Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III – Das Museion zu Alexandreia und das Programm des Ἑλληνισμός unter Ptolemaios I. Soter
 

Konstanz 2019
 

Umfang: VIII + 70 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

D) Die Bedeutung und Förderung von Kultur und Wissenschaften unter Ptolemaios I.

II.) Der Charakter der Studien unter Ptolemaios I. und die einzelnen Vertreter

a) Straton von Lampsakos

Bei Straton von Lampsakos handelte es sich um einen Schüler des Theophrast, dessen Nachfolge als Vorstand der Schule er auch 287/86 antrat, nachdem er schon für längere Zeit mit der Erziehung des späteren ptolemaiischen Thronfolgers betraut worden war.19

Gemäß dem Schriftenverzeichnis des Diogenes Laertios beschäftigte er sich v.a. mit Logik und Ethik, aber auch mit Topik, Metaphysik, Kosmologie, Biologie, Erkenntnistheorie, Psychologie und Politik (Diog. Laert. 5,58-60), wobei aber allein Teile seiner physikalischen Lehren, v.a. zur Bewegung und zum Vakuum, rekonstruiert werden können, wie er auch v.a. als „Physiker“ in die Überlieferung einging.20 Dabei wich er trotz seiner Zugehörigkeit zur aristotelischen Schule und ihrer Denktradition in „konstruktiv-kritischer“ Hinterfragung in Teilen von Lehrmeinungen des Aristoteles ab.21 So ersetzte er v.a. die „kosmisch-theistische“ Teleologie durch einen materialistischen Mechanismus der Phänomene (Strat. Lamps. frg. 84 Wehrli). Hierin folgte er einer Tendenz des Theophrast, der sich schon in seiner Metaphysik gegen die teleologische Konzeption gestellt, jedoch noch keinen definitiv antiteleologischen Kurs eingeschlagen hatte. Zugleich wandte er sich auch gegen die Stoiker, indem er die Annahme des Wirkens einer Gottheit im Falle der Unerklärbarkeit ablehnte und statt dessen von δυνάμεις (Kräften) mechanischer Natur ausging. Dabei dürfte er auch die Komponente der Moral aus seinem System entfernt haben, wie Cicero ihm vorwirft.22 Des weiteren verneinte Straton den Äther als fünftes Element für die Himmelskörper zugunsten der Lehre einer feurigen Natur dieser (Strat. Lamps. frg. 84 Wehrli). An die Stelle des Dualismus zwischen Schwere und Leichtigkeit der verschiedenen Elemente und des Prinzips der Bewegung der Körper zu ihrem natürlichen Platz setzte er das einheitliche Prinzip des zwischen den Elementen unterschiedlichen Gewichtes (Strat. Lamps. frg. 88 Wehrli). Auch postulierte er im Bereich der fallenden Körper ein Prinzip der Beschleunigung, indem er feststellte, daß ein fallender Körper aufeinander abfolgende Leerräume gleicher Ausdehnung immer schneller durchquere (Simpl. in phys. 916,18-31 Diels).23 Außerdem forderte er wohl unter Beeinflussung der Porentheorie des Theophrast innerhalb der Körper Hohlräume zwischen den einzelnen Molekülen, damit Wärme und Licht in diese eindringen könnten, verneinte jedoch im Gegensatz zu den Atomisten einschließlich der Epikureer das Vakuum außerhalb des Kosmos. Hierbei demonstrierte er in Experimenten die Natur von Luftdruck und Vakuum, indem er z.B. das Tauchglockenprinzip beobachtete.24 Allerdings verhinderten die beschränkten technischen Mittel eine weitere Ausnutzung und wissenschaftliche Vervollständigung dieser Entdeckung.25 Die Seele stellte schließlich für ihn eine „pneumatische Einheit“ dar, von der keine Teile abgetrennt werden können, weswegen alle ihr zugehörigen Vorgänge wie Sinneswahrnehmungen, Denken und Empfinden nicht voneinander getrennt werden könnten (s. Strat. Lamps. frg. 108 Wehrli), womit er sich vom platonischen Dualismus von νόησις (Verstand) und αἴσθησις (Wahrnehmung) distanzierte.26

Straton von Lampsakos und seine wissenschaftlichen Forschungen dürften auch einen wesentlichen Beitrag bei der Ausrichtung der Forschungen innerhalb des Museion auf die Naturwissenschaften geleistet haben.27

 

 

Anmerkungen:

19 Strat. Lamps. frg. 1 & 2 Wehrli; s.a. Huß (2001), p. 232; Dörrie (1979)b, p. 393; Wildberg (2001), p. 1042.

20 Dörrie (1979)b, p. 393; s.a. Davies (1984), p. 327; Wildberg (2001), p. 1042.

21 Wildberg (2001), p. 1042; s.a. Grant (1990), p. 152.

22 Cic. fin. 5,13 & Acad. post. 34: Nam Strato eius auditor, quamquam fuit acri ingenio, tamen ab ea disciplina omnino semovendus est, qui cum maxime necessariam partem philosophiae, quae posita est in virtute et moribus, reliquisset totumque se ad investigationem naturae contulisset, in ea ipsa plurimum dissedit a suis.; s.a. Green (1990), p. 611.

23 Davies (1984), p. 327; s.a. Jones / Heath (1928), p. 297; Grant (1990), p. 152; Wildberg (2001), p. 1043.

24 Heron pneum. 1, pp. 4-6 Schmidt; s.a. Strat. Lamps. frg. 54-67 Wehrli; s.a. Davies (1984), pp. 327-328.

25 Green (1990), p. 474.

26 s. Wildberg (2001), p. 1043.

27 Green (1990), p. 611.

 

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