As-Sabil al-Arabiyy:
Kombinierte Grundlagen der arabischen Grammatik
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A) Einleitung
Die arabische Sprache gehört zu den zehn am meisten gesprochenen Sprachen der Erde und verkörpert die Muttersprache von über 300 Millionen Menschen, die teilweise in Regionen und Ländern mit drastischem Bevölkerungswachstum leben. Sie wird in 18 souveränen Staaten, aber auch in den Palästinensischen Autonomiegebieten und im umstrittenen Gebiet der Westsahara, von mehr als der Hälfte der Einwohner gesprochen. Das Gebiet dieser Staaten dehnt sich von Mauretanien im Westen bis zum Irak im Osten aus, aber auch noch in manchen Gebieten Afghanistans wird diese Sprache verwendet. Zusätzlich wird die arabische Sprache auch von über 250 Millionen Menschen als Zweit- und damit Alltagssprache benutzt. Darüber hinaus ist sie eine der offiziellen Amtssprachen der Vereinten Nationen.
Die arabische Welt
(angezeigt werden Staaten, in denen mehr als 50% der Bevölkerung arabisch spricht, nicht souveräne Territorien werden kursiv angeführt; Stand 08/2022)
Zugleich verkörpert das Arabische – in der Form des Klassischen Arabisch, auf dem das Neuhocharabische basiert – auch die Sprache des Korans, in der sich nach muslimischem Glauben Allah dem Propheten Mohamed offenbarte. Somit besitzt die arabische Sprache in der Glaubensgemeinschaft der Muslime auch außerhalb der arabischen Welt eine besondere Bedeutung, insbesondere da die heiligen Schriften nur in der arabischen Sprache als authentisch gelten und die rituellen Gebete in dieser Sprache erfolgen müssen.
Menschen aus anderen Kulturkreisen und anderen Religionen genießen grundsätzlich ein beachtliches Ansehen in der arabischen Welt – und zwar auch bei arabischen Nicht-Muslimen –, wenn sie versuchen, Arabisch zu lernen und in dieser Sprache zu kommunizieren. So bemerken Reisende in arabischen Ländern oftmals, daß ihre noch so stümperhaften Versuche, sich auf arabisch zu verständigen, von Arabern erfreut aufgenommen und sie selber mit sehr viel Achtung und Höflichkeit behandelt werden.
Allerdings besteht die größte Hürde für einen Europäer zunächst einmal darin, die arabische Sprache zu erlernen. Sie gehört nämlich im Gegensatz zu den meisten europäischen Sprachen nicht der indoeuropäischen, sondern der semitischen Sprachfamilie an. Dies bedeutet zum einen, daß die einzelnen Vokabeln in aller Regel keine Ähnlichkeit mit den Entsprechungen im Deutschen oder in einer indoeuropäischen Sprache besitzen, und zum anderen, daß viele grammatikalische Erscheinungen – insbesondere im Bereich der Formbildung – von den gewohnten Mustern stark abweichen.
Hinzu kommt noch, daß das gesprochene Arabisch von Region zu Region starke Unterschiede aufweist. Zwar gibt es eine Schriftsprache, nämlich das sogenannte Neuhocharabisch (fúṣḥā), doch wird diese Form außerhalb des geschriebenen Wortes und offizieller Nachrichtensendungen im Alltag kaum verwendet und muß auch von den meisten Kindern erst mühsam in der Schule erlernt werden. Daher wirken viele Araber zunächst einmal irritiert, wenn sie auf Neuhocharabisch angesprochen werden, doch werden sie es in aller Regel dann verstehen.
Das Neuhocharabische stellt im wesentlichen eine Weiterentwicklung des Klassischen Arabisch des Korans dar. Es kam hierbei zu gewissen Vereinfachungen (v.a. beim Verb) und Vereinheitlichungen der Phänomene, aber auch zu Versuchen für gängige grammatikalische Erscheinungen der westlichen Sprachen Entsprechungen zu schaffen. Dieses Streben begann schon in der Grammatik des Mittelalters und wird in den Medien des heutigen Zeitalters fortgesetzt. Dies bringt allerdings mit sich, daß in den heutigen Medien immer wieder neue grammatikalische Phänomene auftreten, die sich auch in der alltäglichen Schriftsprache etablieren können, aber in den offiziellen Grammatikwerken noch keinen Eingang gefunden haben. Hier gibt es auch immer wieder Widerstände der traditionalistischen Seite und der Sprachpuristen, die die Sprache möglichst „rein“ erhalten wollen.
Hinzu kamen immer wieder starke Ergänzungen im Vokabular, die v.a. damit zusammenhängen, daß für neue Errungenschaften im Verlauf der Geschichte neue Begriffe gefunden werden mußten. So arbeitet die Welt des 21. Jahrhunderts im Gegensatz zu der des Propheten Mohamed z.B. mit Computern (combjútar) und anderer Elektronik und versendet E-Mails (ī́mīl bzw. áymala) über das Internet (íntarnit). Allerdings gibt es für viele dieser Begriffe nicht immer eine einheitliche Übernahme in die arabische Sprache und v.a. Orthographie, wie auch manche Traditionalisten versuchen, Entlehnungen aus anderen Sprachen zu vermeiden und Bezeichnungen mit arabischer Wurzel zu finden, die jedoch oftmals sehr gekünstelt wirken. So surft z.B. der arabische Sprachpurist von heute mit seinem „Läufer“ (ǧáwwal = Mobilfunktelephon) im „Spinnennetz“ (aš-šábaka al-‹ankabū́tiyya = Internet), um „elektronische Post“ (barī́d iliktrū́niyy = E-Mail) zu verschicken.
Insgesamt kann jedoch bemerkt werden, daß sich die arabische Hochsprache seit der Zeit der Entstehung des Korans in einem wesentlich geringerem Maße veränderte als die meisten anderen lebenden Sprachen innerhalb dieses Zeitraums. So dürfte sich das Klassische Arabisch des Korans vom heutigen Neuhocharabisch sprachlich etwa so stark unterscheiden wie das Deutsch der Luther-Bibel vom heutigen Neuhochdeutsch, während im Bereich der Orthographie die Änderungen noch wesentlich geringer sind. Die Ursache für diesen äußerst langsamen Wandel dürfte hierbei eindeutig in der Heiligkeit der Sprache als der Sprache der Offenbarung liegen, indem alle Generationen seit dem 7. Jahrhundert – bzw. spätestens dem 9. Jahrhundert, aus dem die ältesten erhaltenen Exemplare stammen – den Koran zu lesen und rezitieren pflegten.
Das Neuhocharabische ist über den arabischen Raum hinweg jedoch nicht vollkommen einheitlich. Zum einen liegt dies daran, daß die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der arabischen Sprache schon seit dem Mittelalter in verschiedenen über den arabischen Sprachraum verteilten Schulen mit ihren jeweils eigenen Traditionen erfolgte, von denen einige wenige überregionale Bedeutung erlangten, aber niemals eine sich gegen alle anderen durchsetzen konnte. Des weiteren gibt es manchmal synonyme Begriffe – also verschiedene Begriffe gleicher Bedeutung –, von denen je nach Region der eine oder andere bevorzugt wird.
Auch wenn im arabischen Alltag das Neuhocharabische keine besondere Rolle spielt, so macht das Erlernen eines Dialektes nur Sinn, wenn man fast ausschließlich in ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Region reist. Da nämlich die einzelnen Regionaldialekte unter anderem aufgrund der Integration verschiedener lokaler sprachlicher Einflüsse – wie Ursprachen und die Sprachen angrenzender Völker und Stämme – sehr stark voneinander abweichen können, wird ein spezieller Regionaldialekt oftmals nur in einer bestimmten Region verstanden. So kann sich z.B. ein Marokkaner, dessen Sprache stark vom beduinischen Berberdialekt geprägt ist, nur sehr schwer bei einem Ägypter verständlich machen, dessen Dialekt eher vom Koptischen der ägyptischen Christen beeinflußt wurde. Die einzige Ausnahme bildet hier im allgemeinen der Dialekt der Region Kairo, da dieser aufgrund der Rolle des Ortes als arabischer Filmmetropole in der gesamten arabischen Welt verstanden wird.
Den besten Effekt in bezug auf Verständnis bietet hier das Neuhocharabische, wobei allerdings damit gerechnet werden muß, daß das Gegenüber sich trotzdem seines gewohnten Dialektes bedient. Auch wird in der arabischen Sprachlehre grundsätzlich empfohlen, das Neuhocharabische als Basissprache zu erlernen, um sich dann bei einem eventuellen Bedarf in bestimmte Dialekte zu vertiefen.
Das nun vorliegende Werk möchte dem Nutzer einen systematischen und praktischen Überblick über die Grundlagen der arabischen Grammatik liefern. Hierbei wird versucht, die grammatikalischen Phänomene des heutzutage verwendeten Neuhocharabisch möglichst umfassend, aber auch möglichst verständlich darzustellen.
Manchmal wird hierbei auch auf Besonderheiten des Klassischen Arabisch verwiesen. Diese besitzen zwar im heutigen Alltagsarabisch kaum noch Bedeutung, jedoch können sie durchaus vorkommen. Denn im Neuhocharabischen gilt grundsätzlich die Regel, daß jede grammatikalische Konstruktion und jede Form der klassischen Sprachstufe verwendet werden kann, auch wenn dies meist nur in der höheren Literatur der Fall ist.
Gleichzeitig zeichnet sich das alltägliche Neuhocharabisch insbesondere der Alltagsmedien dadurch aus, daß neue grammatikalische Erscheinungen und Formen hinzukommen, auch wenn sie formal nicht als Teil der Hochsprache anerkannt sind. Hinzu kommen noch weitere Besonderheiten des gesprochenen Alltagsarabisch, die oftmals aus Vereinfachungen komplexer grammatikalischer Phänomene bestehen. Auch hierauf soll bis zu einem gewissen Grade eingegangen werden.
Zwecks der Übersichtlichkeit des Werkes wurde die Beschreibung einiger dieser seltener vorkommenden Phänomene, aber auch Informationen von geringerer Bedeutung für den Alltagsgebrauch des Arabischen in den Anhang verlegt. Jedoch erscheinen Anmerkungen geringeren Umfangs, die keines eigenen Abschnittes wert waren, an Ort und Stelle im Hauptteil, und zwar in kursiver Schrift. Im Anhang befinden sich auch Übersichtstabellen zu den meisten gängigen Verbgruppen.
