Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III – Das Museion zu Alexandreia und das Programm des Ἑλληνισμός unter Ptolemaios I. Soter
 

Konstanz 2019
 

Umfang: VIII + 70 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

D) Die Bedeutung und Förderung von Kultur und Wissenschaften unter Ptolemaios I.

II.) Der Charakter der Studien unter Ptolemaios I. und die einzelnen Vertreter

b) Praxagoras von Kos

Der Überlieferung nach wurde die hippokratische Tradition der Medizin durch den als Asklepiaden bezeichneten (s. Gal. 10,5-7 Kühn & 14,676 Kühn) Praxagoras von Kos, Sohn des Nikarchos, nach Alexandreia gebracht,28 während manche Forscher es für wahrscheinlicher halten, daß erst seine Schüler nach Alexandreia gezogen seien, um dort die Medizin zu etablieren, da sonst Praxagoras schon in den letzten Jahren des 4. Jh. in Alexandreia hätte wirken müssen, während die Aufnahme des wissenschaftlichen Betriebes frühestens in das frühe 3. Jh. gesetzt werden könne.29 Jedoch muß sein Wirken nicht unbedingt mit dem Museion verbunden werden, v.a. da wahrscheinlich auch ohne eigene Institutionen zur Forschung ein berühmter Mediziner in der Nähe des Herrschers als potentieller Leibarzt immer willkommen gewesen sein dürfte.

Er verfaßte mehrere Schriften über theoretische und praktische Medizin, die allesamt nicht als solche erhalten sind, wobei es sich bei ihm jedoch in den folgenden Jahrhunderten um einen der meistzitierten Ärzte handelte. Dementsprechend wurden später von seinen Nachfolgern einige Schriften unter seinem Namen geschrieben. Seine Forschung im Bereich der Anatomie, die Thema einer speziellen Schrift war, zeichnete sich gemäß der damaligen Tradition durch einen vollkommenen Verzicht der menschlichen aus.30 Für ihn stellte wie bei Aristoteles das Herz das zentrale Organ und den Sitz der Seele dar, in das seiner Ansicht nach die Nerven indirekt als Verästelungen der Arterien verliefen, wie er auch die Arterien immer noch als Behälter für das πνεῦμα (Geist) ansah, das aber im Gegensatz zur traditionellen Anschauung der Mensch nicht angeborenerweise besitze, sondern von außen her erwerbe. Hierbei unterschied er jedoch u.U. als erster zwischen Arterien und Venen. Auch erkannte er die Verbindung von Gehirn und Rückenmark.31 Seine Physiologie zeichnete sich durch eine Abwendung von der humoralen Konzeption, die von wenigen, meist vier, Arten von Säften im Körper ausgeht, zu der humidalen, die eine größere Anzahl von verschiedenartigsten Körperflüssigkeiten, in diesem Falle zehn, annimmt, und wies damit in die Zukunft.32 Im Bereich der praktischen Medizin wurden seine Schriften über die Aitiologie, die Symptomatik und die Therapie von akuten und chronischen Krankheiten als allgemeiner Maßstab angesehen. Hierbei führte er auch den Puls als ein Mittel der Diagnose in die Medizin ein.33

 

 

Anmerkungen:

28 Praxagoras Testimonia Steckerl; s.a. Hölbl (1994), p. 65; Argoud (1998), p. 126.

29 Fraser (1972), Bd. I, p. 345.

30 Kudlien (1979), p. 1122; s.a. Fraser (1972), Bd. I, p. 346.

31 Fraser (1972), Bd. I, p. 346; s.a. Green (1990), p. 491; Nutton (2004), p. 126.

32 Fraser (1972), Bd. I, p. 346; s.a. Schneider (1967/69), Bd. II, p. 410; Kudlien (1979), p. 1122; Green (1990), p. 491.

33 Kudlien (1979), p. 1122; s.a. Jones / Heath (1928), p. 285; Davies (1984), p. 347; Nutton (2004), pp. 126-127.

 

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