Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Mythisierung einer Kulturlandschaft

Caroli: Mythisierung einer Kulturlandschaft (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Mythisierung einer Kulturlandschaft – Vergils Behandlung der Landschaft Kampaniens bei den Phlegräischen Feldern
 

Konstanz 2013 / 2019
 

Umfang: VIII + 49 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

A) Formen der Landschaftsbeschreibung

II.) Funktional-inhaltliche Einteilung

Über die formalen Unterscheidungen hinweg können Landschaften wie z.B. im Falle vieler der Unterweltbeschreibungen des Sechsten Buches (tenebrosa palus Acheronte refuso (6,107); tenent media omnia silvae, Cocytusque sinu labens circumvenit atro. (6,131-132); Ibant obscuri sola sub nocte per umbram perque domos Ditis vacuas et inania regna (6,268-269); loca nocte tacentia late (6,265); ripas [...] horrendas (6,327)) u.a. topisch dargestellt werden bzw. topische Konstruktionen darstellen.

Des weiteren können Landschaften und Landschaftsdarstellungen die Funktion eines Gleichnisses übernehmen. Dabei werden Handlungen, aber auch landschaftliche Vorgänge und Zustände mit landschaftlichen Vorgängen und Zuständen bzw. mit denen der Natur verglichen, wobei diese Gleichnisse aus Satzteilen, aber auch aus einer ganzen Ekphrasis bestehen können und des öfteren das tertium comparationis hinzugedacht werden muß. Hier können z.B. der Vergleich des Goldenen Zweiges mit Misteln, als einem mit dem Baum verbundenen, aber nicht direkt zu ihm gehörigen Teil des Baumes (6,205-209), der der Öffnung des Dis mit in der Dämmerung heulenden Hunden (6,257-258), der des Unterweltweges mit einer trüben und vernebelten Nachtlandschaft (6,270-272) und der der Erscheinung des Schattens der Dido mit dem kurz nach Neumond hinter Nebelschleiern aufsteigenden Mond (6,451-454) angeführt werden. Dabei können zur Unterstützung der Bildlichkeit auch zwei verschiedene Vorgänge hintereinander angeführt als Gleichnis dienen. So wird z.B. das Gewimmel der auf die Überfahrt Wartenden an den Ufern des Unterweltflusses einerseits mit dem fallenden Herbstlaub und andererseits mit Zugvogelschwärmen verglichen (6,309-312). Bei diesem Beispiel wird diese zusammengehörige Zweiheit auch dadurch betont, daß beim ersten quam multa vorangestellt ist, während das quam multae des zweiten nachgestellt ist, und der Grund des ersten Teils vor dem Prädikat cadunt steht, während er beim zweiten nach dem Prädikat glomerantur gesetzt ist. Außerdem werden beide Teile durch den Aspekt der Kälte, nämlich frigore primo und frigidus annus, miteinander verbunden. Schließlich beginnt der Vergleich mit dem Herbstlaub mit langsamen Spondeen und veranschaulicht damit nach Austin das Verdorren des Lebens, während der Vergleich mit den Zugvogelschwärmen mit schnellen Daktylen ansetzt und damit die Ansammlung der Toten verbildlicht.35

Im Sinne eines Gleichnisses können landschaftliche bzw. geographische Namen auch als Stellvertreter für bestimmte Zustände stehen, wie z.B. auch der blutüberschäumende Tiber und einige Flüsse um Troja samt dem Lager der Griechen die Stellvertretung für die kommenden blutigen Schlachten auf italischem Boden übernehmen (Bella, horrida bella, et Thybrim multo spumantem sanguine cerno. Non Simois tibi nec Xanthus nec Dorica castra defuerint (6,86-89)). Dabei wird zur Verdeutlichung im Vers 87 das δεινόν durch den schweren metrischen Rhythmus aus den bei Hexametern normal möglichen fünf Spondeen unterstrichen.36 Zugleich stellt nach Binder die in diesem Gleichnis implizite Parallelisierung von Troas und Latium auch eine Anspielung auf den Leitgedanken von Rom bzw. Latium als dem neuen Troja dar.37

Durch diesen Vergleich mit z.T. alltäglichen oder öfters beobachtbaren Erscheinungen wird das durch dieses Gleichnis dargestellte verdeutlicht, wie z.B. der Vergleich mit dem Mistelzweig die Vorstellung vom Goldenen Zweig plastischer werden läßt.

Landschaftsformende Vorgänge wie z.B. das Errichten von Grabhügeln können als Namensaitiologien für Benennungen von Orten dienen, wie z.B. der Hügel Misenus als der von Aeneas aufgeschüttete Grabhügel des Misenus (6,232-235) und der Hügel Palinurus als der Grabhügel des gleichnamigen Helden (6,378-381) gedeutet werden.

Ein sehr häufiges stilistisches Mittel Vergils bei Landschaftsbeschreibungen stellt die Belebung bzw. sogar die Personifikation der Landschaft dar, wodurch diese nicht nur leichter vorstellbar und in ihrem Bild intensiviert, sondern auch in ihrer Eigenart verdeutlicht wird.38 Hierzu können z.B. das Zurückweichen Italiens (Italiae fugientis (6,61)), das Eigenleben der Öffnungen der Grotte der Sibylle (ostia iamque domus patuere ingentia centum sponte sua (6,81-82)), das Brüllen des Erdbodens und das Bewegen der bewaldeten Hänge beim Öffnen des Dis (6,255-258), das Erbeben diverser Länder wie Ägyptens vor dem künftigen Erscheinen des Augustus (6,798-800) und das Klagegeschrei des Marsfeldes über Marcellus und Ansprache des Tibers als dem Begräbnis des Marcellus zuschauende und an seinem Grab vorübergleitende Personifikation angeführt werden (6,872-874). Personifikationen der Natur werden aber nicht als Eigenart der Natur selber angesehen, sondern nur funktional als Reaktion der Natur auf das Erscheinen eines besonderen Helden oder Ereignisses oder von Göttern39 wie z.B. des von Vergil verherrlichten Augustus in der Heldenschau. Dieses Mittel der Belebung bringt dem Leser auch das Geschehen näher, indem er in den Ablauf des Geschehens als Miterlebender integriert wird.40

Landschaftliche Erscheinung bzw. Erscheinungen der Natur wie z.B. die Tauben als Wegweiser zum Goldenen Zweig (6,190-204) und Blitz und Donner als Zeichen der Venus (8,824-529) können auch als Omina bzw. göttliche Winke gedeutet werden und damit göttliches Eingreifen repräsentieren. Im Gegensatz zu Homer machen Gottheiten aber kaum noch das Wesen der Landschaft aus, sondern sie stellt zu einem großen Teil durch sich selber eine Stimmung oder ihre Aussage her.41

Schließlich können Landschaftsdarstellungen mit ihrer Funktionalität verbunden werden. So können Landschaften wie manche Teile der Unterwelt völlig bzw. zu großen Teilen allein durch ihre Funktion dargestellt werden. Bei den Unterweltbeschreibungen wird z.B. der Vorhof der Unterwelt abgesehen von der Ulme der trügerischen Träume (6,282-284) v.a. durch die dort lagernden Unwesen Furcht, Hunger, Krieg und Tod beschrieben (6,273-289), die Gefilde der Helden ohne jegliche landschaftlichen Elemente allein durch ihre Zugangsvoraussetzungen und die dort verweilenden Helden charakterisiert (6,477-497) und die Burg des Tartarus (6,548-558) auch wesentlich durch die darin stattfindenden Höllenqualen dargestellt (6,566-627). Auch können Landschaften durch bestimmte Funktionen spezifiziert werden, wie z.B. die Styx als der Fluß, bei dem die Götter ihren höchsten Schwur zu schwören pflegen, angeführt wird (Stygiamque paludem, di cuius iurare timent et fallere numen (6,323-324)). Landschaftliche Phänomene und v.a. Tageszeiten können durch z.T. topische Handlungsbilder von Personifikationen dargestellt werden. So steht z.B. Jupiter als Himmelverdunkler und Entfärber für die hereinbrechende Nacht (ubi caelum condidit umbra Iuppiter, et rebus nox attulit atra colorem. (6,271-272)) und das Fortschreiten des Vierergespanns der Aurora für das Fortschreiten der Tageszeit (Hac vice sermonum roseis Aurora quadrigis iam medium aetherio cursu traiecerat axem. (6,535-536)). Diese Umschreibungen von Tageszeiten stehen dabei auch in der epischen Tradition.42

Landschaftsbeschreibungen können somit bei Vergil verschiedene Formen besitzen und sich in ihrer Funktion und Art und Weise sehr stark voneinander unterscheiden, so daß eine wahre Vielfalt im Bereich der Landschaftsbeschreibung entsteht. Daher werden sie auch als literarisches Mittel sehr vielfältig.

 

 

Anmerkungen:

35 Austin (1977), p. 130.

36 Norden (1927), p. 149.

37 Binder (1971), pp. 107-108.

38 Reeker (1971), pp. 20-21.

39 Reeker (1971), pp. 43-44; s.a. Norden (1927), pp. 138-139.

40 Reeker (1971), p. 48.

41 Reeker (1971), pp. 29-30.

42 Austin (1977), p. 178.

 

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