Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen III – Das Museion zu Alexandreia und das Programm des Ἑλληνισμός unter Ptolemaios I. Soter
 

Konstanz 2019
 

Umfang: VIII + 70 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

D) Die Bedeutung und Förderung von Kultur und Wissenschaften unter Ptolemaios I.

II.) Der Charakter der Studien unter Ptolemaios I. und die einzelnen Vertreter

d) Erasistratos von Keos bzw. Iulis

Im Zusammenhang mit Herophilos wird in der Regel auch Erasistratos von Keos bzw. Iulis erwähnt. Er stammte aus Iulis auf der Insel Keos, war u.U. ein Schüler des Theophrast (Diog. Laert. 5,57 & Gal. 4,729 Kühn), hielt sich 294/3 am Hofe des Seleukos I. Nikator auf und reiste um 290 nach Kos, wo er Chrysippos, den Arzt des Ptolemaios II. Philadelphos traf, von dem er u.U. in Alexandreia zu Hofe eingeführt wurde. Allerdings läßt die Quellenlage keinen eindeutigen Schluß zu, ob Erasistratos wirklich jemals in Alexandreia war und wann dies überhaupt gewesen wäre, außer daß es in der ersten Hälfte des 3. Jh. hätte sein müssen. Somit wäre es möglich, daß er erst unter Ptolemaios II. Philadelphos nach Alexandreia kam, aber auch schon unter Ptolemaios I.49

Wie Praxagoras war er einer der wenigen antiken Mediziner, die nicht der gängigen humoralen Konzeption der vier Körpersäfte anhingen.50 Auch nahm er wie Herophilos Sektionen am menschlichen Körper vor, jedoch ging er davon aus, daß ein reiner Empirismus niemals zum Ziel führen könne, sondern daß auf Basis der Einzelfälle generelle Schlüsse gezogen und ein theoretisches System aufgebaut werden müsse.51 Zugleich verweist sein Werk wieder hauptsächlich auf Ergebnisse der Sektion von Tieren (s. 4,718 Kühn & 5,604 Kühn).52 Bei seinen Untersuchungen des Herzens und des Gefäßsystems entdeckte er die Herzklappen. Hierbei bestand die Funktion des Herzens als Zwei-Kammern-Pumpe darin, das πνεῦμα (Geist) selbst durch die kleinsten Leerräume in alle Teile des Körpers zu pressen, wie auch die Arterien seiner Meinung nach normalerweise Luft beinhalteten, während beim Kranken aufgrund eines Vakuums bzw. Druckgefälles das Blut aus den Venen über ἀναστομώσεις bzw. συναναστομώσεις angesaugt würde, die beide Systeme miteinander verbänden.53 Bezüglich der Verdauung entwickelte er eine auf mechanischen Prozessen basierende Theorie, gemäß der die Nahrung v.a. im Magen zerkleinert und als eine Art Milchsaft in die Adern gepreßt werde, um dann vom Gewebe mittels eines Vakuums wieder aus den Adern gesogen zu werden, während Aristoteles eine Wirkung der inneren Hitze angenommen hatte.54

 

 

Anmerkungen:

49 Green (1990), p. 494; s.a. Fraser (1972), Bd. I, p. 347; Davies (1984), pp. 348 & 350; Huß (2001), p. 235.

50 Green (1990), p. 490.

51 Green (1990), p. 483; s.a. Davies (1984), pp. 347-348.

52 Fraser (1972), Bd. II, p. 507 n. 76; s.a. Schneider (1967/69), Bd. II, p. 413.

53 Green (1990), p. 494; s.a. Davies (1984), pp. 349-350; Nutton (2004), pp. 134 & 136.

54 Davies (1984), p. 349; s.a. Argoud (1998), p. 127; Nutton (2004), p. 135.

 

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