Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III – Das Museion zu Alexandreia und das Programm des Ἑλληνισμός unter Ptolemaios I. Soter
 

Konstanz 2019
 

Umfang: VIII + 70 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

B) Form, Aufbau und Organisation von Museion und Bibliothek

II.) Die Bibliothek

Die Bibliothek gehörte organisatorisch und räumlich mutmaßlich zum Museion. Allerdings wird sie weder bei Herodas noch bei Strabon erwähnt, so daß die wichtigste Beschreibung der Bibliothek unter den Ptolemaiern bei Tzetzes überliefert ist. Bei Herodas kann dies dadurch erklärt werden, daß er aufgrund des „semi-dramatic context“ seiner Darstellung nicht auf alle Details eingehen konnte, während bei Strabon selbst im Falle der Historizität des Bibliotheksbrandes von 47, also etwa zwei Jahrzehnte vorher, dann zumindest eine größere Lücke im Bereich des Museion hätte auffallen müssen.32 Allerdings impliziert der Begriff der βιβλιοθήκη nicht unbedingt ein eigenes Gebäude, sondern lediglich einen Platz zur Bücheraufbewahrung, da es für eine Büchersammlung egal welcher Größe hauptsächlich irgendwelcher Regale bedurfte, die sich notfalls auch in den Gängen der Anlage des Museion befinden konnten. So bestand die einzige größere Bibliothek dieser Epoche, über die Angaben zu den Räumlichkeiten erhalten sind, nämlich die Bibliothek von Pergamon, aus mehreren kleineren Räumen zur Lagerung der Bücher und einem für kultische Zwecke, die allesamt auf der Rückseite einer der Säulenhallen des Bezirkes der Athena Polias angeordnet waren. Dabei erscheint es als unwahrscheinlich, daß sich die Attaliden in Pergamon mit einem so bescheidenen Anhang zu einer Säulenhalle als Bibliothek begnügt hätten, wenn die um einiges früher errichtete Bibliothek der Ptolemaier in Alexandreia ein eigenständiges Gebäude gewesen wäre, zumal da beide Institutionen im Konkurrenzverhältnis zueinander standen.33 Nun erwähnt Strabon in seiner Beschreibung des Museion, in das die Bibliothek mutmaßlich baulich integriert war, etliche Höfe mit Säulenhallen, die auch zur Unterbringung der Bibliothek mitsamt Lesebereich dienen konnten. Hierbei übernahmen dann die vorgelagerten Säulenhallen wohl die Funktion von Lese- und Arbeitsbereichen, während für die Zusammenkünfte der Gelehrten ein großer Saal, der οἶκος, zur Verfügung stand.34

Was die Eingliederung der Räumlichkeiten der Bibliothek in den Palastkomplex betrifft, so hatten sich die frühesten bekannten griechischen Bibliotheken des 6. Jh. in Tyrannenpalästen befunden (s. Athen. 1,3a). Auch hatte das Griechentum außerhalb der klassischen Zeit und der Hauptgebiete der klassischen Poliskultur eine lange und ausgeprägte Tradition der Kulturförderung durch Tyrannen und Könige gekannt.35 So hatte sich schon der klassische homerische Königshof durch die Anwesenheit von Poeten ausgezeichnet, aber auch in der Tyrannis hatte die ausgeprägte Förderung von Kultur und Künsten ein wesentliches Charakteristikum dargestellt und sich in der Errichtung von prachtvollen architektonischen Gebilden wie Tempel und Palästen, der Abhaltung von prunkvollen Festspielen mit Wettkämpfen und der Einladung von Musikern und Dichtern auch aus ferneren Regionen ausgedrückt. So hatte z.B. der Überlieferung nach Peisistratos in Athen die Dionysien mit ihren Dramenaufführungen und damit das Drama selber gefördert,36 aber auch die Ordnung der homerischen Schriften veranlaßt (Cic. de orat. 3,137) und als erster eine öffentliche Bibliothek in der Stadt eingerichtet (Gell. 7,12,1). Am makedonischen Hof hatten eine Zeitlang Euripides und Agathon (Ail. var. 2,21 & 13,4) verweilt und in Syrakus die Tyrannen Hieron und Gelon Poeten und Künstler beschäftigt (s. Paus. 1,2,3 & Aristot. rhet. 2,16,2).37

Zugleich schloß sich das Museion mit der Einrichtung der Bibliothek auch an die großen Philosophenschulen an, unter denen die allerdings privaten Charakter besitzenden Schulbibliotheken des Aristoteles (Athen. 1,3a & 5,214d & Plut. Sulla 26,1 & Strab. 13,1,54 (p. 608)), des Epikur (Diog. Laert. 10,21) und des Zenon (Diog. Laert. 7,37) explizit belegt werden können. Dabei war v.a. Aristoteles aufgrund seines wissenschaftlichen Konzeptes, das zu einem bedeutenden Teil in der Auseinandersetzung mit den Meinungen der Vorgänger zu einem Problem bestand, auf eine möglichst weitreichende, im Idealfall sogar vollständige Sammlung aller im jeweiligen Wissensgebiet relevanter Werke angewiesen gewesen. Sein gleichzeitiger Anspruch, möglichst alle Wissensbereiche abzudecken, hatte das Anlegen einer Bibliothek, die möglichst alle Werke enthielt, erstrebenswert erscheinen lassen.38 Ägyptische Einflüsse dürften dagegen, abgesehen von der grundsätzlichen Tatsache, daß es sich hierbei um eine rein griechische Einrichtung handelte, keine größere Rolle gespielt haben, da die wenigen existenten Anhaltspunkte darauf hinweisen, daß das ägyptische Bibliothekswesen mutmaßlich sehr bescheidenen Charakters gewesen war.39

Über die Organisation der Bibliothek in Alexandreia im speziellen kann wenig gesagt werden. So steht nicht einmal fest, ob sie allgemein zugänglich40 oder nur den Mitgliedern des Museion vorbehalten war,41 auch wenn diese auf jeden Fall wohl die Hauptnutzer darstellten.42 Sie wurde durch einen vom König ernannten Vorsteher geleitet.43 Im allgemeinen besaßen größere antike Bibliotheken Kataloge, in denen die Buchbestände in Sachgebiete eingeteilt und innerhalb dieser die Werke alphabetisch nach Autorennamen angeordnet waren, wobei diese Anordnung hauptsächlich durch die Pinakes des Kallimachos, der in Alexandreia wirkte, erschlossen wird. Dort werden die katalogisierten Werke in Epos, Elegie, Iambos, Melos, Tragödie und Komödie im Bereich der Poesie und in Geschichte, Rhetorik, Philosophie, Medizin, Gesetze und u.U. weitere nicht überlieferte Sachgebiete im Bereich der Prosa und schließlich παντοδαπὰ συγγράμματα (verschiedene Schriften), die über eine sachliche Untereinteilung wie z.B. Fischfang und Kuchenbäckerei verfügten, eingeteilt. Zugleich wurden auch die Rollenanzahl und die Anzahl der Gesamtzeilen des Werkes vermerkt. Eine Ähnlichkeit dieses Werkes mit den eigentlichen Katalogen kann wiederum durch die Ähnlichkeit mit den erhaltenen Fragmenten späterer Bibliothekskataloge erschlossen werden, die mutmaßlich nach alexandrinischem Vorbild erstellt worden waren.44 Diese Kataloge besaßen natürlicherweise nur dann einen Sinn, wenn der Nutzer anhand dieser Einteilung auch den Lagerplatz der dementsprechenden Rollen erschließen konnte, so daß sie nach diesem Muster angeordnet gewesen sein dürften. Bei dem Erwerb wurden die Rollen zuerst in eigenen Lagerhäusern aufbewahrt, in denen wohl eine gewisse Vorsortierung vorgenommen wurde bzw. auch die von den Schiffen beschlagnahmten Rollen auf die Abschrift warteten.45 Die Rollen selber waren mit Etiketten versehen, die Angaben über Autor, Werk und Herkunft des Exemplars enthielten. In Bibliotheken wurde in der Regel nur die Präsenznutzung (s. Gell. 11,17,1 & 13,20,1), aber keine Ausleihe erlaubt und meistens fiel das Herbei- und Zurückbringen der Bücher, die normalerweise in Holzgestellen oder Schränken ringsum an den Wänden aufbewahrt wurden, in den Zuständigkeitsbereich des Personals der Bibliothek.46

 

 

Anmerkungen:

32 Fraser (1972), Bd. I, p. 324; s.a. Wendel / Göber (1955), p. 88; Preisendanz (1979)a, p. 892; Thompson (2008), p. 71.

33 Fraser (1972), Bd. I, p. 324; s.a. Wendel / Göber (1955), pp. 86-88; Weber (1993), p. 77; Thompson (2008), p. 71; Fragaki (2017), pp. 11-13.

34 Strab. 17,1,9 (pp. 793-794) (s. B) I.) Das Museion, n. 7); s.a. Vitr. 5,11,2: Constituantur autem in tribus porticibus exhedrae spatiosae, habentes sedes, in quibus philosophi, rhetores reliquique, qui studiis delectantur, sedentes disputare possint.; s.a. Wendel / Göber (1955), p. 88; Fraser (1972), Bd. I, p. 325; Groß (1979), p. 1483; Nielsen (1997), p. 634; Fragaki (2017), pp. 27-28.

35 Paus. 1,2,3: συνῆσαν δὲ ἄρα καὶ τότε τοῖς βασιλεῦσι ποιηταὶ καὶ πρότερον ἔτι καὶ Πολυκράτει Σάμου τυραννοῦντι Ἀνακρέων παρῆν καὶ ἐς Συρακούσας πρὸς Ἱέρωνα Αἰσχύλος καὶ Σιμωνίδης ἐστάλησαν· Διονυσίῳ δέ, ὃς ὕστερον ἐτυράννησεν ἐν Σικελίᾳ, Φιλόξενος παρῆν καὶ Ἀντιγόνῳ Μακεδόνων ἄρχοντι Ἀνταγόρας Ῥόδιος καὶ Σολεὺς Ἄρατος.; Athen. 1,3a; s.a. Nielsen (1997), p. 634; Bevan (1968), pp. 124-125; Fraser (1972), Bd. I, p. 305; Green (1990), p. 84; Weber (1993), p. 33.

36 s. Schol. Ael. Arist. ad panath. 189,4 p. 323 Dingdorf.

37 Green (1990), p. 84; s.a. Wendel / Göber (1955), p. 54; Fraser (1972), Bd. I, p. 305 („Thus the patronage of the Hellenistic kings was nothing new; the institution was seemingly an invariable accompaniment of royal splendour.“). Canfora (1988), pp. 174-176 hält die Erzählungen über eine Bibliothek des Peisistratos für einen Mythos späterer Zeiten, in denen es merkwürdig habe erscheinen müssen, daß ausgerechnet für das klassische Zentrum griechischer Kultur keine öffentliche Bibliothek vor der Zeit des Ptolemaios II. Philadelphos habe belegt werden können. Mittler (2012), p. 295 betont hingegen „die auch sonst nachweisbare bildungsorientierte Politik der die Belange breiterer Schichten fördernden Tyrannen“, so daß zwar die Existenz einer öffentlichen Bibliothek des Peisistratos nicht nachgewiesen werden könne, es aber auch nicht angemessen sei, sie einfach „in die Welt der Märchen zu verbannen“. Außerdem gebe es auch Hinweise für frühe Verschriftlichungen eines Werkes des Orphikers Musaios, das auf eine Büchersammlung am Hofe der Peisistratiden hinweise.

38 Wendel / Göber (1955), pp. 56-57 & 59; s.a. Fraser (1972), Bd. I, pp. 320 & 325; Grimm (1998), p. 50.

39 Milkau / Schawe (1955), pp. 16-17.

40 s. z.B. Green (1990), p. 89.

41 s. z.B. Nielsen (1997), p. 634.

42 s. Vössing (1997), p. 641.

43 OGIS 172; s.a. Fraser (1972), Bd. I, p. 322.

44 P. Vars. 5 & Maiuri (1925), Nr. 11 & P. Ross. Georg. I,22; s.a. Wendel / Göber (1955), pp. 70-72; Parsons (1967), pp. 210-217; Casson (2001), pp. 40-41; Heller-Roazen (2002), pp. 143-144.

45 s. Gal. 17/1,606-607 Kühn; s.a. Wendel / Göber (1955), p. 70.

46 Vössing (1997), pp. 641-644; s.a. Dziatzko (1897)a, p. 422; Wendel / Göber (1955), pp. 141-142.

 

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