Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Mythisierung einer Kulturlandschaft

Caroli: Mythisierung einer Kulturlandschaft (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Mythisierung einer Kulturlandschaft – Vergils Behandlung der Landschaft Kampaniens bei den Phlegräischen Feldern
 

Konstanz 2013 / 2019
 

Umfang: VIII + 49 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

B) Die Beschreibung der Landschaft Kampaniens

I.) Die Oberwelt

Als erstes werden in diesem Buch nach der Landung die Burg und der Apollontempel an der Küste von Cumae beschrieben (6,9-41). Aeneas bricht zu der Burg und zu der Höhle der Sibylle auf (6,9-11). Daraufhin befindet er sich schon am Hain der Trivia und am Apollontempel (6,13), an dessen Türflügeln Bilder als ein Kunstwerk des Daedalus angebracht sind, die in einer Ekphrasis beschrieben werden (6,14-33). Schließlich werden die Troer durch die Sibylle zum Opfern hinaufgerufen (6,39-41). Der Ort dieser Handlungen wird dabei erst allmählich aufgebaut, indem beiläufig neue Lokalitäten wie der Hain der Trivia und der Apollontempel (6,13) ohne weitere Einführung erwähnt werden und indem Epitheta weitere Eigenschaften wie die aurea tecta beim Apollontempel (6,13) angeben. Das in der Ekphrasis der Tempeltüren dargestellte Labyrinth (6,27-30) mag in dieser Szene auch schon u.U. als ein Symbol für die Unterwelt bezüglich der Tatsache stehen, daß man leicht hineingelangt, aber mit größten Schwierigkeiten wieder herausfindet (6,126-129).1

Zusammen mit der Burg des Apollon wird auch erstmalig die in der Oberweltdarstellung des Sechsten Buches mehrfach behandelte Höhle der Sibylle mit der Sibylle selber eingeführt (6,10-12). Dabei wird die Höhle in dieser Einführung pauschal als immane und der Sitz der Sibylle, die als horrenda und Empfängerin von Weissagungen des Apollon erscheint, dargestellt. Auch wird hierbei eine Antithese zwischen dem hochgelegenen und weithin sichtbaren Apollontempel (altus Apollo (9)) und dem verborgenen Schlupfwinkel der Sibylle (secreta Sibyllae (10)) aufgebaut.

Eine weitere und ausführlichere Beschreibung der Höhle erfolgt schließlich bei der Ankunft des Aeneas (6,42-44). Diese Ekphrasis verselbständigt sich dabei und schließt sich nur asyndetisch an das Vorhergehende an. Die Grotte wird nicht mehr nur pauschal als ingens bezeichnet, sondern sie wird nun auch als eine Aushöhlung in der Flanke des euboeischen Felsen ausdrücklich lokalisiert. Als ein weiteres Merkmal wird auch die Verästelung der Grotte in ein unterirdisches Höhlensystem angeführt, das durch sein anscheinend sehr gutes Echo der Höhle etwas Schauereinflößendes gibt, so daß das horrendus als eine Eigenschaft der Sibylle auch auf die Höhle als ihre Wirkungsstätte übertragen wird. Das Echo dieser Höhle wird in den Versen 42-44 durch gleichlautende Endungen wie antrum – centum, ducunt – ruunt, Euboeicae – Sibyllae lautmalerisch verstärkt, während das Rauschen durch das häufige Vorkommen des Buchstabens s unterstrichen wird.2 Durch ihren lautmalerisch verstärkten Widerhall erhalten die Sprüche der Sibylle einen gewissen Nachdruck und etwas, das einen erschauern läßt, so daß sie eine besonders ominöse Bedeutung bekommen, was auch im Einklang zu Delphi stehen würde, wo die Pythia im Dunst einer Erdspalte geweissagt haben soll. Die Höhle wird des weiteren in 6,53 als attonita domus bezeichnet, was die Nähe des Gottes, der diese Höhle mit Leben erfüllt, verdeutlichen soll.3

Zur Einleitung der Weissagung der Sibylle an Aeneas werden die Gänge der Höhle gesondert dargestellt (6,81-82). Sie dienen wiederum als akustischer Träger und „Verkünder“ der Sprüche der Sibylle, wobei sie jedoch zur Verstärkung des Schauereinflößenden diesmal sponte sua agieren. Der Vers 81 wird dabei von den betonten Begriffen ostia und centum umrahmt, wobei das Hauptgewicht auf centum als ihrer ungeheuren Anzahl liegt.4 Das eigenständige Öffnen der Öffnungen stellt auch ein allgemein übliches Zeichen für die Anwesenheit des Göttlichen dar.5 Zugleich untermalt diese Szenerie den zuvor beschriebenen Wahnsinn der vom Göttlichen erfüllten Sibylle (6,77-80). Die Beschreibung der Höhle der Sibylle wird somit zu einer allmählichen Klimax ihrer Unheimlichkeit.

Innerhalb der Oberweltbeschreibung des Sechsten Buches wird ein Wald genauer beschrieben, nämlich der Hain der Juno und der Wald zur Beschaffung des Scheiterhaufenholzes für die Bestattung des Misenus. Der Hain der Juno wird erstmals in der Beschreibung der Sibylle an Aeneas erwähnt (6,136-148). Dabei übernimmt der Hain die Funktion des Aufbewahrungsortes des Goldenen Zweiges, der als Schlüssel zum Hades die Hauptrolle der Beschreibung einnimmt. Über den Hain selber wird hier nur gesagt, daß er den Baum mit dem Goldenen Zweig umgibt und die Sicht auf den Baum von außen verdeckt (wobei sich die Formen latet und opaca gegenseitig verstärken), der Wald sehr schattig und alles in convallibus umbrae gelegen ist (6,138-139). Die Assonanzen, Alliterationen und Sprache schaffen in 6,138-139 ein einprägendes Bild der Tiefe und Dunkelheit und damit Unzugänglichkeit des Waldes um den goldenen Zweig herum,6 was durch die achtmalige Verwendung des u als dunklen Vokal verstärkt wird.7 Dabei mag diese Dunkelheit und Unzugänglichkeit auch eine Andeutung auf die Verbundenheit mit der Unterwelt sein, da der Hain ausdrücklich der Iuno inferna – die poetisch für Proserpina steht,8 da die Form Proserpinae für den Hexameter unbrauchbar ist9 – geheiligt ist und den „Schlüssel“ zur Unterwelt aufbewahrt.

Über den Goldenen Zweig wird neben seiner Funktionalität als Schlüssel zur Unterwelt (6,140-143) noch sehr Detailliertes über seinen Ort und sein Aussehen gesagt. Bezüglich seines Ortes wird erwähnt latet arbore opaca (6,136), während er selber ein aureus et follis et lento vimine ramus (6,137) und auricomos fetus (6,141) ist, bei Abbrechen durch einen neuen von gleicher Beschaffenheit ersetzt wird (Primo avulso non deficit alter aureus, et simili frondescit virga metallo. (6,143-144)) und nur durch einen dazu Berufenen entfernt werden kann (namque ipse uolens facilisque sequetur, si te fata uocant; aliter non uiribus ullis uincere nec duro poteris conuellere ferro. (6,146-148)). Der Goldene Zweig wird dabei auch durch einen von Attribut und Substantiv eingerahmten Vers beschrieben, wobei die Figur dieser Wortstellung den Eindruck des Kunstvollen erweckt.10 Binder sieht in dem Goldenen Zweig das Symbol der Königsherrschaft, so daß Aeneas mit dem Abbrechen dieses Zweiges zum künftigen König Latiums designiert wird, der Latium nach einer Reihe blutiger Schlachten den Frieden bringen wird, wie auch Augustus nach den Bürgerkriegen ein Zeitalter des Friedens bereitete.11 Für den Goldenen Zweig in der von Vergil verwendeten Funktion sind keine Vorgänger überliefert, und er wurde auch in der Antike als eine Erfindung Vergils empfunden.12 Clark vergleicht ihn mit dem auch an einer Eiche hängenden Goldenen Vlies.13 Vergil hat den Zweig u.U. von ihm bekannten Proserpinamysterien übernommen, wobei das Gold als Repräsentation des Sonnenlichtes der Proserpina eine Erinnerung an ihre Zeiten in der Oberwelt gewähren14 bzw. das Symbol ihres Aufstieges aus der Unterwelt darstellen sollte,15 zumal da dieser Zweig in der Unterwelt der Göttin geweiht wird (6,628-637). Eine Alternative bestünde in der Verbindung mit der Tradition des Zweiges des Baumes im Hain der Diana bei Aricia, den ein fugitivus für dortiges Asyl brauchte und der ihn zu einem Duell mit dem dortigen Priesterkönig berechtigte, so daß dieser Zweig auch die symbolische Einleitung für die in der zweiten Hälfte der Aeneis erfolgenden Kämpfe um Latium sein könnte.16 Schließlich könnte es sich auch um eine Anleihe der goldenen Äpfel der Hesperiden handeln, die der olympischen Juno geweiht waren.17

Nach der Entdeckung der Leiche gehen die Troer in antiquam silvam (6,179), um das Holz für den Scheiterhaufen zur Bestattung des Misenus zu beschaffen, wobei die Beschreibung der Errichtung des Scheiterhaufen (6,177-178) vor der Holzbeschaffung (6,179-182) angeordnet ist. Schilderungen des Baumfällens wie an dieser Stelle sind nach Norden in der lateinischen Poesie sehr beliebt.18 Neben der Bestimmung als antiqua, was neben dem Alter auch für die Ehrwürdigkeit des Waldes stehen kann,19 wird der Wald zuerst pauschal als stabula alta ferarum beschrieben (6,179), während die Beschreibung des Baumbestandes in die der Holzbeschaffungsvorgänge eingeflossen ist (6,180-182), wobei aber die mit picae umschriebene Baumart nahe an der Meereshöhe nicht vorkommt.20 In der Beschreibung der Holzbeschaffung belebt Vergil in 6,179-182 die Landschaft des Bergwaldes auf dreierlei Weise, indem er eine bunte Verschiedenheit an Baumarten aufführt (picea, ornus, ilex, fraxinus, robur), Menschen darin agieren (procumbunt piceae [...] icta securibus ilex [...] cuneis scinditur, advolvont ornos) und eine Geräuschkulisse entstehen läßt (sonat icta securibus ilex).21 Dabei kommt im Vers 180 eine Penthemimeres mit weiblicher Nebenzäsur im vierten Fuß vor, was nach Norden eine Akzeleration bewirkt,22 auch beleben kleine, verschieden gestaltete und getönte Wortgruppen die Szenerie,23 das Herabrollen der schweren Stämme wird mit schwergewichtigen Spondeen unterstrichen und es kommen starke Alliterationen mit a, i, f, p, s vor. Die Natur wird dabei aber nur passiv belebt, ohne eigene Aktivität zu entwickeln.24

Die Erwägungen des Aeneas bei den Arbeiten und sein Gebet betreffs der Suche nach dem Goldenen Zweig machen nun erst explizit deutlich, daß der Hain der Juno mit dem goldenen Zweig ein Teil dieser antiqua silva sein muß (6,185-189), die zugleich in seiner Größe erstmalig, nämlich als immensa, spezifiziert wird (6,186). Dabei wird die anscheinende Aussichtslosigkeit, den Goldenen Zweig zu finden, durch die schwerwiegende Metrik der Phrase aspectans silvam immensam betont, indem sie nur aus langen Silben besteht, die ohne Zäsur im dritten Versfuß im vierten fortschreiten.25 Die Verbindung dieses den Goldenen Zweig beschützenden Waldes mit der Holzbeschaffung für den Scheiterhaufen zur Bestattung des Misenus stellt auch eine Verbindung zwischen der Bestattung des Misenus und dem Abstieg des Aeneas in die Unterwelt her, indem Tod und Bestattung des Misenus die Außerordentlichkeit des Abstieges des noch lebenden Aeneas herausheben.26 Zugleich kann auch eine Verbindung mit der Landschaft der Unterwelt am Weg bis hin zu den Ufern der Unterweltflüsse hergestellt werden, die sich auch als ein bewaldetes Gebiet erweist (6,386). Aber auch die Höhle mit dem Eingang zur Unterwelt selber ist mit dunklem Wald umgeben (6,237-238). In diesem Sinne könnte das Betreten und das anschließende Hinausgelangen in unbeschadetem Zustand aus dem Wald, der zudem der Iuno inferna als Unterweltsgottheit geweiht ist und den Goldenen Zweig als eine Art Schlüssel zur Unterwelt umfaßt, eine Art Vorbereitung oder gar Initiation für die Unterweltsreise darstellen.27

Auf das Gebet hin wird Aeneas durch zwei Tauben zu dem Goldenen Zweig geführt (6,190-204).28 Gemäß kymäischer Tradition sollen auch die Gründer Cumaes aus Chalkis in Euboia mit ihrer Flotte einer vorausfliegenden Taube gefolgt sein.29 In der Zeit Vergils wurden Tauben u.a. als Vögel der Venus angesehen.30 Dementsprechend werden sie vom Venussohn Aeneas als maternas avis bezeichnet (6,193), so daß es sich um eine der wenigen Darstellungen landschaftlicher Szenerie handelt, die durch das Walten einer Gottheit ausgezeichnet ist. Sie stellen, wie durch das ipsa [...] viri ausgedrückt wird, innerhalb der klassischen Einteilung ein augurium oblativum dar, das von selbst ohne ausdrückliche menschliche Aufforderung auftritt.31 Die „Erkenntnis“ der Vögel als solche der Venus durch den Aeneas und sein Dankesgebet an seine Mutter (6,194-197) bleiben aber die einzigen direkten Hinweise auf das göttliche Eingreifen der Venus, so daß dieses Eingreifen eine subjektive Erfahrung des Aeneas bleibt, während Vergil nirgends als objektiver Darsteller behauptet, daß wirklich eine Gottheit eingegriffen habe, da die Bezeichnung der maternae aves nur die allgemein übliche Zuordnung der Taube zur Venus ausdrückt, aber nicht, daß sie wirklich von ihr geschickt worden seien. Außerdem wird das Zeigen des Weges durch die Tauben so beschrieben, daß sie Futter sammeln und dabei immer weiter fliegen, bis sie sich auf dem Baum mit dem goldenen Zweig niedersetzen, so daß hier von der Darstellung an sich her völlig offenbleibt, ob es sich um zwei normale Tauben handelt, die sich nach vollendeter Futtersuche zufällig auf dem gesuchten Baum niederlassen, oder ob es wirklich ein göttlicher Wink ist. So stellt Austin32 auch fest, daß überhaupt die gesamte Beschreibung des goldenen Zweiges und der Vorgänge darum beim Leser nicht „the impression of a hard reality“ vermindern. Damit wird das allgemeine Problem angestoßen, daß solche Zeichen immer als Zufall auf der einen Seite und als göttliche Vorsehung auf der anderen Seite gedeutet werden können, zumal da es sich hier um etwas natürlich Erklärbares handelt und nicht um ein außergewöhnliches Wunder. Das Fehlen der expliziten Erwähnung eines göttlichen Eingreifens kann vielleicht auch mit der zeitweiligen Nähe Vergils zu den Epikureern33 bzw. das göttliche Wirken der Natur durch den stoischen Pantheismus erklärt werden, da Vergil in seinem Alter mit den Stoikern sympathisierte.34 Andererseits stellt das Ausweisen des Weges zu einer heiligen Stelle bzw. dieser selber durch Vögel ein übliches Motiv dar.35

Nun wird der Hain, nachdem sein Boden noch im Dankgebet des Aeneas als fruchtbar bezeichnet worden ist, auch genauer in die Umgebung des Avernus lokalisiert (6,201-204). Dabei erfolgt auch die erste genauere Beschreibung des den Goldenen Zweig tragenden Baumes als gemina arbor (6,203). Durch den Ausdruck der aura auri wird u.U. auch angedeutet, daß die aura als Windhauch das Laub des goldenen Zweiges in Bewegung versetzt und ihn so durch das restliche Laub hindurch erst sichtbar macht, wobei Vergil Wortspielereien dieser Art nur sparsam und hauptsächlich an exponierten Stellen verwendet.36 Durch seinen akustischen Aspekt belebt dieses Klingen des Zweiges die Darstellung. Außerdem rauschen bei dieser Eichenart die Blätter gern im Wind.37 Zu seiner Veranschaulichung wird der Goldene Zweig mit Misteln verglichen (6,205-209). Beide werden nicht vom Baum an sich hervorgebracht, sondern sind von ihm verschieden, wachsen ohne Kontakt zum Erdboden; Misteln tragen auch Laub, wenn der Baum keines trägt, weswegen sie gemeinhin als Symbol des Lebens gelten38 und somit wie der Goldene Zweig ein Wunder bzw. τέρας darstellen; und schließlich hebt sich die Mistel auch farblich vom eigentlichen Baum ab wie der Goldene Zweig von der opaca ilex, wobei das Laub dieser Eichenart auch dunkler als das von normalen Eichen ist,39 so daß Page auch meint: „The colour of mistletoe is a yellowish green. Seen with the sun shining through it the leaves are edged and veined with gold and the stem seems powdered with gold dust.40 Allerdings ist die Eichenart, von der Sargeaunt41 ausgeht, immergrün, so daß im Falle des dunkleren Laubes der Wintereffekt nicht eintreten kann. In diesem Vergleich wird der Baum auch überhaupt erstmals als ilex spezifiziert (6,209).42 Wenn schließlich der Zweig beim Abpflücken Widerstand leistet (6,210-211), so kann dies ein Zeichen für die Widernatürlichkeit des Abstiegs eines lebenden Sterblichen in die Unterwelt darstellen.43

Als Landschaftsphänomen ist der Wald als solches bei Vergil noch mit keiner festen Stimmung verbunden, sondern er kann in verschiedener Weise verwendet werden. Er kann einerseits, wie auch der Apollontempel von Cumae von einem Hain umgeben wird (6,13),44 als ein stiller und einsamer Ort einen heiligen Ort (6,13.118.139.154), andererseits als grüner, belebter und schattenspendender Wald einen „feste[n] Bestandteil der angenehmen und schönen Landschaft“ (6,639.658.704) und drittens als dichter und unwegsamer Wald das Bedrohliche der Landschaft darstellen (6,131.186.238.270-271.386). Dabei stimmt das Bild Vergils auch mit den Zuständen Italiens zur Zeit des Aeneas überein.45

Der für Misenus errichtete überdimensionale Grabhügel (6,232-235) dient v.a. als Namensaitiologie für den Hügel Misenus. Diese Aitiologie bot sich auch an, da der Hügel zum einen von der Form her eine Ähnlichkeit mit etruskischen Tumulusgräbern besitzt und der Wind beim Streichen durch die Höhlen und Weiden einen Ton erzeugt, der einer Trompete ähneln könnte, so daß eine Verbindung zu Misenus als Trompeter (6,164-165) möglich ist, und da dieser Hügel zum anderen eine reguläre Begräbnisstätte von Seeleuten der Praetorianischen Flotte darstellte.46 Diese Szene wird auch mit römischen Bestattungsriten verbunden, so daß man darin auch ein Andenken an den 23 v. Chr. in Baiae unter großen Klagen verstorbenen Günstling, Neffen und Schwiegersohn des Augustus M. Claudius Marcellus, der auch in der Heldenschau stark hervorgehoben wird (6,860-885), sehen kann.47 Mit den bei der Bestattung gepflanzten Zypressen (6,216) verwendet Vergil eine für Bestattungsplätze sehr beliebte Bepflanzung, wobei die Herkunft dieser Tradition ungewiß ist.48

Von der erzählten und zeitlichen Abfolge her bilden die Bestattungszeremonien das direkte Vorspiel zum Abstieg des Aeneas in die Unterwelt49 und stellen damit auch eine Vorbereitung des Aeneas und des mitverfolgenden Lesers auf den Gang in die Unterwelt dar, indem auch sie die Bestattungsriten mitmachen bzw. nachvollziehen, zumal da die Bestattung des Misenus eine Zugangsvoraussetzung zur Unterwelt darstellte (6,149-155). So sieht Quiter in dieser ganzen Szene auch eine Initiation des Aeneas für den Abstieg in die Unterwelt.50

Nach einer im Rahmen der genaueren Lokalisierung des Haines der Juno erfolgten Umschreibung des Avernus mit fauces grave olentis Averni (6,201), was im Gegensatz zu liquidum per aëra bezüglich der Umgebung steht,51 wird schließlich die Höhle zur Unterwelt beschrieben, wobei die Ekphrasis sich verselbständigt.52 Aufgrund einer Bemerkung des Servius kann man davon ausgehen, daß diese Höhle in der Vergilrezeption schon in der Antike des öfteren mit der von Cumae identifiziert wurde und so für Konfusionen sorgte.53

Die Höhle selber ist von gewaltigem Ausmaß, sehr weitläufig zerklüftet (spelunca alta fuit vastoque immanis hiatu (6,237)) und ihre Schlünde sind schwarz, aber gleichzeitig ist sie durch ihre landschaftliche Umgebung, nämlich lacu nigro nemorumque tenebris (6,238) geschützt und verborgen. Dabei wird die Dunkelheit der Höhle auch durch die Häufung der dunklen Vokale a und u in 6,237-238 unterstrichen.54 Des weiteren strömt diese Höhle auch aufsteigende, giftige Dämpfe aus, die noch in luftiger Höhe ihre letale Wirkung zeigen, so daß diese Gegend vogellos ist (6,239-241). Gemäß dem Vers 242 soll der Avernus seinen Namen vom griechischen Wort ἄορνος erhalten haben, wobei dieser Vers zwar höchstwahrscheinlich eine spätere Interpolation zu sein scheint, es aber durchaus möglich war, daß diese Verbindung für den Leser oder gar den Dichter mitklang. Diese Landschaft zeichnet sich einerseits durch ihre düstere Stimmung (lacu nigro nemorumque tenebris [...] atris faucibus) und andererseits durch ihre Unbelebtheit, ja sogar Tödlichkeit, aus, so daß man hier schon deutlich den Vorposten des Hades erkennen kann. Auch kommen in ihrer Schilderung sehr viele Assonanzen und Alliterationen vor.55 Beim Öffnen des Unterwelttores erbebt die Landschaft rundherum unter lautem Brüllen (6,255-257) und verdeutlicht somit die ungeheure Stimmung und damit die direkte Nähe des Tartarus als Ort des Grauens. Diese Stimmung wird auch durch das Gleichnis mit den im Dämmerlicht heulenden Hunden, die die Tiere der Hekate darstellen,56 verstärkt (6,257).

 

 

Anmerkungen:

1 Clark (1979), pp. 148-150; s.a. Quiter (1984), pp. 47-48 & 67.

2 Austin (1977), p. 59.

3 Norden (1927), pp. 138-139.

4 Norden (1927), p. 392.

5 Kallim. hymn. 2,6-7 (αὐτοὶ νῦν κατοχῆες ἀνακλίνεσθε πυλάων, | αὐταὶδὲ κληῖδες; ὁ γὰρ θεὸς οὐκ ἔτι μακρήν) & Hom. Il. 5,749 & Apoll. Rhod. 4,41-42 & Ach. Tat. 8,6,13 & Val. Max. 1,8,1; s.a. Austin (1977), p. 68; Norden (1927), p. 148.

6 Austin (1977), p. 82.

7 Norden (1927), p. 175.

8 Austin (1977), p. 82.

9 Norden (1927), p. 175.

10 Norden (1927), p. 391.

11 Binder (1971), pp. 98-99; s.a. Drew (1927), p. 12; Merkelbach (1961), pp. 87-89.

12 Cornutus bei Macr. Sat. 5,19,2 (...sed [sc. Vergilius] adsuevit poetico more aliqua fingere ut de aureo ramo.); s.a. Austin (1977), p. 83; Norden (1927), p. 164.

13 Apoll. Rhod. 2,404-405 & 4,124-125.163; s.a. Clark (1979), p. 185.

14 s.a. Clark (1979), pp. 200-201; Norden (1927), p. 171; Quiter (1984), pp. 77-78.

15 s. Kerényi (1931), pp. 421-427 passim.

16 Austin (1977), p. 83; s.a. Clark (1979), pp. 201-203.

17 Clark (1979), p. 197.

18 Norden (1927), p. 187 (mit genaueren Ausführungen).

19 Austin (1977), p. 95.

20 Austin (1977), p. 95.

21 Reeker (1971), p. 46.

22 Norden (1927), p. 428.

23 Klingner (1967), p. 374.

24 Norden (1927), pp. 187-188.

25 Austin (1977), p. 96; s.a. Norden (1927), p. 189.

26 Austin (1977), p. 87.

27 Clark (1992), pp. 169-174 passim; s.a. Leach (1999), p. 122.

28 Diese nicht unbedingt eine Landschaftsbeschreibung darstellende Szene soll hier behandelt werden, weil es sich hierbei um ein Omen innerhalb der Landschaftsszenerie handelt, während sonst kein weiteres Omen dieser Art in diesem Buch vorkommt, und weil hier überhaupt das göttliche Wirken innerhalb einer Naturszene dargestellt wird.

29 Vell. 1,4,1; s.a. Quiter (1984), p. 71 n. 1.

30 Richter (1979), p. 535.

31 Austin (1977), p. 97.

32 Austin (1977), p. 78.

33 Highet (1964), p. 69.

34 McKay (1970), pp. 196-198.

35 Norden (1927), p. 174 (mit einigen Beispielen).

36 Norden (1927), pp. 192-193.

37 Sargeaunt (1920), p. 62.

38 s.a. Norden (1927), pp. 165-166; Sargeaunt (1920), p. 137; Kerényi (1931), pp. 428-429; Koch (1968), pp. 70-73 passim.

39 Sargeaunt (1920), p. 62.

40 Austin (1977), pp. 100-101.

41 Sargeaunt (1920), p. 62.

42 Austin (1977), p. 101.

43 Quiter (1984), pp. 75-76.

44 Rehm (1932), p. 71.

45 Reeker (1971), pp. 66-67.

46 McKay (1970), p. 219.

47 McKay (1970), pp. 219-220; s.a. Clark (1977)a, p. 69.

48 Sargeaunt (1920), pp. 38-39.

49 Austin (1977), p. 102; s.a. Clark (1977)a, p. 69; Klingner (1967), p. 487.

50 Quiter (1984), pp. 78-80.

51 Austin (1977), pp. 99-100.

52 Norden (1927), p. 201.

53 Serv. Aen. 6,237 (SPELUNCA ALTA FUIT qua ad inferos descendebatur, non ubi fuerat Sibylla vaticinata); Austin (1977), p. 38.

54 Norden (1927), p. 201.

55 Austin (1977), p. 108.

56 Austin (1977), p. 113; s.a. Norden (1927), p. 204; Kerényi (1931), pp. 430-433 geht hingegen nicht von einer Öffnung eines speziellen Zugangs zur Unterwelt in Form des Aufreißens der Erde aus, sondern davon, daß er bereits existiert habe und lediglich durch eine Art Pforte verschlossen gewesen sei. Auch hätten Aeneas und die Sibylle diesen Zugang nicht selber gewaltsam geöffnet, sondern die Rückkehr der Hekate und ihres Gefolges in die Unterwelt zur Morgendämmerung durch diesen Eingang abgewartet, um die hierfür notwendige Öffnung des Zugangs auszunutzen.

 

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