Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Mythisierung einer Kulturlandschaft

Caroli: Mythisierung einer Kulturlandschaft (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Mythisierung einer Kulturlandschaft – Vergils Behandlung der Landschaft Kampaniens bei den Phlegräischen Feldern
 

Konstanz 2013 / 2019
 

Umfang: VIII + 49 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

B) Die Beschreibung der Landschaft Kampaniens

II.) Die Unterwelt

Schon bei der Weissagung des Anchises (5,731-735) kam es zu einer Zweiteilung der Unterwelt mit den Charakteristika der impia Tartara und tristes umbrae einerseits und den amoena piorum concilia Elysiumque andererseits.57 Auch die Darstellungen der Höhle der Sibylle in ihrer mehrfachen Form ohne irgendeine wesentliche Erweiterung des Beschriebenen (6,9-11.42-44.77-78.98-99) und die der oberweltlichen Orte an der Grenze zur Unterwelt (6,118.126-128.201.237-242) stimmten den Leser schon auf das Kommende ein.58

Die Unterwelt selber wird in der Form von Stationen eines gegangenen Weges durch diese dargestellt, in die der Leser schon vorher durch diverse Reden als ein „nächtliches Reich dunkler Wälder und schwarzer Flüsse“ (z.B. tenebrosa palus Acheronte refuso (6,107); tenent media omnia silvae, Cocytusque sinu labens circumvenit atro (6,131-132); nigra [...] Tartara (6,134-135); loca nocte tacentia late (6,265)) eingestimmt worden war. Damit nimmt diese Unterweltdarstellung im Gegensatz zu der Nekyia Homers die Form eine Katabasis an. Norden sieht den Tartarus „als einen Raum von riesigen Dimensionen“ an, indem nämlich der Teil bis zum Acheron (6,273-294) die Vorhalle repräsentiert, von der man durch die fores (6,283) in „das Burgrevier des Hades mit seinen verschiedenen Regionen“ eintritt.59 Dabei ist alles in ein trügerisches Licht wie beim Schein des abnehmenden Mondes hinter Nebelschwaden gehüllt (6,270-272), um eine sehr dunkle und unheimliche Landschaft zu schaffen,60 wobei der Mond des Gleichnisses auch noch als incertam, also selbst in seiner Existenz unsicher beschrieben wird, so daß die Unheimlichkeit dieser Landschaft noch verstärkt wird.61 Der Effekt wird durch die Anhäufung von Phrasen gleichen Bedeutungsinhaltes (obscuri – nocte – per umbram (6,268); domos vacuas – inania regna (6,269); incertam lunam – luce maligna (6,270)) noch verstärkt.

Die erste Station dieser Unterweltreise besteht in dem Vestibulum Orci (6,273-291), dem Wohnort von Armut, Hunger, Angst, Krieg, Gelüsten, Rache und ähnlicher Widrigkeiten des menschlichen Lebens in personifizierter Form und von mythologischen Ungeheuern als Unterweltschatten, die zum Teil mit verstärkenden Epitheta versehen sind, während in der Mitte des Hofes eine Ulme mit nichtigen Träumen als Laub steht.62 Manche sehen hier einen nicht überdachten Platz im Sinne eines Peristyls, um den sich die verschiedenen Ungeheuerarten in den Räumen eines griechischen Hauses gruppieren. Die Ulme steht in der Erzählung zwischen den Personifikationen der Widrigkeiten des Lebens und den allgemeinen mythologischen Ungeheuern und teilt sie damit in zwei Blöcke.63 Indem sie im Reich der Schatten zu einem besonders schattigen Ort wird (ramos annosaque bracchia pandit ulmus opaca (6,282-283)), wird sie besonders düster dargestellt. Für diesen Baum kann keine direkte literarische Quelle ausgemacht werden, während das fertur in Vers 284 den Anschein erweckt, daß sich Vergil hier einer traditionellen Überlieferung bedient. So eignet sich die Ulme als Unterweltbaum, weil sie zu den ἄκαρποι gehört.64 Austin stellt auch fest, daß der rein daktylische Vers 284 „fluttering lightly like the Dreams“ ist.65 Manche sehen in der Formulierung foliisque sub omnibus haerent eine Andeutung auf Nachtfalter, „die außerhalb der Flugzeit gern an der Rückseite, der dem Lichte abgewendeten Seite der Blätter hängen.“66 Insgesamt dürfte dieser Ort wohl auch eine Erinnerung an die Schrecken der noch nicht allzu fernen römischen Bürgerkriege sein.

Als nächstes wird die Ufergegend des Acheron beschrieben (6,295-425). Die Straße zu diesem Fluß beginnt (6,295), ein bodenloser Schlammstrudel führt unter verstärkenden Alliterationen und Assonanzen dem Cocytus Schlamm zu, ein massenweiser Strom der Totenschatten strömt zu den Ufern zu Charon, dem Unterweltfährmann (6,289-336), Aeneas spricht mit dem unbestatteten Palinurus (6,337-383), wobei in diesem Gespräch eine Namensaitiologie für den Hügel Palinurus als dem Grabhügel des Namensgebers gegeben wird (6,378-381), nach einem Gespräch mit Charon fahren Aeneas und die Sibylle in Charons Boot ans andere Ufer (6,384-416) und gelangen an die Höhle des Cerberus (6,417-425).67

Die Unterweltflüsse und ihre Ufer werden durchweg als ein sehr morastiges und schlammiges Gebiet dargestellt (Stygiamque paludem (6,323.369), multam paludem (6,414), informi limo glaucaque in ulva (6,416), tristisque palus inamabilis undae (6,438)), in dem es sogar Strudel gibt (turbidus hic caeno vastaque voragine gurges aestuat (6,296-297)), wobei die Beschreibung des Gurgelns des Cocytus durch eine Penthemimeres mit weiblicher Nebenzäsur im vierten Fuß akzeleriert wird.68 Damit wird das Ganze zu einem Gebiet, in dem man sehr schlecht vorankommt, das Bootfahren mit Schwierigkeiten verbunden ist, überhaupt jegliches Betreten Gefahr mit sich bringt und das sich auch kaum für die Entnahme von Trinkwasser eignet. Das Hauptgewicht seiner Beschreibungen legt Vergil auf die Styx, während die restlichen Unterweltflüsse nur zur indifferenten Schaffung einer Unterweltlandschaft dienen, indem der Cocytus in Vers 297 vom Acheron gespeist wird, in Vers 323 Styx und Cocytus zusammenfallen und in Vers 385 die Styx wieder als der alleinige von Charon bediente Fluß auftaucht.69 Zudem scheint es sich bei der Styx um einen relativ breiten Fluß zu handeln, was durch die Verwendung von Segeln (velisque ministrat (6,302)) durch den Unterweltfährmann Charon angedeutet wird.70 Ganz nebenbei wird auch erwähnt, daß der Weg zu den Unterweltflüssen durch einen Wald führt (6,386), wobei dieser Wald durch sein Epitheton tacitum als Element dieser unterweltlichen Schauderlandschaft benutzt wird.71 Diese Stimmung des Schauderhaften wird durch den seine Höhle ausfüllenden Unterweltwachhund Cerberus als ein riesiges Ungetier mit drei Köpfen auf Schlangenhälsen, die jeweils einen riesigen Rachen besitzen, aus denen ein lautes Gebell ertönt (6,417-425), noch gesteigert.

Als nächste Station schließen sich die lugentes campi (6,426-476) mit dem Feld der verstorbenen Neugeborenen, der unschuldig zum Tode Verurteilten und der Selbstmörder im Wahn mit einem Unterweltgericht (6,426-441) an und im Anschluß daran mit dem Hain der durch Liebesleid Verstorbenen, wo es zu einem Treffen mit Dido kommt (6,442-476).72 Dabei folgen die verstorbenen Säuglinge mit ihrem Wimmern dem Cerberus mit seinem Gebell, so daß eine akustische Überleitung entsteht.73 Diese Gegend stellt wohl weder einen Platz der Bestrafung und der Höllenqualen, noch einen Platz der Glückseligkeit dar. Alle fünf Gruppen (mitsamt den Helden des folgenden Abschnittes) beinhalten den frühzeitigen und die letzten vier auch den gewaltsamen Tod.74 Diesbezüglich weist Norden darauf hin, daß es auch die Vorstellung gab, daß die vorzeitig Verstorbenen keine Ruhe finden könnten, bis die ihnen zugemessene eigentliche Lebenszeit erfüllt sei.75 So steht auch der Begriff der lugentes campi im Gegensatz zu den laeta arva des Elysiums (6,774).76

Der Hain der Liebenden wird im Laufe der Erzählung dieser an Alliterationen sehr reichen Episode (6,443.445.446.449.453-458.462-468.470-476)77 allmählich und auch sehr ambivalent aufgebaut. Er ist ein Myrtenwald voller versteckter Pfade (secreti celant calles et myrtea circum silva tegit (6,443-444)), der sich ein paar Verse später auch als sehr weitläufig erweist (silva in magna (6,451)) und durch den die Liebenden irren (errabat (6,451)), so daß dieser Wald zu einem Abbild der an unübersichtlichen Irrwegen überreichen unglücklichen Liebe wird. Dabei symbolisiert die Weite u.U. auch die Flucht der Liebenden in ihren Schmerz.78 Bei der Myrte handelt es sich auch um einen Baum der Venus,79 so daß sie auch die Funktion dieses Waldes unterstreicht. Dido beklagt sich auch über diesen Ort als einen düsteren und modrigen (quae nunc has ire per umbras, per loca senta situ cogunt noctemque profundam (6,461-462)). So besteht diese Episode aus vielen Versen mit hohem Spondeenanteil (6,441.443.444.446.451-453.456.460.474).80 Andererseits wird dieser Hain auch als umbriferum bezeichnet, und Dido findet dort auch ihr Liebesglück (refugit in nemus umbriferum, coniunx ubi pristinus illi respondet curis aequatque Sychaeus amorem (6,472-474)), so daß Vergil hier auch die positive Seite des Irrgartens Liebe beschreibt. Diese Szene des Wiedersehens von Aeneas und Dido bildet auch den Mittelpunkt des Sechsten Buches und nimmt damit eine Schlüsselstellung ein.81

Die Heldengefilde (6,477-534) werden als arva ultima ohne eine weitere Landschaftsbeschreibung im eigentlichen Sinne eingeführt.82 Sie werden nur durch Paris pauschal als trüber Ort bezeichnet (tristis sine sole domos, loca turbida (6,534)), was aber auch auf die Unterwelt im allgemeinen bezogen werden kann. Wahrscheinlich wird das Fehlen jeglicher Landschaftsbeschreibung dadurch motiviert, daß diese die permanente düster-dunkle Stimmung hätte auflockern müssen.83 So wird statt dieser u.U. eine Beschreibung des schrecklich entstellten Priamussohnes Deiphobus (6,494-499) und sein Bericht von der Hinterlist Helenas (6,511-530) angeführt, um dadurch eine frohe Stimmung zu vermeiden. Zugleich wird durch die Zusicherung in den Versen 509-510, daß von Aeneas alles mögliche für den stellvertretend für alle gefallenen Troer stehenden Deiphobus getan worden sei, betont, daß die troische Vergangenheit für Aeneas endgültig Geschichte ist und er sich, von den Lasten der Vergangenheit befreit, allein der Zukunft widmen kann, die ihn ins Elysium führt.84

Danach gelangen sie zum Scheideweg zwischen Tartarus und Elysium (6,540-547), von dem aus man den Tartarus und die Stadt des Dis (6,548-636) als den innersten Bezirk der Unterwelt sieht. Dabei werden die Schrecken der Unterwelt dadurch gesteigert, daß Aeneas noch fähig ist, die von den wildesten Orcusgewässern umgebene und uneinnehmbar mit einem reißenden Fluß aus sengenden Flammen umgebene und mit dreifachen Mauern befestigte Stadt des Dis von außen anzuschauen, während er bei den Qualen, auf denen auch das Hauptgewicht der Beschreibung dieser Station liegt, es nur noch ertragen kann, sie durch den Bericht der Sibylle zu erfahren (6,573-627).85 Dieser ist allerdings wiederum sehr anschaulich.86 Die Beschreibung der Burg zeichnet sich durch etliche Alliterationen v.a. auf s (548: respicit – subito – rupe – sinistra (a – b – a – b); 549: moenia – muro etc.) und harte Konsonantenverbindungen aus, die wilden Orcusgewässer werden in den Versen 550-551 durch Alliterationen verstärkt und der reißende Fluß in Vers 551 wird durch die malerisch wirkenden Daktylen unterstrichen, während in Vers 552 die porta adversa ingens durch Spondeen ihr Gewicht erhält.87

Die Überdimensionen der Landschaftselemente wie das riesige Tor (porta ingens (6,552)) und der in die Lüfte ragende Turm (turris ad auras (6,554)) symbolisieren auch die Überdimensionierung des dortigen Grauens.88 Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Unüberwindbarkeit der Befestigung, die sich aus der umgebenden dreifachen Mauer (triplici circumdata muro (6,549)), dem reißenden und Felsen mitreißenden Flammenfluß (quae rapidus flammis ambit torrentibus amnis, Tartareus Phlegethon, torquetque sonantia saxa. (6,550-551)), den Torsäulen aus hartem Stahl, die selbst Göttern ein Eindringen unmöglich machen (porta adversa ingens solidoque adamante columnae, vis ut nulla virum, non ipsi exscindere bello caelicolae valeant (6,552-554)), dem eisernen Turm (stat ferrea turris ad auras (6,554)) und der ununterbrochen wachenden Tisiphone (Tisiphoneque sedens [...] vestibulum exsomnis servat noctesque diesque. (6,555-556)) ergibt. Der eigentliche Tartarus wird als ein unendlich tiefer Abgrund mit doppelter Öffnung, der so weit in die Tiefe reicht wie der aetherische Olymp in den Himmel, beschrieben (Tum Tartarus ipse bis patet in praeceps tantum tenditque sub umbras quantus ad aetherium caeli suspectus Olympum. (6,577-579)) und bildet somit als „Höllenort“ auch einen Gegenpol zum Sitz der himmlischen und glückseligen Götter. So stellt die turris (6,554) nach Norden auch ein Gegenstück zu der von Pindar erwähnten Κρόνου τύρσις auf den Inseln der Seligen dar.89 Auch ergibt die Beschreibung der Burg ein Gegenbild zum üblichen griechischen und römischen Haus der Oberwelt und setzt sich damit von diesem ab.90 Aber insgesamt ist die Beschreibung so unscharf, daß eine einheitliche und genaue Rekonstruktion der Topographie nicht möglich ist.91 Schließlich wird das Grauenvolle durch die Geräuschkulisse dieser Szenerie untermalt, die aus dem Stöhnen der Gepeinigten und dem Widerhall ihrer Ketten und der peinigenden Schläge gebildet wird (Hinc exaudiri gemitus et saeva sonare verbera, tum stridor ferri tractaeque catenae. (6,557-558)) und die einem eine Ahnung von dem dortigen Grauen zukommen läßt. Dabei ist auch sehr auffällig, daß einige der Verbrecherkategorien auf den Bürgerkrieg bezogen werden können.92

Der Scheideweg symbolisiert die beiden Aspekte der Unterwelt.93 In der Form des Scheideweges des Lebens nahm er schon in der Lehre der Pythagoreer eine wichtige Rolle ein, so daß das Υ als sein Buchstabe angesehen wurde.94 Dabei wird der Weg zum Tartarus durch die Phrase exercet poenas (6,543) personifiziert und stellt schon selber den Beginn der Bestrafung dar.95

Schließlich wird das unterweltliche Elysium (6,637-709), der Ort der Seligen geschildert, wobei diese Schilderung wiederum in der Form einer Wegabfolge geschieht. Dieser Ort bildet in seiner Darstellung einen schwerwiegenden Kontrast zu der vorangehenden Unterweltschilderung und stellt damit den zweiten Aspekt der Unterwelt dar.96

Das Elysium wird zuerst zusammenfassend als der Ort der Seligen eingeführt (6,638-641).97 Dabei erfolgt die Beschreibung u.a. in den Versen 638 und 639 durch eine Gruppe von vier Substantiven mit Epitheta, die die Glückseligkeit und Schönheit dieses Ortes hervorheben.98 Auch kommt es zu einer sehr auffälligen Häufung von sonst eher vermiedenen Homoioteleuta in den Versen 638-639. Im Gegensatz zu der restlichen düsteren Unterwelt wird das Elysium durch eine eigene Sonne und eigene Sterne erhellt, so daß eine purpurne Helle entsteht (Largior hic campos aether et lumine vestit purpureo, solemque suum sua sidera norunt. (6,640-641)), wobei purpureus gemäß Austin99 von seinem semantischen Umfang her das Leuchtende im allgemeinen ausdrücken kann. Überhaupt bildet die direkte Aufeinanderfolge von Tartarus und Elysium entsprechend einer Vorliebe Vergils einen scharfen Kontrast.100 Die Landschaft des Elysiums besteht in einem von einem Fluß durchzogenen Wald und Wiesen, auf denen sich die Schatten derer, die ein wohlgefälliges Leben führten, den klassischen Vergnügungen, wie speisen, singen und Wettkämpfen, hingeben (6,642-665). Die Kriegshelden besitzen sogar noch ihre Waffen, Pferde und Streitwagen und pflegen sie (6,651-655). Andererseits sind Speere in den Boden gerammt, und die Pferde weiden verstreut, so daß zugleich die Friedlichkeit dieser Gegend verdeutlicht wird, da die Waffen und Streitwagen aus dem Diesseits im Elysium unbenutzt beiseite gelegt sind.101 Eine Unzahl von Alliterationen (z.B. 638: locos laetos; 641: solemque suum, sua sidera; 644: pars pedibus plaudunt) und von Anaphern (z.B. 641 suum sua; 642-643: pars – pars) unterstreicht die Szenerie lautlich. Den fiktiven Charakter dieser Ideallandschaft hebt die mit der malerischen Anhäufung von l und p unterlegte102 Erwähnung des Flusses Eridanus, eines seit Hesiod belegten legendären Flusses im Nordwesten,103 hervor.

Nach dieser Einführung des Elysiums erfolgt eine erneute kurze erwähnende Beschreibung des vorherigen Ortes unter Hinzufügung der Höhen (6,676-678), die diesen Ort von dem Tal, in dem Anchises sich aufhält (6,679), trennen (6,672-685).104 Die Helden leben nicht in festen Häusern, sondern in schattigen Hainen, auf begrasten Uferböschungen und in von frischem Quellwasser versorgten Auen (Nulli certa domus; lucis habitamus opacis riparumque toros et prata recentia rivis incolimus. (6,673-675)), so daß beim Leser der Eindruck einer klimatisch sehr angenehmen Landschaft entsteht, die künstliche Behausungen überflüssig werden läßt. Auch die trennende Anhöhe zum Lethefluß stellt kein Hindernis im eigentlichen Sinne dar, da sie durch einen bequemen Pfad sehr einfach überwunden werden kann (hoc superate iugum, et facili iam tramite sistam. (6,676)).

Von den Höhen her wird der Lethefluß mit seinen Ufern, an denen sich die Seelen künftiger Menschen tummeln, die von Anchises gemustert werden, sichtbar, und es kommt schließlich zu der berühmten Heldenschau (ab 6,703).105 Dieses Gebiet wird als ein die Seelen umschließendes grünes Tal dargestellt (penitus convalle virenti inclusas animas (6,679-680)), so daß man es mit einem überdimensionierten Garten vergleichen könnte. Seine Ebene schimmert, so daß es genauso erhellt ist wie der vordere Teil des Elysium und kein übermäßig schattiges Tal zu sein scheint. Der Hain mit dem Lethefluß mit den sich dort tummelnden Seelen wird erst einige Verse später als weiter hinten im Tal befindlich erwähnt (6,703-706), so daß dieses Gebiet zum entlegensten der gesamten Unterwelt wird, wobei diese starke Verborgenheit auch den älteren Aspekt des Letheflusses als dem „verborgenen“ und nicht so sehr dem „vergessenmachenden“106 zum Ausdruck bringt. Dieser Ort wird durch das Gleichnis der Seelen mit Bienen (6,707-709), das in seiner Anschaulichkeit noch durch den Aspekt des Akustischen, nämlich das Brummen der Bienen, das durch die Lautmalerei mit s und u unterstrichen wird, verstärkt wird, zu einem höchstlebendigen. Andererseits verbindet sich dieses Gleichnis auch mit der Unterwelt, da Honig als Grabspende, Konservierungsmittel etc. auch im Bereich der Welt der Toten und des Totenkultes eine Rolle spielte.107

Als Ganzes weist die Elysiumsbeschreibung (6,637-709 passim) nun die typischen Merkmale eines locus amoenus, nämlich grüne Haine als „lieblichen Hintergrund“ (6,638.658-659.673.704), Kühle und Frische spendende Flüsse und Bäche (6,659.674.705), einen sanften Lufthauch (6,640), eine angenehme Tönung der Farben (6,640-641), die Aufmunterung zum Lagern (6,656), Gesang (6,657), Duft (6,658), Schatten (6,673) und in der Form des rauschenden Buschwerkes (6,704) und der mit summenden Bienen verglichenen Seelen (6,707-709) Belebtheit, auf und vermittelt somit durch die Anwendung dieser topischen Form eine „friedliche und frohe Stimmung“ und stellt als locus amoenus zugleich auch die Ideallandschaft dar.108

Am Ende der Katabasis verläßt Aeneas die Unterwelt durch eine der beiden Pforten der Träume (6,893-898). Vergil umgeht dadurch die Notwendigkeit des Rückweges und ermöglicht somit den in einer Richtung durchlaufenden Weg durch eine komponierte, aneinandergereihte Abfolge von Stimmungslandschaften. Denn die Unterwelt ist auch so aufgebaut, daß Aeneas als ein Mann des Leidens erst durch die Stationen des steigenden Leidens hindurchwandern muß, bis er nach Erreichen des höchsten Leidens im Tartarus zur höchsten Glückseligkeit in Form des Elysium mit der dort stattfindenden Heldenschau als dem moralisch aufbauenden Moment der Aeneis aufsteigt.109 Zugleich verläuft dieser Weg von Palinurus über Dido und Deiphobus zu den Figuren der Sage hin immer weiter in die Vergangenheit zurück, um im Elysium nach einer Beschreibung der troischen Gründungshelden in der Zukunft zu münden.110 Es gestaltet sich auch sehr schwierig, eine Unterscheidung zwischen den bello clari (6,478) im Heldengefilde und den manus ob pugnando vulnera passi (6,660) im Elysium zu treffen111 oder das Schicksal der Seelen der lugentes campi und der Heldengefilde mit der durch Anchises vorgestellten Lehre der Reinkarnation (6,724-751) zu verbinden, so daß es Vergil anscheinend nicht unbedingt auf eine einheitliche Eschatologie ankam,112 was den Gedanken an eine Komposition einer Stimmungsabfolge sehr nahelegt.

In der Unterweltschilderung ist die beschriebene Landschaft den jeweiligen Bewohnern angepaßt und bildet somit eine untermalende Einheit mit der Handlung.113 So leben z.B. die den Irrwegen der Liebe Unterlegenen in einem ausgedehnten Hain mit verworrenen Wegen, leiden die Verdammten in einem Ort des überdimensionalen Grauens und bewohnen die Glückseligen eine perfekte Landschaft.

 

 

Anmerkungen:

57 Reeker (1971), p. 53; s.a. Quiter (1984) pp. 37-38.

58 Reeker (1971), pp. 53-54.

59 Norden (1927), p. 212.

60 Reeker (1971), pp. 53-54.

61 Austin (1977), p. 11.

62 Reeker (1971), p. 54. Dieser Abschnitt richtet sich in seiner Einteilung der Katabasis an die von Reeker (1971), pp. 54-57, da sie doch sehr akzeptabel zu sein scheint.

63 Norden (1927), pp. 213-216; s.a. Austin (1977), pp. 120-121.

64 Norden (1927), p. 216.

65 Austin (1977), p. 121; s.a. Norden (1927), p. 218.

66 Norden (1927), p. 217 n. 1.

67 Reeker (1971), p. 54.

68 Norden (1927), p. 428.

69 Austin (1977), p. 124; s.a. Smiley (1948), p. 102.

70 Austin (1977), p. 127.

71 s.a. Austin (1977), p. 144.

72 Reeker (1971), pp. 54-55.

73 Norden (1927), p. 244.

74 Austin (1977), p. 154.

75 Macr. Sat. 1,11; s.a. Norden (1927), pp. 12-13 (mit weiteren Belegstellen); Klingner (1967), p. 488.

76 Austin (1977), p. 159.

77 Norden (1927), p. 247.

78 Norden (1927), p. 249.

79 Verg. ecl. 8,62 (formosae myrtus Veneri) & georg. 2,64 & Aen. 5,72; s.a. Austin (1977), p. 159; Sargeaunt (1920), p. 82.

80 Norden (1927), p. 247.

81 Norden (1927), pp. 108 & 247.

82 Reeker (1971), p. 55.

83 Reeker (1971), p. 55.

84 s.a. Clark (1979), p. 166; Erbse (2001), p. 438.

85 Reeker (1971), p. 55. Weber (2012), pp. 172-177 geht in seiner Interpretation der Verse 6,563-565 (Nulli fas casto sceleratum insistere limen, | Sed me cum lucis Hecate praefecit Avernis, | Ipsa deum poenas docuit perque omnia duxit.) davon aus, daß auch die Sibylle nicht selber den Tartarus betreten habe, sondern nur durch Hecate über die Bestrafungen durch die Götter unterrichtet worden sei (ipsa deum poenas docuit), und zwar in jedem Detail (perque omnia duxit). Insbesondere wurde sie selber zuvor als casta, also „keusch“, klassifiziert (5,735), so daß sie gemäß dieser Passage eigentlich nicht über die Schwelle treten könne (s.a. Claud. Don. Aen. 563 (vol. I, pp. 582-583 Georgii)). Allerdings spricht die Sibylle bei den folgenden Ausführungen selber davon, daß sie die einzelnen Bestrafungen gesehen habe (6,582.585.596: vidi), so daß hier dann Inkonsistenzen des Dichters vorliegen müßten bzw. Vergil die Inkonsistenzen der Nekyia Homers übernommen habe, in deren Rahmen Odysseus eigentlich am Eingang des Hades opfert, um dennoch schließlich die Geschehnisse im Inneren des Hades (Hom. Od. 11,568-627)) zu sehen (Weber (2012), pp. 175-176).

86 Austin (1977), p. 183.

87 Norden (1927), pp. 272-273.

88 Reeker (1971), p. 55.

89 Pind. Pyth. 2,77; s.a. Norden (1927), p. 277.

90 McKay (1970), p. 217.

91 Norden (1927), p. 273.

92 Clark (1979), pp. 170-171; s.a. Zetzel (1989), pp. 271-272.

93 Reeker (1971), p. 55.

94 Quiter (1984), pp. 103-107.

95 Austin (1977), p. 179.

96 Reeker (1971), pp. 55-56.

97 Reeker (1971), p. 56.

98 Austin (1977), p. 203.

99 Austin (1977), p. 204.

100 Duckworth (1962), p. 20.

101 s.a. Austin (1977), p. 207; Norden (1927), p. 298.

102 Norden (1927), p. 299.

103 Hes. theog. 338; s.a. Austin (1977), p. 208.

104 Reeker (1971), p. 56.

105 Reeker (1971), pp. 56-57.

106 Norden (1927), p. 305.

107 Norden (1927), pp. 305-306.

108 Reeker (1971), p. 72; s.a. Maisak (1981) pp. 19-20.

109 Klingner (1967), pp. 489-490.

110 Rutledge (1971/72), p. 114; s.a. Clark (1979), pp. 162-163; Klingner (1967), pp. 487-488; Williams (1964), p. 51.

111 s.a. Camps (1967/68), p. 25.

112 Austin (1977), p. 154; s.a. Norden (1927), p. 10; Williams (1964), pp. 50-51.

113 Reeker (1971), p. 57.

 

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