Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III – Das Museion zu Alexandreia und das Programm des Ἑλληνισμός unter Ptolemaios I. Soter
 

Konstanz 2019
 

Umfang: VIII + 70 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

D) Die Bedeutung und Förderung von Kultur und Wissenschaften unter Ptolemaios I.

II.) Der Charakter der Studien unter Ptolemaios I. und die einzelnen Vertreter

c) Herophilos von Chalkedon

Über das Leben des Herophilos von Chalkedon wird außer seinem Geburtsort lediglich überliefert, daß er Schüler des Praxagoras von Kos war (Gal. 10,28 Kühn & 14,683 Kühn). Deswegen werden seine Aktivitäten in die erste Hälfte des 3. Jh., also in die Regierungszeiten der ersten beiden Ptolemaier datiert, ohne daß weitere Präzisierungen des Zeitpunktes und der Umstände seines Aufenthaltes in Alexandreia möglich sind.34

Berühmt wurde Herophilos v.a. dafür, daß er die Sektion von menschlichen Körpern zur Gewinnung von anatomischen Erkenntnissen als einen Teil der Praxis medizinischer Forschung etablierte.35 Denn bis dahin beruhte das anatomische Wissen im wesentlichen auf der Analogie zu der tierischen Anatomie, die durch Sektion gewonnen wurde, und auf der Beobachtung von auf dem Schlachtfeld oder durch wilde Tiere Verstümmelten bzw. auf dem Sportplatz Verletzten, so daß noch Aristoteles festgestellt hatte, daß über die menschlichen Organe nichts genaueres bekannt sei (Aristot. hist. anim. 1,13,1). Denn der Körper eines toten Menschen wurde in der griechischen Tradition als sakrosankt angesehen, so daß er möglichst unversehrt bestattet bzw. kremiert werden mußte.36 So verschwand in seiner Nachfolge die Sektion auch wieder aus dem allgemein üblichen Repertoire der meisten antiken Mediziner, wie auch die Anatomie des Menschen im speziellen niemals einen eigenen Bereich bildete.37 Die Überlieferung schreibt Herophilos auch die Vivisektion an zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellten Verbrechern zu,38 wobei der Wahrheitsgehalt dieser Aussage umstritten ist. Zwar schenkten sowohl Soranus als Basis des Tertullian als auch Celsus dieser Überlieferung absolutes Vertrauen, jedoch findet sich keine derartige Erwähnung bei Galen, obwohl dieser Herophilos sonst wegen der durch die Sektionen gegebenen Möglichkeiten beneidete (Gal. 2,570-571 Kühn & 2,895 Kühn & 8,747 Kühn), so daß er dieses Faktum der Vivisektion selbst dann überliefert haben müßte, wenn die Originalhandschriften schon damals verloren waren, falls er hier nicht als Bewunderer seines Vorläufers dieses Detail unterdrückte. Außerdem wurde die Vivisektion später als Vorwurf auch gegen Archigenes und Galen vorgebracht (Ioh. Alex. in Hippokr. nat. puer. p. 216 Dietz), obwohl sie in diesen Fällen widerlegt werden kann, was aber nicht unbedingt bedeutet, daß sie im Falle des Herophilos unberechtigt gewesen sein muß. Vivisektionen hätten allerdings dem alten Glauben, daß in den Arterien etwas anderes als Blut fließe, ein Ende bereiten müssen, was aber dadurch abgeschwächt wird, daß Vivisektionen an Tieren, die belegt werden können, auch keine Änderung dieser Annahme zur Folge hatten.39 So könnten auch viele der Entdeckungen v.a. im Bereich der körperlichen Funktionen durch die Durchführung von Vivisektionen erklärt werden.40 Auf jeden Fall war diese Methode allein unter der Patronage des herrschenden Königs möglich, so daß dieser Umstand den spezifischen Arbeitsbedingungen in Alexandreia zugeschrieben werden muß.41

Herophilos unterschied nicht nur wie seine Vorgänger zwischen Groß- und Kleinhirn und stellte die Verbindung zwischen Hirn und Rückenmark fest, sondern bestimmte auch das Gehirn, in dem die Nervenstränge enden, im Gegensatz zur bisherigen Tradition als Sitz des Intellektes (Gal. 3,665 Kühn & 19,315 Kühn), den er im Hohlraum der vierten Hirnkammer ansetzte, der bis heute nach seiner Bezeichnung ἀναγλυφὴ καλάμου als calamus scriptorius bezeichnet wird. Beim Gehirn differenzierte er auch zwischen den Sinnesnerven und den motorischen Nerven (Ruf. anat. 71-74; s.a. Gal. 8,212 Kühn). Aufgrund von Sektionen entdeckte er die vier Membranen des Auges und den Pankreas. Auch beschrieb er detailliert die Leber und unterschied dabei den Gallenkanal von der Pfortader, wie er auch als einer der wenigen Vertreter der Antike feststellte, daß die Venen nicht in der Leber enden (Gal. 5,543 Kühn). Des weiteren behandelte er den Zwölffingerdarm, dem er auch seinen traditionellen Namen δωδεκαδάκτυλος verlieh (Gal. 2,780 Kühn). Außerdem verfaßte er nach Galen auch ein Werk über die Anatomie der Gebärmutter, wobei er neben den Adern auch vier weitere der Ovarien entdeckte (Gal. 2,894-895 Kühn); im übrigen habe aber seine Anatomie der Frau gegenüber der des Mannes Schwächen aufgewiesen.42 Hierbei erwies er sich auch als ein Pionier in der Einführung einer medizinischen Fachterminologie, während sich die Mediziner bis zu seiner Zeit weitgehend mit Begriffen der Umgangssprache begnügt hatten.43

Er untersuchte auch den Puls in den Adern und entdeckte hierbei, daß er von regelmäßigen Kontraktionen der Arterien verursacht wird und mit dem Herz in Zusammenhang steht,44 während dieser vorher als das Ergebnis anormaler Bewegungen der Arterien angesehen worden war. In diesem Zusammenhang legte Herophilos auch als erster Kriterien der Messung wie Stärke, Frequenz und Regelmäßigkeit fest.45 Zugleich blieb er immer noch ein Anhänger der klassischen Vier-Säfte-Theorie, indem er die Säfte und ihr Mischverhältnis für die Ursache von Krankheiten hielt (Gal. 3,813 Kühn & 7,89 Kühn & Cels. med. prooem. 15). Auch beförderten seiner Auffassung nach die Sehnerven „sensitives πνεῦμα“. Ferner war er ein großer Anhänger der medizinischen Anwendung von Abführmitteln, wobei Nieswurz, ein des öfteren tödlich giftiges Reizmittel, eine bedeutendere Rolle spielte (Plin. nat. 25,58).46

Schließlich verfaßte er Kommentare zu Schriften des späteren Corpus Hippocraticum (Gal. 18/2,16 Kühn & 18/2,20 Kühn).47 Zugleich fällt aber auf, daß die traditionelle ägyptische Medizin, die wahrscheinlich nicht ineffektiv war, zumal da die pharaonische Medizin bis heute ihre Anhänger hat und z.T. von der Pharmazeutik-Industrie mit Interesse beobachtet wird, augenscheinlich keinen Eingang in die griechische Medizin fand.48

 

 

Anmerkungen:

34 Fraser (1972), Bd. I, p. 348.

35 s. Tert. anim. 10,4: Herophilus ille medicus aut lanius, qui sexcentos exsecuit, ut naturam scrutaretur, qui hominem odiit, ut nosset, nescio an omnia interna eius liquido exploravit, ipsa morte mutante quae vixerant, et morte non simplici, sed ipsa inter artificia exsectionis errante.; s.a. Tert. anim. 25,5.

36 Ob hier damals umlaufende modernere philosophische Vorstellungen, die die Sorge um den Körper nach dem Tode für überflüssig erachteten, ihren Beitrag geleistet haben (s. Fraser (1972), Bd. I, pp. 349-350) mag bezweifelt werden, da sie bestimmt nur einen Bruchteil der Gesamtgesellschaft erreicht haben dürften, während der Rest den alten Vorstellungen verhaftet geblieben sein dürfte, zumal da der Respekt vor der Totenruhe nicht unbedingt direkt mit einer bestimmten Weltanschauung verbunden sein muß, sondern je nach Situation ein von der Religion losgelöstes kulturelles Phänomen darstellen kann, wie in Mitteleuropa wohl noch die wenigsten an eine leibliche Auferstehung der Toten glauben dürften.

37 Fraser (1972), Bd. I, pp. 348-351; s.a. Davies (1984), pp. 347-348; Green (1990), pp. 483-484.

38 Cels. med. prooem. 23-24: ...longeque optime fecisse Herophilum et Erisistratum, qui nocentes homines a regibus ex carcere acceptos vivos inciderint...; s.a. Tert. anim. 10,4 (s. n. 35)

39 Fraser (1972), Bd. I, pp. 348-349; s.a. Jones / Heath (1928), p. 286; Clauss (2003), p. 106; Nutton (2004), p. 131.

40 Grimm (1998), p. 47.

41 s. Fraser (1972), Bd. I, p. 349. Der Gedanke an Vivisektionen ruft bei manchen modernen Wissenschaftlern auch eine derartige Abneigung hervor, daß sie es kritisieren, wenn die durch sie gewonnenen Erkenntnisse und der damit verbundenen Fortschritt des anatomischen Wissens gepriesen werden (Dobesch (2002), p. 270). Hierzu wurde jedoch von Fraser (1972), Bd. I, p. 349 und Nutton (2004), pp. 131-132 bemerkt, daß die Vivisektion die sonst üblichen Foltermethoden der ptolemaiischen Herrscher wohl kaum an Grausamkeit übertroffen haben dürfte und außerdem medizinische Experimente, namentlich die Austestung diverser Giftstoffe, an verurteilten Straftätern auch unter Mithridates VI. und Attalos III. durchgeführt wurden (Gal. 14,2 Kühn).

42 Fraser (1972), Bd. I, pp. 351-352 & 354-355; s.a. Jones / Heath (1928), p. 285; Nutton (2004), pp. 132-133; Engster (2013), pp. 50-51.

43 Fraser (1972), Bd. I, p. 354.

44 Ruf. puls. 2 & Gal. 2,780 Kühn & 4,731 Kühn & 8,396 Kühn; s.a. 5,149-180 Kühn (De usu pulsuum) & 8,493-765 Kühn (De differentia pulsuum) & 8,766-961 Kühn (De dignoscendis pulsibus) & 9,1-204 Kühn (De causis pulsuum) & 9,205-430 Kühn (De praefagitione ex pulsibus) & 9,431-549 Kühn (Synopsis librorum de pulsibus) & 19,404-412 Kühn (Auflistung der Pulsarten und Diagnose) & 19,629-642 (De pulsibus ad Antonium disciplinae studiosum ac philosophum).

45 Gal. 7,592 Kühn & 8,869-872 Kühn & 8,911-912 Kühn & 8,957 Kühn & 9,463 Kühn & Plin. nat. 29,6 & 11,219; s.a. Cens. die nat. 12,4.

46 Fraser (1972), Bd. I, pp. 349 & 352-354; s.a. Green (1990), p. 493; Nutton (2004), p. 133; Engster (2013), pp. 52-53.

47 Hölbl (1994), p. 65; s.a. Jones / Heath (1928), p. 285; Fraser (1972), Bd. I, pp. 356-357 & 365.

48 s. Jones / Heath (1928), p. 285.

 

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