle von Cumae her,57 so daß diese als Seherin Apollos eine Personalunion mit der kimmerischen Sibylle als unterweltkundige Priesterin der Hekate am Averner See einging,58 die auch dazu führte, daß die Sibylle statt der üblichen einen einzigen zwei Bitten erfüllen konnte, nämlich den Herabstieg in die Unterwelt am Averner See und das apollinische vaticinium in Cumae.59 Diese Personalunion wird schon in 6,13 durch den an den Apollontempel angrenzenden Hain der Trivia, die mit der Hekate τριοδῖτις gleichzusetzen ist, vorbereitet, indem dort schon die Gottheiten der beiden ursprünglichen Sibyllen miteinander verbunden werden.60 Diese Verbindung der beiden Sibyllen bewirkt auch eine starke Geschlossenheit der Handlung, indem die daraus entstehende Sibylle sowohl die dem Aeneas die Zukunft weissagende als auch die ihn durch die Unterwelt führende Sibylle darstellt und somit als zumindest im Hintergrund fast durchweg präsente Person die Handlung zusammenhält.61 So bildete sich aber aus der ursprünglichen Aeneassage, die sich geradlinig zwischen Misenum und Averner See abspielte, topographisch ein Dreieck zwischen Cumae, Misenum und Averner See heraus, das bei einem topologischen Nachvollzug zu gewaltigen Wegstrecken und Umwegen führt.62

 

 

Anmerkungen:

39 Norden (1927), p. 182; s.a. Austin (1977), p. 98; Clark (1977)a, pp. 64-65; Stärk (1995), p. 45.

40 Corssen (1913), pp. 5-6; s.a. Austin (1977), pp. 55-56; Stärk (1995), pp. 45-46.

41 Norden (1927), p. 463; s.a. Clark (1977)b, pp. 489-490 & 491 Fig. 3.

42 Norden (1927), p. 134.

43 Corssen (1913), pp. 6-7.

44 Stärk (1995), p. 47; s.a. Clark (1977)a, pp. 65-66; Hitchcock (1932/33), p. 508.

45 Hitchcock (1932/33), p. 508.

46 Stärk (1995), pp. 45-47.

47 Stärk (1995), p. 48; s.a. Clark (1977)b, p. 483; Hitchcock (1932/33), p. 511; Williams (1964), p. 50.

48 Hitchcock (1932/33), p. 511.

49 Hitchcock (1932/33), pp. 505 & 512-513.

50 Dion. Hal. ant. 1,53,3 & Prop. 3,18,3.

51 McKay (1970), p. 203; s.a. Austin (1977), p. 36; Hardie (1969), p. 23.

52 Lact. inst. 1,6,9.

53 Stärk (1995), p. 48; s.a. Clark (1979), p. 205; Corssen (1913), pp. 12-15; Highet (1964), p. 65; Schoder (1971/72), p. 106. Kerényi (1931), pp. 417-420 sieht im Goldenen Zweig eine Anspielung auf den Demeter-Kult, zu dessen Vorstellungsbereich auch die Idee gehörte als Lebender ins Totenreich zu gelangen, was sonst eigentlich einen Widerspruch in sich darstelle (Soph. frg. 719: ὦ τρισόλβιοι κεῖνοι βροτῶν, οἳ ταῦτα δερχθέντες τέλη μόλωσ’ ἐς Ἅιδου· τοῖσδε γὰρ μόνοις ἐκεῖ ζῆν ἐστί...), wie auch bei den Initiationsriten diesbezüglicher Mysterien die Auserwähltheit des Kandidaten eine gewisse Rolle spielte, die sich im Falle des Aeneas durch die Erlangung des goldenen Zweiges zeigt. Für das eigentliche Betreten der Unterwelt bestehe indes immer noch die Notwendigkeit des regulären Opfers am Unterweltseingang.

54 Neumeister (2005), p. 149.

55 McKay (1970), p. 48.

56 McKay (1970), pp. 47-48; s.a. Norden (1927), p. 143.

57 s.a. Austin (1977), p. 36; Böhmer (1986), p. 100.

58 s.a. Clark (1979), pp. 204-207; Gowers (2005), p. 174; Klingner (1967), p. 480; Norden (1927), pp. 118 & 352.

59 Stärk (1995), pp. 48-49.

60 Austin (1977), p. 37.

61 Norden (1927), p. 118.

62 Stärk (1995), p. 49.

 

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