Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III – Das Museion zu Alexandreia und das Programm des Ἑλληνισμός unter Ptolemaios I. Soter
 

Konstanz 2019
 

Umfang: VIII + 70 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

C) Die kulturelle Bedeutung von Museion und Bibliothek und ihr weiteres Schicksal

IV.) Das weitere Schicksal

Das Museion und die Bibliothek erreichten ihren ersten Höhepunkt schon unter Ptolemaios II. Philadelphos und Ptolemaios III. Euergetes, während Racheaktionen unter Ptolemaios VIII. Euergetes II. (Iust. 38,8,3-7 & Pol. 34,14,6-8; s.a. Diod. 33,6) zu einem ersten Tiefpunkt führten, von dem sich das Museion niemals mehr ganz erholte.80 Bei diesem Niedergang spielten aber auch andere Faktoren mit. Durch den allmählichen Verlust der meisten Außenbesitzungen wurde das Rekrutierungsgebiet für neue geistige Größen immer kleiner, und befanden sich v.a. die kulturellen Zentren Samos und Kos außerhalb des ptolemaiischen Herrschaftsgebietes, während Kyrene immer mehr zur Provinzstadt verkümmerte und Alexandreia während der gesamten Zeit nur wenige Größen im kulturellen Bereich selber hervorbrachte. Hinzu kam seit der Schlacht von Raphia durch den aufkeimenden ägyptischen „Nationalismus“ und die damit teilweise in Verbindung stehenden Unruhen der städtischen Massen eine nicht unbeträchtliche Gefährdung der persönlichen Sicherheit, die durch die immer größer werdende Gefahr einer Invasion von außen, wie der „Tag von Eleusis“ zeigen sollte, und die innerdynastischen Kämpfe seit Ptolemaios VI. Philometor verstärkt wurde. Schließlich besaß zumindest Pergamon als kulturelles Zentrum auch eine nicht unbedeutende Anziehungskraft und zog damit viele potentielle Kandidaten für Alexandreia ab, während zugleich im 2. Jh. ein allgemeines Nachlassen der Produktion von hochwertiger geistiger Güte in der gesamten griechischen Kulturwelt festgestellt werden kann.81 Zu einem gewissen kulturellen Höhepunkt sollte es nochmals unter Ptolemaios XII. Neos Dionysos („Auletes“) und Kleopatra VII. Philopator v.a. im Bereich von Medizin, Philologie und Philosophie kommen, der bis in die Kaiserzeit hineinwirkte, dem jedoch im allgemeinen die Kreativität und Originalität der früheren Phasen abgesprochen wird, wie auch die Wissenschaftler und geistigen Größen dieser Phase in der Regel auf ihre Vorgänger der kulturellen Blütezeit zurückblickten.82

Gemäß gängiger Überlieferung wurden die Bücher der Bibliothek 48/47 bei Auseinandersetzungen im Rahmen des Alexandrinischen Krieges des C. Iulius Caesar durch Feuer zerstört (Plut. Caes. 49,3 & Dio 42,38,2 & Gell. 7,17,3), woraufhin einige Jahre später M. Antonius 200.000 Volumina aus der Bibliothek von Pergamon als Kompensation nach Alexandreia geschickt haben soll (Plut. Ant. 58,5), wobei hier auch Antonius-feindliche Propaganda vorliegen könnte.83 Jedoch lassen sich die Stellen bei Seneca und Cassius Dio im Sinne eines Brandes von Lagermagazinen des Hafenviertels deuten, indem Seneca nur einen Verlust von 40.000 Schriftrollen angibt und Diodor nur ein Bücherlager, aber nicht explizit die Bibliothek erwähnt,84 wie auch nachfolgende Besucher von keinen größeren Schäden im Bereich des Palastviertels berichten.85 Erwähnenswert ist des ferneren auch, daß Lucan in seinen Pharsalia zwar vom Brand berichtet, der außer Kontrolle geriet und sich auf die dem Hafen nahegelegenen Stadtgebiete ausbreitete (Lucan. 10,486-503), aber nicht von einer Zerstörung der Großen Bibliothek, obwohl er sonst Caesar als den „Hauptschurken“ des Bürgerkrieges betrachtete und somit eine solche Gelegenheit zur Plakatierung von dessen negativer Rolle kaum ausgelassen hätte.86 Allerdings wurde seit diesem Zeitpunkt allein noch die Bibliothek des Sarapieion erwähnt, die nun scheinbar die Hauptrolle einnahm, was für eine erhebliche Schädigung des Buchbestandes oder zumindest des Ansehens der Büchersammlung des Museion sprechen dürfte, wobei aber die Bedeutung dieser Bibliothek als geistiges Zentrum schon vorher geschwunden war.87

Mit der Eroberung von Alexandreia durch Octavian verlor das Museion seine klassische materielle Hauptgrundlage, die durch die Patronage des Herrschers gewährleistet wurde. Zugleich wurde Rom zum großen Anziehungspunkt der Intelligenz, der die Koryphäen der damaligen geistigen Welt, v.a. im Bereich der Philologie, aus den anderen Städten des Römischen Reiches abziehen ließ.88 Hauptsächlich die Medizin konnte sich noch in Alexandreia einige Zeit lang halten (Amm. 22,16,18), da sie in Rom nicht als wissenschaftliche Disziplin betrieben wurde, und hatte noch in antoninischer Zeit mit Galen einen berühmten Vertreter, während die Stadt bis ins 4. Jh. n. Chr. als Zentrum der Medizin im Reich galt.89 Unter dem römischen Kaiser Claudius erfuhr das Museion auch eine bedeutende Vergrößerung.90 Seine Gebäude wurden schließlich 269/70 bzw. 272/73 n. Chr. unter Aurelian zerstört, während die Institution des Museion noch weiterhin wahrscheinlich im Sarapieion fortbestand (s. Amm. 22,16,12-18), bis 391 n. Chr. auch dieses zerstört wurde.91

 

 

Anmerkungen:

80 Athen. 4,184c = FGrH 246 (Andron von Alexandreia) F1 = FGrH 270 (Menekles von Barka) F9.

81 Fraser (1972), Bd. I, pp. 79-80 & 86-87.

82 Fraser (1972), Bd. I, pp. 361 & 493-494 & 806-807.

83 Wendel / Göber (1955), pp. 75-77; s.a. Bowman (1986), p. 225; Green (1990), p. 82; Grimm (1998), p. 133.

84 Sen. tranqu. anim. 9,5: Quadraginta milia librorum Alexandriae arserunt; Dio 42,38,2: κἀκ τούτου πολλαὶ μὲν μάχαι καὶ μεθ’ ἡμέραν καὶ νύκτωρ αὐτοῖς ἐγίγνοντο, πολλὰ δὲ καὶ κατεπίμπρατο, ὥστε ἄλλα τε καὶ τὸ νεώριον τάς τε ἀποθήκας καὶ τοῦ σίτου καὶ τῶν βίβλων, πλείστων δὴ καὶ ἀρίστων, ὥς φασι, γενόμενον, καυθῆναι.

85 Vössing (1997), p. 641; s.a. Barnes (2000), pp. 70-72; Glock (2000), p. 509; Heller-Roazen (2002), pp. 149-150; Clauss (2003), p. 114; von Nesselrath (2013), pp. 80-85; Fragaki (2017), pp. 8-11.

86 von Nesselrath (2013), pp. 83-84.

87 Fraser (1972), Bd. I, p. 335; s.a. Wendel / Göber (1955), pp. 77-78.

88 Strab. 14,5,15 (p. 675): μάλιστα δ’ ἡ Ῥώμη δύναται διδάσκειν τὸ πλῆθος τῶν ἐκ τῆσδε τῆς πόλεως φιλολόγων· Ταρσέων γὰρ καὶ Ἀλεξανδρέων ἐστὶ μεστή.

89 Fraser (1972), Bd. I, pp. 809-811; s.a. Clauss (2003), pp. 125-126.

90 Fraser (1972), Bd. I, p. 795.

91 Rufin. hist. eccl. 2,23 (PL 21, pp. 531-532) & Soz. hist. eccl. 7,15; s. insges. Clauss (2003), pp. 279-280; s.a. Wendel / Göber (1955), p. 78; Groß (1979), pp. 1484-1485; Glock (2000), p. 510.

 

Diese Inhalte sind urheberrechtlich geschützt (UrhG) und dürfen nur nach expliziter Genehmigung der Rechteinhaber an anderer Stelle publiziert werden.