Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen II

Caroli: Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen II (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen II – Die ägyptische Konzeption des Königtums und die Herrschaft der ersten Makedonen
 

Konstanz 2013 / 2019
 

Umfang: VIII + 74 Seiten • Format: 21 x 14,8 cm (A5)

 

 

C) Die Rezeption der kulturellen Andersartigkeit Ägyptens durch die Griechen und Makedonen

I.) Die kulturelle Fremdartigkeit

Trotz all der Berührungen und Begegnungen mit diesem Land seit der Regierungszeit Psammetichs I. (26. Dynastie, 664-610)1 blieb Ägypten aus dem allgemeinen Blickfeld der Griechen und Makedonen und ein vollkommen fremdartiges Land. Dies lag wohl v.a. daran, daß dieses Land vor der Gründung von Alexandreia über keinen besonderen Mittelmeerhafen verfügte und gegenüber der Welt des Mittelmeeres stark abgeschottet war.2

Neben den geographischen und klimatischen Eigenheiten und den für die Griechen und Makedonen fremdartigen Bauwerken, stellten v.a. die fremdartige Religion und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen ein auffälliges Merkmal der Andersartigkeit dar. Zu den weit ausladenden Tempelanlagen gehörten auch Priesterschaften mit außerordentlich weitreichenden Privilegien und Besitztümern, wie sie in Makedonien und Griechenland in diesem Ausmaße bei weitem unbekannt waren. Die ägyptische Religion selber besaß u.a. zwei für Makedonen und Griechen auffällige Merkmale. Zum einen war dies der Tierkult, indem u.a. auch viele Tiere als heilig galten und verehrt wurden (s. Hdt. 2,65,2-76,3 passim), die in Makedonien, falls überhaupt bekannt, kaum beachtet wurden wie z.B. Katzen.3 Zum anderen beinhaltete der Glaube eine Fortsetzung des bisherigen Lebens nach dem Tode, die u.U. sogar eine Verbesserung gegenüber des diesseitigen Lebens darstellte. Damit verbunden war auch der recht aufwendige Totenkult. Allerdings gab es damals auch in Griechenland weitverbreitete Mysterienkulte wie z.B. den von Eleusis, die ebenfalls von einem jenseitigen Leben nach dem Tode in Glückseligkeit ausgingen.4

Im Zusammenhang mit den religiösen Vorstellungen gehörte auch der Charakter der gesamten ägyptischen Gesellschaft mit ihren starren Klassen und ihren effektiven Regierungs- und Kontrollorganismen, die für den einzelnen relativ geringen Freiraum übrigließen. Damit wich sie stark von den griechischen Idealen der Freiheit und Autonomie ab. Aber sie kannte auch nicht die Idee der Bürgerrechte und der Bürgerversammlung als politisches Gremium oder gar eine Verfassung im griechischen Sinne. Ja, sie konnte eine solche gesetzte Grundordnung gar nicht besitzen, da dieser Bereich durch die nach ägyptischer Ansicht göttliche und ewiggültige Maat bestimmt wurde, die entweder vorhanden oder dem Chaos gewichen war.5 Dementsprechend bestanden nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungsgeschichte wesentliche Unterschiede zwischen den ägyptischen und griechischen Rechtsvorstellungen. Daher wurde jeder Herrscher der griechischen Kulturwelt vor das Problem gestellt, daß zumindest in absehbarer Zeit kein einheitliches Rechtssystem errichtet werden konnte, da jeder Partei, sowohl den Griechen als auch den Ägyptern, das Rechtsdenken des anderen fremdartig und suspekt, wenn nicht gar skandalös, erscheinen mußte.6

Deswegen war z.B. für Herodot Ägypten ein Land, in dem im Gegensatz zu Griechenland praktisch alles genau andersherum verlaufe, bis hin zu der berüchtigten Behauptung bezüglich der Eigenheiten von Mann und Frau.7 In der Verfolgung dieses Eindruckes sprengte er dabei sogar die Kategoriengrenzen, indem nicht nur die Sitten der Menschen von den ihm gängigen abwichen, sondern auch die Natur zusammen mit diesen. So verhalte sich aus seiner Sicht der Nil entgegengesetzt zu den anderen den Griechen bekannten Flüssen, indem er z.B. gerade im Sommer das meiste Wasser führt und im Winter das wenigste, und eben in dieser Andersartigkeit der Natur sah Herodot auch die Ursache für die der Sitten und Menschen.8

Allerdings bestanden für ihn die Unterschiede v.a. im religiösen Bereich hauptsächlich in den Sitten und der oberflächlichen Durchführung von Handlungen, während er jedoch im elementaren Bereich z.B. die ägyptischen Götter mit den griechischen für identifizierbar hielt, auch wenn bei heutiger Betrachtung des öfteren nicht unerhebliche Unterschiede in den Zuständigkeitsbereichen der von Herodot miteinander identifizierten Gottheiten bestehen. So wurden zwar sowohl Dionysos als auch der mit diesem gleichgesetzte Osiris (s. Hdt. 2,42,2) in ihren Legenden jeweils zerstückelt, danach wieder zusammengesetzt und zum Leben erweckt, so daß beide zu Göttern der Wiederauferstehung nach dem Tode wurden und zugleich für die Fruchtbarkeit und Vegetation zuständig waren. Jedoch übernahm Osiris im Gegensatz zu Dionysos die Herrschaft über das Totenreich und wurde damit zum mit Hades identifizierbaren Unterweltsgott, und dabei kann diese Identifikation noch zu einer der glücklicheren gezählt werden.9 Daher mußte dieses System mit sich bringen, daß ein wahres Verständnis der ägyptischen Religion noch erschwert wurde. So führte Herodot die Ägypter als das Volk an, das die Unsterblichkeit der Seele postuliere, um dieses Postulat zugleich im Sinne des pythagoreischen Reinkarnationsglaubens fehlzuinterpretieren.10 Trotzdem leisteten diese Identifikationen der Vertreter der verschiedenen Panthea miteinander den Griechen eine gewisse Hilfe, sich zumindest bis zu einem gewissen Umfang mit der ägyptischen Götterwelt vertraut zu machen, während ein wahrhaftiges Verständnis ohne intensive Beschäftigung aufgrund der großen Differenzen eher unwahrscheinlich war.11

 

 

Anmerkungen:

1 s. Caroli (2007), pp. 111-114.

2 Matthews / Roemer (2003), pp. 12-13; s.a. Bengtson (1975), p. 17; Peremans (1983), p. 253.

3 Bengtson (1975), pp. 17-18.

4 Ellis (1994), p. 29; s.a. Gehrke (2003), p. 80.

5 Ellis (1994), pp. 28-29; s. A) I.) Das Prinzip der Maat.

6 Huß (2001), p. 229.

7 Hdt. 2,35,2-4: Αἰγύπτιοι ἅμα τῷ οὐρανῷ τῷ κατὰ σφέας ἐόντι ἑτεροίῳ καὶ τῷ ποταμῷ φύσιν ἀλλοίην παρεχομένῳ ἢ οἱ ἄλλοι ποταμοί, τὰ πολλὰ πάντα ἔμπαλιν τοῖσι ἄλλοισι ἀνθρώποισι ἐστήσαντο ἤθεά τε καὶ νόμους, ἐν τοῖσι αἱ μὲν γυναῖκες ἀγοράζουσι καὶ καπηλεύουσι, οἱ δὲ ἄνδρες κατ’ οἶκους ἐόντες ὑφαίνουσι· ὑφαίνουσι δὲ οἱ μὲν ἄλλοι ἄνω τὴν κρόκην ὠθέοντες, Αἰγύπτιοι δὲ κάτω. | τὰ ἄχθεα οἱ μὲν ἄνδρες ἐπὶ τῶν κεφαλέων φορέουσι, αἱ δὲ γυναῖκες ἐπὶ τῶν ὤμων. οὐρέουσι αἱ μὲν γυναῖκες ὀρθαί, οἱ δὲ ἄνδρες κατήμενοι. εὐμαρείῃ χρέωνται ἐν τοῖσι οἴκοισι, ἐσθίουσι δὲ ἔξω ἐν τῇσι ὁδοῖσι, ἐπιλέγοντες ὡς τὰ μὲν αἰσχρὰ ἀναγκαῖα δὲ ἐν ἀποκρύφῳ ἐστὶ ποιέειν χρεόν, τὰ δὲ μὴ αἰσχρὰ ἀναφανδόν. | ἱρᾶται γυνὴ μὲν οὐδεμία οὔτε ἔρσενος θεοῦ οὔτε θυλέης, ἄνδρες δὲ πάντων τε καὶ πασέων. τρέφειν τοὺς τοκέας τοῖσι μὲν παισὶ οὐδεμία ἀνάγκη μὴ βουλομένοισι, τῇσι δὲ θυγατρᾶσι πᾶσα ἀνάγκη καὶ μὴ βουλομένῃσι.; s.a. Ellis (1994), p. 28; Pietschmann (1893), p. 993; Préaux (1979), p. 34; Stephens (2003), p. 8.

8 Harrison (2003), p. 152; s.a. Dihle (2005), pp. 23-24.

9 Ellis (1994), p. 29.

10 Hdt. 2,123,2-3: πρῶτοι δὲ καὶ τόνδε τὸν λόγον Αἰγύπτιοι εἰσι οἱ εἰπόντες, ὡς ἀνθρώπου ψυχὴ ἀθάνατός ἐστι, τοῦ σώματος δὲ καταφθίνοντος ἐς ἄλλο ζῷον αἰεὶγινόμενον ἐσδύεται· ἐπεὰν δὲ πάντα περιέλθῃ τὰ χερσαῖα καὶ τὰ θαλάσσια καὶ τὰ πετεινά, αὖτις ἐς ἀνθρώπου σῶμα γινόμενον ἐσδύνειν, τὴν περιήλυσιν δὲ αὐτῇ γίνεσθαι ἐν τρισχιλίοισι ἔτεσι. | τούτῳ τῷ λόγῳ εἰσὶ οἳ Ἑλλήνων ἐχρήσαντο, οἱ μὲν πρότερον, οἱ δὲ ὕστερον, ὡς ἰδίῳ ἑωυτῶν ἐόντι· τῶν ἐγὼ εἰδὼς τὰ οὐνόματα οὐ γράφω.; s.a. Griffiths (1980), pp. 168-169.

11 Stephens (2003), p. 21.

 

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