Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen I

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus, Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Das Aufeinandertreffen zweier Kulturen I:
Die Ägypter und die Fremdherrscher unter Alexander dem Großen und Ptolemaios I.

 

publiziert in:

Mohamed BadawiChristian A. Caroli (Hrg.):

As-Sabil-Sammelbände für Kulturpluralismus;

Band 2: Das Aufeinandertreffen von Kulturen,

S. 147-175.
 

Konstanz 2009 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: 230 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-26-7

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

1. Inschriften (mutmaßlich) zeitgenössischer Ägypter autobiographischen Charakters

1.1. Die Klagen und Taten des Petosiris

1.1.1. Der Grabbau und sein Stil

Bekannt wurden Petosiris und seine Familie v.a. durch ihr 1919 entdecktes Familiengrab in der Nekropole von Hermopolis im الفساقى (al-Fasāqy) genannten Bereich westlich des Bahr Yussuf in der Nähe eines dortigen Ibiotapheion (Grabanlage für Ibis-Mumien). Es handelt sich hierbei um das am besten erhaltene Monument seiner Epoche. In seiner Umgebung befinden sich noch etliche weitere Grabkapellen, die allerdings mutmaßlich alle späteren Datums bis in die Kaiserzeit hinein sind, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, daß diese auf den Ruinen älterer Bauten errichtet wurden, so daß dann das Grab des Petosiris nicht auf leerem Grund erbaut worden wäre. Der Bau selber besteht aus einer Kapelle mit einem Schacht zu einer darunter gelegenen Grabkammer und einem an die Kapelle angebauten Vorbau, dem sogenannten Pronaos („Vortempel“). Der Komplex war dabei nicht allein Petosiris vorbehalten, sondern es handelte sich vielmehr um ein Familiengrab. Die Kapelle war v.a. für seinen Vater Shishou und seinen älteren Bruder Zedthotefankh reserviert, während der Pronaos dem Totenkult des Petosiris diente, wobei er allerdings auch die größtenteils als Rückwand des Pronaos dienende Vorderfront der Kapelle und die innere Ostwand dieser, die mit seinem ausführlichen Tatenbericht versehen ist (Lefebvre, no. 81 & pl. XVIII-XXXIV), für sich in Anspruch nahm.11

Dieses Grab ist in erster Linie in ägyptischem Stil gehalten, wie man es von einem Ägypter auch erwarten würde. Vor allem auf die gesamte Innendekoration der Kapelle trifft dies zu. Zwar können gewisse Freiheiten entdeckt werden, doch überschreiten diese nicht das übliche Maß und können keine fremden Einflüsse erkennen lassen. So werden auf der Ostseite die traditionellen Begräbnisszenen im überkommenen ägyptischen Stil einschließlich der Verwendung der althergekommenen Kleidung dargestellt, wie sie schon in thebanischen Gräbern des Neuen Reiches gefunden werden können, während die Westseite die traditionellen Unterweltdarstellungen aufweist (Lefebvre, pl. XVIII-XXXIV). Jedoch stimmen die Darstellungen der Gabenbringer auf den Sockeln der Ost- und der Westwand schon mit denen der Kapelle überein. Auch die sonstige Motivwahl einschließlich der Darstellungen des Pronaos wie Reihen von Gabenbringern, von Handwerkern bei der Verfertigung von Gegenständen, von Arbeiten auf dem Feld und von der Viehzucht in ihrer gesamten Lebendigkeit erinnert von der Sache her stark an die der ägyptischen Grabdarstellungen seit dem Zeitalter der Mastabas des Alten Reiches.12 Die Darstellung der Arbeiten13 läßt den Betrachter zugleich die klassischen Arbeitsweisen und Verwaltungs- und Arbeitsstrukturen erkennen wie in früheren Epochen ägyptischer Geschichte, so daß auf den von den Lokalfürsten geleiteten Domänen zur Zeit des Petosiris im wesentlichen die gleichen Arbeits- und Verwaltungsstrukturen vorgeherrscht zu haben scheinen. Schließlich stellen die meisten Inschriften in der Kapelle Rezeptionen klassischer ägyptischer Grab- und Totenliteratur dar wie z.B. der Pyramidentexte,14 des Totenbuches des Neuen Reiches15 und der Mundöffnungszeremonie.16

Jedoch enthält dieses Grab auch in auffälligem Maße griechische Stilelemente und Szenerien.17 So ahmt der Altar vor dem Grabbau die griechische Form des βωμὸς κεραοῦχος („gehörnter Altar“) nach,18 wobei Lefebvre aber leider nichts darüber sagt, ob dieser Altar aus derselben Zeit wie das Grab selber stammt, da angesichts der späteren Nutzung als Kultstätte durch Griechen auch eine nachträgliche Errichtung leicht denkbar wäre (s. in 1.1.2. Die „Zeit des Chaos“ und die Datierung des Grabes c. n. 35). Am Grab selber kommen die griechischen Stilelemente hauptsächlich auf den Darstellungen der Wände des Pronaos einschließlich der weitestgehend als Rückwand des Pronaos dienenden Frontwand der Kapelle vor. Bei den Szenerien typisch ägyptischer Motivwahl werden die Personen nicht mehr stereotyp dargestellt, sondern jede der Figuren erhält eine individuelle Gestik und Bewegung (z.B. Lefebvre, pl. XX-XXI & XXXV-XXXVI & XLVI-XLIX). So kann in den Abbildungen auch die Abwendung von der typisch ägyptischen aspektiven Darstellungsform zugunsten einer naturalistischeren festgestellt werden, indem der Künstler v.a. die abgebildeten Personen in ihrer natürlichen Haltung und in Bewegung, vorwiegend im reinen Profil, darzustellen versucht. Außerdem tragen die Menschen nicht mehr den traditionellen Lendenschurz, sondern in der Regel bis zu den Knien hinabreichende Tuniken mit kurzen Ärmeln, die bis zu einem gewissen Grade mit der heutigen ägyptischen Galabiya verglichen werden können. Die Familienmitglieder und die Freunde der Grabinhaber tragen sogar Kleider in griechischer Form, nämlich den χιτὼν ποδήρης (fußlanges Untergewand) mit einem ἱμάτιον oder πέπλος (verschiedene griechische Obergewandformen) darüber (Lefebvre, pl. XX & XXI), während die Bekleidung des Petosiris, seiner Eltern und seines Verwalters an den „makedonischen Mantel“ erinnert (Lefebvre, pl. XII & XXXVII & L). Aufgrund dieser Darstellungen kann auch vermutet werden, daß derartige Kleidung zu dieser Zeit zumindest in der Region von Hermopolis nicht selten getragen wurde. Zusätzlich tragen die Bauern Kopfbedeckungen in konischer Form, die anscheinend als Sonnenschutz dienen und mit dem πῖλος (Filzhut), der im griechischen Theater zur Darstellung der einfachen arbeitenden Bevölkerung verwendet wurde, verglichen werden können. Außerdem werden auch einige Personen einfachen Standes mit echtem Bart dargestellt, wie auch die Kopfbehaarung von der Kahlköpfigkeit bis hin zu längeren Haaren unterschiedlich ausfällt.19 Die geernteten Ähren werden nicht mehr mittels darauf herumtretenden Tieren, sondern mittels Dreschflegeln gedroschen (Lefebvre, pl. XIII),20 wie auch zum ersten Mal in der ägyptischen Kunstgeschichte die Nutzung einer Drehbank belegt werden kann.21

Als besonders auffällig erweist sich aber die Darstellung eines Opfers bei einem naos (tempelartiges Gebilde) in Gegenwart von fünf Zuschauern (Lefebvre, pl. XIX), da hier den ägyptischen Opfersitten vollkommen widersprochen wird. Denn gemäß dem ägyptischen Ritus wurde der Stier vor dem Opfer gebunden und umgeworfen, um dann erdrosselt und gemäß festgelegter Prozedur zerlegt zu werden, während in dieser Szene der Stier vollkommen frei dasteht, um dann mit einem Dolch einen Stich in den Nacken zu bekommen. Der naos wird zudem in griechischem Stil dargestellt, obwohl er doch mutmaßlich die Fassade des Grabes darstellen soll, da es sich wahrscheinlich um ein Totenopfer handelt. So ist das abgebildete Gebäude auch mit einer ägyptischen Verschlußverrichtung versehen. Auch die fünf Personen, offensichtlich die Familie des Verstorbenen, sind auf griechische Weise bekleidet und tragen teilweise griechische Frisuren.22

Montet will allerdings in dieser Darstellung, die auffälligerweise im Gegensatz zu den anderen mit keiner einzigen Legende versehen ist, noch größere Parallelen zum Stieropfer an den persischen Gott Mithras sehen. Dementsprechend solle das Gebilde in der Mitte der Gruppe dann einen persischen Grabturm mit einer zweiflügeligen Tür auf einem Sockel darstellen.23 Jedoch läßt die Darstellung von ihren Proportionen her darauf schließen, daß das abgebildete Gebäude etwa 1,80 m hoch gewesen sein und damit wohl kaum einen Turm darstellen dürfte, während es auch kaum einem persischen Altar bzw. Heiligtum ähnelt und ein Kultbildschrein nicht in Frage kommen dürfte, da die persische Religion dieser Epoche mutmaßlich bildfrei war.24 Bezüglich der Größe des Gebäudes wendet Montet allerdings ein, daß von links her die dritte und vierte Person zu diesem Gebilde hin gegenüber den anderen Personen immer kleiner werden, so daß hier ein Perspektivwechsel demonstriert werden solle, indem das Gebäude diesen Personen gegenüber groß erscheine.25 Dagegen spricht jedoch, daß hier mutmaßlich die Familie des Verstorbenen dargestellt wird und es sich bei den kleineren Personen um nicht erwachsene Kinder handelt. Außerdem weisen die von Montet zum Vergleich angeführten Abbildungen26 doch gravierende Unterschiede zu der bei Petosiris auf. Seine Rekonstruktion eines Grabturmes (Fig. 2) beinhaltet offensichtlich keine Struktur, die den beiden Türflügeln bei der Darstellung des Petosiris entsprechen könnte. Bei den beiden Münzen (Fig. 3) verfügt das Gebäude Strukturen auf dem Dach und steht v.a. neben ihm eine Standarte, die beide nicht bei der Abbildung im Grab des Petosiris identifiziert werden können. Das persische Gebäude enthält zwar eine zweigeteilte Front, jedoch ist diese so strukturiert, daß sie die Fensterreihen der Rekonstruktion von Fig. 2 nachbilden könnten, zumal da bei keiner der Abbildungen irgendein Sockel erkannt werden kann, auf dem dann erst die Ebene des Eingangs angesetzt wäre. Des weiteren stellt sich die Frage, was für einen Sinn ein persischer Grabturm bei dieser Szene hätte, da es sich dann um ein fremdes Grab handeln würde, während es dem existenten Familiengrab in keiner Weise entspricht.

Aber auch aus stilistischer Sicht entspricht die Vielfalt in der Durchführung der Gesichter nicht der Isokephalie (einheitliche Darstellung der Köpfe) und der Einheitlichkeit der Frisuren der Darstellungen der Achaimenidenzeit, sondern eher dem griechischen Stil, wie auch die Abbildung der Frau, die sich mit einem Ellenbogen auf eine Säule lehnt, an die griechischen Darstellungen der 2. Hälfte des 4. Jh. erinnert. Indes beinhaltet ein Vergleich dieser Szene mit dem Sarkophag von Sidon als Vertreter persischer Darstellungen die Schwierigkeit, daß dieses Stück aus der Epoche des Hellenismus stammt, so daß eine Abgrenzung zur griechischen Stilistik fraglich wird. Was das Opfer selber betrifft, so versuchte beim Mithras-Kult der Opfernde, die rechte Schulter mit dem Dolch regelrecht zu zerschmettern, was mit sich brachte, daß er in der Regel auf sein Opfer sprang und es mit dem linken Knie niederdrückte, während hier der Opfernde in griechischer Weise neben dem Tier steht und mit Ruhe in die linke Schulter des Tieres sticht. Zudem dient in der Szene der Kranz wohl zur Bekränzung des Opfertieres und nicht des Opfernden und wurde vor der Tötung des Tieres wieder abgenommen. Außerdem erscheint es in sich widersprüchlich, daß ein einheimischer Priester, der sich rühmte, ägyptische Kultstätten seiner Region restauriert zu haben, dem persischen Kult frönte, während er zugleich offen gegen die Fremdherrscher wetterte, zumal da auch die persische und ägyptische Religion aufgrund ihrer Eigenarten nur schwer miteinander vereint werden konnten, indem die persische Religion v.a. bildfrei gewesen zu sein scheint.27

Schließlich werden in begrenztem Rahmen u.U. auch Gegenstände mit persischen Stilelementen oder persischen Charakters dargestellt, wobei auch teilweise ihre Herstellung durch Ägypter abgebildet wird. Dazu gehört z.B. ein in seiner Produktion gezeigter Gegenstand, der in seiner Dekoration scheinbar mit zwei Einhörnern versehen ist (Lefebvre, pl. XI), womit auch die königlichen Podien geschmückt waren, die auf den königlichen Gräbern zu Persepolis über ihrem Eingang dargestellt werden.28 Allerdings können diese Figuren mit ägyptischen Sphingen verglichen werden, wie überhaupt der Typus der Sphinx als solcher in nahezu allen Kulturen der Antike belegt werden kann. So weist speziell dieser Typus des Löwen mit Hörnern ein so hohes Alter auf, daß er schon vorher außerhalb Persiens bis nach Griechenland hin verbreitet war.29 Zu guter Letzt verrät die Darstellung (auch im Gegensatz zur ägyptischen Tradition der Andeutung) nicht explizit, ob die Tiere jeweils nur ein Horn wie die typisch persischen Einhörner tragen oder ob es sich um zwei Hörner handelt, da z.B. bei den Füßen dieses Gegenstandes auch jeweils nur die der zugewandten Seite dargestellt und die der abgewandten nicht einmal angedeutet werden. Trotzdem müssen persische Einflüsse nicht ausgeschlossen werden, wie auch der frühptolemaiische Fund von Tuch el-Karamus30 zeigt.

 

 

Anmerkungen:

11 Lefebvre (1923/24), Bd. I, pp. V-VI & 1 & 31 & 84 & 136; s.a. Lefebvre (1920)a, pp. 43-44 & 51.

12 Lefebvre (1923/24), Bd. I, pp. 31-32; s.a. Suys (1927), pp. 48-53 & 85-95 passim; Roeder (1939), pp. 739-740.

13 Beschreibung mit Angabe der relevanten Tafeln s. Lefebvre (1923/24), Bd. I, pp. 49-47 & 127 & 171.

14 Lefebvre, no. 66,6-9 – Pyr. 269a-274c; Lefebvre, no. 67 – Pyr. 266a-b.

15 Lefebvre, no. 80 – Totenbuch, Kap. 18; Lefebvre, no. 148 – Totenbuch, Kap. 42; Lefebvre, no. 68 – Totenbuch, Kap. 57; Lefebvre, no. 151 – Totenbuch, Kap. 72; Lefebvre, no. 66 – Totenbuch, Kap. 128.

16 Lefebvre (1923/24), Bd. I, p. 36.

17 Volkmann (1959), p. 1633; s.a. Bevan (1968), p. 81; Nakaten (1982), p. 995; Falivene (1991), p. 224.

18 Lefebvre (1923/24), Bd. I, pp. 13-14; s.a. von Bissing (1923), p. 1; Picard (1929/31), pp. 214-215.

19 Lefebvre (1923/24), Bd. I, pp. 32-35; s.a. Suys (1927), pp. 114-115; Picard (1929/31), pp. 216-217; Bevan (1968), p. 81.

20 Lefebvre (1923/24), Bd. I, p. 78; s.a. Montet (1926)b, p. 62; Suys (1927), p. 119.

21 Baines (2004), p. 46.

22 Lefebvre (1923/24), Bd. I, pp. 91-93.

23 Montet (1926)a, p. 170.

24 Picard (1929/31), pp. 206-207.

25 Montet (1926)a, pp. 170-171.

26 Montet (1926)a, pp. 171-172, Fig. 2 & 3.

27 Picard (1929/31), pp. 207-214 passim.

28 Montet (1926)b, p. 63. Zugleich fühlt Montet sich bezüglich der Darstellung der menschlichen Profile in ihrer korrekten Wiedergabe stark an die Darstellungen der persischen Flachreliefs erinnert. Allerdings muß hier die Tendenz des Autors beachtet werden, der dieses Grab ins 5. Jh. datieren will (s. in 1.1.2. Die „Zeit des Chaos“ und die Datierung des Grabes) und deswegen versucht, die Besonderheiten des Grabes allein durch persische Einflüsse zu deuten, während die Zurückführung auf griechische Einflüsse als eher unwahrscheinlich erscheine.

29 Picard (1929/31), pp. 219-220.

30 s. Caroli (2007), p. 139.

 

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