Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III – Das Museion zu Alexandreia und das Programm des Ἑλληνισμός unter Ptolemaios I. Soter
 

Konstanz 2019
 

Umfang: VIII + 70 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

D) Die Bedeutung und Förderung von Kultur und Wissenschaften unter Ptolemaios I.

II.) Der Charakter der Studien unter Ptolemaios I. und die einzelnen Vertreter

l) Zusammenfassung

Bei einer allgemeinen Betrachtung der einzelnen überlieferten Persönlichkeiten im Bereich von Wissenschaft und Kultur am Hofe des Ptolemaios I. fällt auf, daß v.a. Peripatetiker, aber auch die ersten Philologen sich in diesen Reihen befanden. Im philosophischen und wissenschaftlichen Bereich kam es allerdings zu keiner absoluten Einschränkung auf Peripatetiker und deren Anhänger, sondern mit Euklid und Praxagoras reihten sich ein Schüler der Akademie und ein Anhänger der hippokratischen Medizin in die Reihen der Koryphäen zu Alexandreia ein.88 Dabei wurden hauptsächlich die Bereiche der Physik, der Biologie, der Anatomie, der Medizin und der Mathematik, aber soweit damit verbunden auch der der Metaphysik gefördert, während der Bereich der Gesellschafts- und Staatstheorie nahezu fehlt. So kann hier v.a. Demetrios von Phaleron angeführt werden, der sich aber v.a. durch praktische Arbeiten wie Gesetzeskorpora auszeichnete. Hinzu kommt mit Theodoros von Kyrene noch ein Vertreter der Lebensphilosophie, dessen Philosophie aber einen hedonistischen und somit wohl eher unpolitischen Charakter hatte. Außerdem dürften beide Philosophen wohl am ehesten dem Bereich der Metaphysik zugeordnet werden, indem beide über die hinter dem Leben und der Welt insgesamt stehenden Kräfte und über das Glück des Menschen nachdachten, allerdings jeder auf seine eigene Weise. Auch kann die hedonistische Seite der Lehre des Theodoros gut mit der königlichen τρύφη (Üppigkeit) verbunden werden, so daß hier zumindest keine Gesellschaftsphilosophie wider das ptolemaiische Königtum erfolgt sein dürfte. Im Gegensatz zum makedonischen Hof wurden bei den Ptolemaiern auch kaum philosophische Abhandlungen über das Königtum verfaßt.89 Überhaupt nicht angetroffen werden können unter Ptolemaios I. die Vertreter der gerade aufkommenden Schulen der Stoa, deren Begründer Zenon von Kition seine Lehrtätigkeit wohl kurz vor 300 aufnahm, und der Epikureer, deren Grundstück in Athen von Epikur im Frühjahr 306 erworben wurde. Hierbei dürfte neben dem Umstand, daß beide Schulen zu der Zeit gerade erst im Entstehen begriffen waren, wohl auch ihre moralische und gesellschaftliche Ausrichtung mitgewirkt haben. Insbesondere Zenon von Kition wäre aufgrund seiner Vergangenheit als ursprünglicher Anhänger der Kyniker90 selbst beim besten Willen mutmaßlich nicht die erste Wahl für eine Tätigkeit an einem königlichen Hofe gewesen.

Zu den Auffälligkeiten in der Geschichte des Museion gehört, daß Alexandreia nicht zur Wirkstätte eines bedeutenderen Historikers des Hellenismus wurde, sondern die Aufenthalte der Vertreter dieser Disziplin, falls sie überhaupt zustande kamen, in der Regel nur kurzfristig waren. Allein die Alexandergeschichte des Ptolemaios persönlich kann in diesem Bereich angeführt werden, die jedoch wohl, egal wann sie entstand, nicht als ein Produkt des wissenschaftlichen Betriebes des Museion, sondern als ein eigener Fall betrachtet werden muß. Ihr Erscheinen muß mutmaßlich auch eine gewisse Wirkung bei dem Publikum von Alexandreia gezeigt haben.91 Allerdings dürfte dieses Werk gerade auch den künstlerischen Freiraum im Bereich der Alexanderhistoriographie am Hofe eingeschränkt haben, da jede weitere Historie des Alexanderzuges zu einem Gegenentwurf des ptolemaiischen Werkes werden mußte. Dagegen dürfte die Geschichte außerhalb des Bereiches Alexanders des Großen und des Ptolemaierreiches in der Phase des Aufbaues des Reiches eine geringere Rolle gespielt haben, da der Alexanderzug und die aktuellen Konflikte und Probleme alles andere zumindest im Bereich des allgemeinen Interesses in den Schatten stellten. Die Werke Manethons und des Hekataios von Abdera fallen hingegen vornehmlich in die Kategorie der Auseinandersetzung mit dem andersartigen Land, mit dessen Realität und Eigenheiten die griechische und makedonische Bevölkerung und die Eliten des Reiches konfrontiert waren, wobei dieser Bereich nach der Regierungszeit des Ptolemaios I. praktisch ausstarb.92

Im Bereich des Wortes und der schönen Literatur wirkten zwar schon unter Ptolemaios I. die ersten Philologen in Alexandreia, die sich mit der griechischen Sprache und Literatur und damit griechischer Sprachkultur als eigenständigem Objekt ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigten, so daß Museion und Bibliothek die Funktion eines Zentrums griechischer Kulturerhaltung und Kulturaufbereitung darstellten. Dennoch hält sich die Zahl der überlieferten Dichter und Poeten in dieser ersten Generation in auffällig geringen Maßen gegenüber dem dichterischen Betrieb der folgenden Generationen wie z.B. Kallimachos von Kyrene, Theokrit von Syrakus, Apollonios Rhodios oder Poseidippos von Pella, wobei es aber schon in dieser frühen Phase erste Vertreter der für Alexandreia typischen Verbindung von Dichtung und Philologie auftraten wie z.B. Philetas von Kos bzw. Rhodos und Zenodotos von Ephesos.93 Aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen nahm v.a. die Rolle der Rhetorik drastisch ab, da es faktisch keinen Platz mehr für die politische Rede der klassischen Polis gab, so daß kein einziger bedeutender Rhetoriker aus Alexandreia überliefert ist.94

Damit wurde in Alexandreia in der Tradition des Peripatos ein Schwerpunkt auf die Erforschung der Natur und ihrer Geheimnisse gesetzt, wie sich auch der Bereich der Metaphysik hierauf beschränkte.95 Eine reine metaphysische Spekulation im Sinne Platons konnte sich hingegen nicht durchsetzen, sondern jegliche wissenschaftliche Arbeit konzentrierte sich im Sinne des Lykeion auf die Sammlung, die Sichtung und den Vergleich materieller Evidenz, aus der die Lehren und Theorien entwickelt wurden,96 wobei der Sinn der Bibliothek in der Ansammlung möglichst des gesamten damaligen Wissens bestand.97 Durch seinen Mitvollzug der Abwendung weg von der platonischen Spekulation zur aristotelischen Hinwendung zur Welt der Phänomene öffnete sich das Museion auch den Naturwissenschaften im heutigen Sinne.98 Hierbei war die wissenschaftliche Forschung allerdings aus heutiger Sicht immer mit den Unzulänglichkeiten der aristotelischen Erforschungsmethoden verbunden (s. in C) II.) Die Effektivität der Forschung und sie beeinflussende Faktoren). Jedoch wurde die Kontinuität der Tradition des Peripatos in Alexandreia recht bald stark gestört durch den Fall des Demetrios von Phaleron und die Rückkehr des Straton von Lampsakos nach Athen, so daß die berühmtesten Vertreter dieser Richtung plötzlich fehlten.99 Aus der Akademie heraus entwickelte sich in Alexandreia v.a. der mathematische Zweig in Form von Euklid, da die Mathematik zwar einen wichtigen Bestandteil in der Ideenlehre gebildet hatte, aber auch außerhalb dieses Bereiches von nicht geringer Bedeutung war.100

 

 

Anmerkungen:

88 Fraser (1972), Bd. I, pp. 387-388; s.a. Engster (2013), pp. 29-30.

89 Fraser (1972), Bd. I, p. 485.

90 SVF I,222 & 248 & 252 & 259-270 passim.

91 Fraser (1972), Bd. I, pp. 495-496.

92 Fraser (1972), Bd. I, p. 47.

93 s. Weber (1993), p. 14.

94 Barber (1928), p. 250.

95 Bouché-Leclercq (1903-1907), Bd. I, p. 131.

96 Green (1990), p. 88.

97 Fraser (1972), Bd. I, p. 320.

98 s. Grant (1990), pp. 149-150.

99 Fraser (1972), Bd. I, pp. 718-719.

100 Fraser (1972), Bd. I, p. 388.

 

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