Dr. Christian A. Caroli – د. كْرِسْتْيَان أ. كَارُلِي

Auf dem Weg zum Rubikon

Caroli: Auf dem Weg zum Rubikon (Coverbild)

Christian A. Caroli:

Auf dem Weg zum Rubikon – Die Auseinandersetzungen zwischen Caesar und seinen politischen Gegnern 52-49 v. Chr.
 

Konstanz 2008 (badawi - artes afro arabica)
 

Umfang: X + 113 Seiten • Format: 24 x 17 cm • ISBN 13: 978-3-938828-25-0

Preis (bis 10/2015): EUR 29,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 11/2015 bis 12/2022): EUR 14,95 (inkl. 7% MwSt.) • Preis (ab 01/2023): EUR 9,95 (inkl. 7% MwSt.)

 

 

A) Die Vorgeschichte

III.) Die politischen Ereignisse zwischen Caesars erstem Konsulat von 59 und dem dritten Konsulat des Pompeius von 52

a) Der Gallische Krieg, seine Rechtmäßigkeit und seine politischen Auswirkungen

Nachdem Caesar sich nach Ablauf seines Konsulats zunächst vor den Toren Roms aufgehalten und von dort aus aktiv am politischen Geschehen teilgenommen hatte,67 brach er im März in seine Provinzen auf, als ihn von dort Nachrichten erreichten, daß die Helvetier von ihren bisherigen Wohnsitzen aufgebrochen seien, um neue Siedlungsgebiete zu suchen, und daß Gallia Narbonensis als eine seiner Provinzen dabei von ihrem Zug tangiert werde (Caes. Gall. 1,5-7). Die Lage im „freien“ Gallien war aus römischer Sicht schon seit ein paar Jahren als sehr kritisch beurteilt worden, so daß nach dem Allobrogeraufstand von 62 der Senat im Jahre 61 die jeweils amtierenden Statthalter des jenseitigen Gallien angewiesen hatte, die Häduer und übrigen amici rei publicae, soweit kein Nachteil für die res publica entstehe, notfalls unter kriegerischer Überschreitung der Provinzgrenzen zu schützen. Auf diese Anweisung stützte sich Caesar, als er aus eigener Machtvollkommenheit den Krieg gegen die Helvetier eröffnete und seine Handlung damit begründete, daß sie eine Gefahr für die römischen Bundesgenossen dargestellt hätten.68 Die Helvetier waren mit ihrem ungeheuren Troß aber kaum daran interessiert, unbedingt einen Krieg mit Rom anzufangen.69 Außerdem verlegten sie ihre Route in das Santonenland durch das Sequanerland, so daß das römische Herrschaftsgebiet nicht mehr direkt betroffen war und nur noch befürchtet werden konnte, daß sie einst stark werden und eine neue Wandertätigkeit entwickeln könnten, die u.U. die Grenzen des Römischen Reiches bedrängen würde. Daher konnte Caesar seinen Feldzug gegen die Helvetier alleinig als eine Präventivmaßnahme darstellen,70 was aber durchaus den römischen Gepflogenheiten entsprach.71

Die bestehende Rechtslage verbat Statthaltern ohne entsprechenden Senatsbeschluß aus eigener Initiative kriegerische Unternehmungen zu starten, was erst im vorangegangenen Jahr durch die ironischerweise von Caesar selber eingebrachte lex Iulia de pecuniis repetundis (s. in A) II.) a) Caesars Verhalten und Amtsführung während seines ersten Konsulats c. n. 33) ausdrücklich untersagt worden war,72 so daß Collins73 zu Recht feststellt, daß „the spirit of the lex Iulia de pecuniis repetundis was more honored in the breach than in the observance by its lator“. So konnten die politischen Gegner Caesars den Gallischen Krieg ohne weiteres als eine Reihe von z.T. entgegen dem Kriegsrecht begonnen Feldzügen interpretieren.74 Trotzdem versuchte während des Krieges z.B. Cicero in seinen Reden de provinciis consularibus und pro Balbo von 56 die Charakteristik als Angriffskrieg in keiner Weise zu verschleiern, sondern er rühmte dieses Faktum sogar ganz offen.75 Zwar hatte sich Cicero vorher unter dem Druck des Pompeius mit Caesar versöhnen müssen und sollte außerdem nach der Ermordung Caesars in seinen de officiis, wenn auch ohne direkte Bezugnahme auf Gallien, Caesars Verhalten gegenüber freien Völkern vernichtend kritisieren,76 aber trotzdem sollte es ihn nicht daran hindern, sich seiner Aggressionen, die er während seiner Statthalterschaft in Kilikien begehen sollte, z.T. auch Cato gegenüber zu rühmen.77 Des weiteren sind aus der Zeit vor der Ratifizierung der lex Iulia de pecuniis repetundis, als noch die lex Cornelia de maiestate78 galt, kaum Konsequenzen für die Überschreitung des Verbots der eigenmächtigen Kriegsführung überliefert, sondern diese Feldherrn wurden bei einer erfolgreichen Erweiterung des Machtbereiches zugunsten eines dauerhaften Friedens in den unterworfenen Gebieten eher noch offen gerühmt (s. Cic. imp. Cn. Pomp. 41). Die Klage gegen Gabinius von 54 stützte sich dagegen v.a. auf die Mißachtung eines ausdrücklichen senatus consultum.79 Aufgrund der entfernungsbedingt begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten war im Notfall den Statthaltern auch nicht immer die Möglichkeit gegeben, jedesmal den Senat um Erlaubnis zu fragen,80 was aber bei Caesars Feldzug gegen die Helvetier kaum zutraf, da er sich erst aufgrund der Nachricht der sich anbahnenden Krise aus der Nähe Roms entfernt hatte, so daß noch eine vorherige Kommunikation mit dem Senat möglich gewesen wäre. Allerdings war er damals noch nicht in der Lage gewesen, die Lage in der Provinz einigermaßen zufriedenstellend zu klären, wie auch der Senat dies nicht immer bezüglich der Vorkommnisse in den verschiedenen Provinzen schaffte.81 Catos Antrag aus dem Jahre 55, in dem er die Auslieferung des Feldherrn an die Germanen verlangte (Suet. Iul. 24,3), bezog sich offiziell nicht auf den unerlaubten Angriffskrieg Caesars, sondern wurde mit der mala fides Caesars gegenüber den Usipetern und Tenkterern begründet.82 So forderte er neben der Auslieferung die Abhaltung von Staatsopfern an die Götter, damit diese nicht die Soldaten oder gar die res publica als Ganzes für die Verbrechen und insbesondere den Verrat Caesars gegenüber den beiden Stämmen (s. Cic. off. 1,34-40) bestrafen würden.83

Außerdem widersprach der Krieg der bisherigen Gallienpolitik des Senats. Denn dieser hatte im Jahre 121 nach einem Sieg über die Averner und Rutenen beschlossen, diese Stämme nicht unter die direkte Herrschaft Roms zu stellen, und sich darauf beschränkt, im Jahre 120 das Küstengebiet Galliens aus militärischen und wirtschaftlichen Gründen wie der Schaffung eines Landkorridors zwischen den spanischen Provinzen und Italia als Provinz zu annektieren und Narbo zu kolonisieren.84 Auf dieser Basis hatte sich mittels wirtschaftlicher Beziehungen die indirekte Einflußsphäre Roms auch über die freien keltischen Gebiete ausgebreitet, was durch den kriegerischen Übergriff Caesars zunichte gemacht wurde.85 Das Ansehen Roms war jedoch in Gallien aufgrund der Ausbeutungspolitik der römischen Statthalter, aufgrund der Vernachlässigung Galliens, die durch die inneren Wirren in Rom und die Konzentration auf andere Krisenherde bedingt worden war, und aufgrund mehrerer militärischer Rückschläge römischer Heere wie im Sertoriuskrieg um ein Wesentliches gesunken. Daher war das System der indirekten Kontrolle Galliens durch Rom äußerst labil geworden.86 Zudem hätte angesichts einer Welle von Völkerwanderungen ein passives Verhalten des Römischen Reiches die Einflußsphäre in ihren Überresten endgültig zerstören können.87

Schließlich wurden die wenigen uns überlieferten Versuche, Caesar wegen der Auslösung des Gallischen Krieges bzw. seines Verhaltens in diesem Kriege zur Rechenschaft zu ziehen, allesamt nicht angenommen. So scheint Catos Vorstoß im Senat keinen besonders starken Anklang gefunden haben. Denn statt dessen wurde eine 20tägige supplicatio zu Ehren Caesars beschlossen.88 Durch diese und weitere Zuerkennungen von Festtagen für Caesars Siege (Caes. Gall. 2,35,3 & Cic. Balb. 61) anerkannte der Senat zugleich indirekt die „Rechtmäßigkeit“ der gallischen Feldzüge und Eroberungskriege Caesars oder verlieh zumindest seiner Zustimmung dazu Ausdruck.89 Daher konnte der Gallische Krieg mitsamt seinem Ausbruch an und für sich keine Rolle bei einer eventuellen rechtlichen Auseinandersetzung zwischen Caesar und seinen politischen Gegnern spielen, bzw. ein darauf ausgerichteter Prozeß mußte an der allgemeinen Euphorie über die Eroberung Galliens scheitern. Diese Euphorie mußte auch bei den meisten Gegnern Caesars bewirken, daß allein aufgrund des Eroberungskrieges der Haß nicht weiter anschwoll. Allerdings mußte der Gallische Krieg das Verhältnis zwischen Caesar und seinen Gegnern insofern verschlechtern, als er ihn zur Begründung von enormen Heeresaushebungen ohne Erlaubnis des Senats90 heranziehen konnte und darüber so mächtig wurde, daß seine Bekämpfung immer fraglicher werden mußte.

 

 

Anmerkungen:

67 Schol. Bob. p. 132 St.; s.a. Meier (1982), pp. 279-281; Gelzer (1960), pp. 88-89; Marsh (1963), p. 194; Meusel (1964), p. 16.

68 ...si non impetraret, sese, quoniam M. Messala M. Pisone consulibus senatus censuisset, uti quicumque Galliam provinciam obtineret, quod commodo rei publicae facere posset, Haeduos ceterosque amicos populi Romani defenderet, se Haeduorum iniurias non neglecturum. (Caes. Gall. 1,35,4); s.a. Meier (1982), pp. 292-294; Holmes (1923), Bd. I, pp. 306-307; Hignett (1962), pp. 545-547; Meusel (1964), p. 4; Strasburger (1968), p. 21; Will (1997), pp. 913-914.

69 Christ (1993), p. 327.

70 Caes. Gall. 1,10,1-2: (1) Caesar renuntiatur Helvetiis esse in animo per agrum Sequanorum et Haeduorum iter in Santonum fines facere, qui non longe a Tolosatium finibus absunt, quae civitas est in provincia. (2) Id si fieret, intellegebat magno cum periculo provinciae futurum, ut homines bellicosos populi Romani inimicos locis patentibus maximeque frumentariis finitimos haberet.; Dio 38,32,3.

71 Gelzer (1960), pp. 93-94; s.a. Hignett (1962), pp. 550-551.

72 ...exire de provincia, educere exercitum, bellum sua sponte gerere, in regnum iniussu populi Romani aut senatus accedere, quae cum plurimae leges veteres tum lex Cornelia maiestatis, Iulia de pecuniis repetundis planissime vetat. (Cic. Pis. 50); s.a. Meier (1982), p. 288; Mommsen (1899), p. 558.

73 Collins (1972), p. 939.

74 Meier (1982), p. 291.

75 Cic. prov. 32-33: (32) Bellum Gallicum, patres conscripti , C. Caesare imperatore gestum est, antea tantum modo repulsum. Semper illas nationes nostri imperatores refutandas potius bello quam lacessendas putaverunt [...] C. Caesaris longe aliam video fuisse rationem. Non enim sibi solum cum iis, quos iam armatos contra populum Romanum videbat, bellandum esse duxit, sed totam Galliam in nostram dicionem esse redigendam. (33) Itaque cum acerrimis nationibus et maximis Germanorum et Helvetiorum proeliis felicissime decertavit, ceteras conterruit, compulit, domuit, imperio populi Romani parere adsuefecit...; s.a. Cic. prov. 30 & fam. 15,4,8 & 10 & Att. 5,20,3; s.a. Collins (1972), p. 926.

76 Cic. off. 2,27-28: (27) Secutus est [sc. Sullam], qui in causa impia, victoria etiam foediore non singulorum civium bona publicaret, sed universas provincias regionesque uno calamitatis iure comprehenderet. (28) Itaque vexatis ac perditis exteris nationibus [...] Multa praeterea commemorarem nefaria in socios...; s.a. Strasburger (1968), pp. 24-25.

77 Cic. fam. 15,4,8 & 10; s.a. Collins (1972), p. 932.

78 Cic. Pis. 50 (s. n. 72) & fam. 3,11,2 & Cluent. 97 & Verr. 2,1,12 & Ascon. p. 48 St.; s.a. [Cic.] Rhet. Her. 2,17; s.a. Rotondi (1912), p. 360.

79 Collins (1972), pp. 923-926; s.a. Lehmann (1951), pp. 4-5.

80 Marsh (1963), p. 336.

81 Marsh (1963), p. 336.

82 Collins (1972), p. 924; s.a. Lehmann (1951), p. 180.

83 Plut. Cato min. 51,1-2: (1) Τοῦ δὲ Καίσαρος [...] Γερμανοῖς δὲ καὶ σπονδῶν γενομένων δοκοῦντος ἐπιθέσθαι καὶ καταβαλεῖν τριάκοντα μυριάδας, οἱ μὲν ἄλλοι τὸν δῆμον ἠξίουν εὐαγγέλια θύειν, ὁ δὲ Κάτων ἐκέλευεν ἐκδιδόναι τὸν Καίσαρα τοῖς παρανομηθεῖσι καὶ μὴ τρέπειν εἰς αὑτοὺς μηδὲ ἀναδέχεσθαι τὸ ἄγος εἰς τὴν πόλιν. (2) „Οὐ μὴν ἀλλὰ καὶ τοῖς θεοῖς,“ ἔφη, „θύωμεν, ὅτι τῆς τοῦ στρατεγοῦ μανίας καὶ ἀπονοίας τὴν δίκην εἰς τοὺς στρατιώτας οὐ τρέπουσιν, ἀλλὰ φείδονται τῆς πόλεως.“; s.a. Plut. Caes. 22,2-3 & App. Celt. 18,1-2; s.a. Meier (1982), p. 343; Meyer (1922), p. 172; Gelzer (1963), p. 265; Strasburger (1968), p. 25.

84 Caes. Gall. 1,45,2-3, bes. 2: Bello superatos esse Avernos et Rutenos a Quinto Fabio Maximo, quibus populus Romanus ignovisset neque in provinciam redegisset neque stipendium imposuisset.

85 Strasburger (1968), pp. 22-23; s.a. Hignett (1962), p. 545.

86 Christ (1993), p. 324; s.a. Hignett (1962), p. 545; Raditsa (1973), p. 421.

87 Christ (1993), pp. 327-328; s.a. Hignett (1962), pp. 545-546; Collins (1972), p. 928; Raditsa (1973), pp. 421-422.

88 Suet. Iul. 24,3 & Caes. Gall. 4,38,4 & Dio 39,53,2; s.a. Meyer (1922), pp. 172-173; Miltner (1953), pp. 185-186; Gelzer (1963), p. 265; Taylor (1966), p. 142.

89 Horst (1989), p. 194.

90 Suet. Iul. 24,2 & Caes. Gall. 7,65,1; s.a. Lehmann (1951), pp. 191-192.

 

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